Hallo. Ich weiß momentan nicht mehr weiter. Meine Familie und ich sind alle gläubige Christen. Meine Mutter hat innerhalb von 9 Jahren alle ihre 5 Geschwister verloren, auf unterschiedlichste Weisen und es hört einfach nicht auf. Jedes Jahr stirbt mindestens ein Mensch seit Jahren und ich drehe bald durch weil meine Angst vor dem Tod dadurch immer weiter angefacht wird weil ich so unglaubliche Angst habe meinen Körper zu verlassen. Ich finde den Gedanken so unglaublich schrecklich und ich weiß nicht wie ich damit umgehen kann? Gibt es Tipps dagegen die einen beruhigen können? Und ich hab auch unglaubliche Angst meine Angehörigen nicht mehr wiederzusehen weil meine Mutter und mein Bruder an eine Inkarnation glauben was ich noch schrecklicher finde und mir noch mehr Angst bereitet. Gibt es eine Reinkarnation im Christentum und wenn ja in welcher Form? Weil mir war das bisher total fremd und ich dachte immer man trifft seine Lieben wieder irgendwann… Vielen Dank im Voraus.
Liebe Lara,
Ihre Frage bewegt mich. Sie machen wirklich viel durch, denn das Sterben und der Tod nahe stehender Menschen trifft ins Herz und wenn Sie zusätzlich noch miterleben, dass Ihre Mutter unter diesen Verlusten leidet, vertieft sich Mitleid schnell zu einem großen Erschrecken über den Tod. Solche Trauer will ich nicht zerreden und durch den Versuch mit schnellem Trost zu zerstreuen. Man könnte ja sagen: "Freue dich doch, du lebst!" Oder man könnte Sie auffordern: "Du lebst, mach etwas daraus!" Solche Trostversuche kenne ich aus vielen Zusammenhängen aber ich mag nicht, wenn man mir sagt, was ich fühlen soll, das tatsächlich nicht fühlen kann.
Ich finde es wichtig, dieses Erschrecken, das Sie beschreiben, auszuhalten und - auf Ihre Weise für sich - fruchtbar zu machen. Denn die Menschen um die Sie trauern sind ja nicht spurlos verschwunden. Unsere Toten haben für uns eine bleibende Bedeutung. Als junger Pastor traf ich auf ältere Leute in deren Wohnzimmern hingen Fotos toter Brüder, Ehemänner, eben Bilder der Menschen, die im Krieg "gefallen" sind. Und häufig kam die Rede auf diese Toten und dann erwachten auch Erinnerungen und die toten Angehörigen waren dann doch noch so überraschend lebendig und im Gespräch zeigte sich, deren Nähe. In vielen solcher Gespräche trat die anhaltende Trauer um den vollkommen sinnlosen Tod der jungen Menschen in den Hintergrund. Ich kann Ihnen keinen Tipp geben aber ich will Sie ermutigen: Reden Sie in Ihrer Familie über die Verstorbenen, deren Leben und deren Sterben, nehmen Sie Fotos zur Hand und teilen mit Ihrer Mutter die schönsten Momente noch einmal neu. Vielleicht lindert solche Art der gegenseitigen Erinnerung Ihren Schmerz und verschiebt Ihre Angst.
Auch Ihre Furcht vor dem Moment des Sterbens kann ich nicht zerstreuen. Die Menschen, deren Sterben ich erinnere, sind diesen letzten Weg alleine gegangen, aber Einsamkeit habe ich am Strebebett in meiner Gemeinde selten erlebt. Selbst einsam Sterbende empfanden häufig die Näher der Menschen, die sie einst geliebt haben. Ein alter Pfarrer, den ich über Jahrzehnte gut kannte, hatte die großen Kirchenchoräle von Paul Gerhard auswendig gelernt. In der Stunde des Sterbens wollte er sich an diesem Choraltext aus dem Evangelischen Gesangbuch (Lied 85) trösten:
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
Er hat - als er noch fit war - diese Worte häufig für sich selbst aufgesagt und fand Trost in der Vorstellung, dass Gott ihn auf und durch diesen letzten Weg begleiten wird. Alleine, einsam würde er sich nicht fühlen, davon war er überzeugt.
Als er dann starb hatte dieser alte Pastor schon alles - was ihm wichtig war - vergessen, auch den Choral und Paul Gerhard erinnerte er nicht mehr. Aber dann stieg - aus ungeahnter Tiefe - ein Gebet in ihm auf, das Lied von Luise Hensel aus dem Evangelischen Gesangbuch (Lied 484) das kannte er plötzlich wieder, es war einst sein Kindergebet gewesen:
Müde bin ich, geh' zur Ruh',
Schließe beide Äuglein zu;
Vater, laß die Augen dein
Über meinem Bette sein!
Der abendliche Trost, der ihn in Kindertagen umsorgte, trug ihn durch die Stunde seines Todes. Sie beschreiben das Sterben als ein "den Körper verlassen". Die Gebete alter Tage beschrieben das Sterben eher als ein Entschlafen und der Tod wird wie ein großer Schlaf beschrieben. Der Glaube sagt Ihnen, dass Sie begleitet sind: Von Gott, einem Engel, Christus, und Sie sind mit Ihrem Leben angesehen aus gnädigen Augen.
Mein Rat an Sie: Suchen Sie solche Bilder, Texte, Bibelworte, Musik, Gespräche, die Sie früher schon einmal ermutigt haben und Sie heute trösten konnten. Vielleicht ist da eine Hilfe.
Und: Fragen Sie bitte einmal Ihre Pastorin oder Ihren Pastor, wo sich in Ihrer Gemeinde oder dem Kirchenkreis Menschen treffen, die trauern. An vielen Orten gibt es Trauergruppen, betroffener Menschen, die - wie Sie - Auswege aus der Trauer suchen. Wenn Sie den Begriff "Trauercafé" in eine Suchmachiene eingeben, werden Sie - hoffentlich - so ein Trauercafé in Ihrer Nähe finden.
Um Ihre zweite Frage ganz klar zu beantworten: Reinkarnation - also eine Folge von Erdenleben die wir, die einzelnen Menschen durchlaufen - wird in den christlichen Kirchen nicht gelehrt. Der christliche Glaube folgt der Hoffnung auf eine gnädige Erlösung, auf eine große Versöhnung in Gottes Gereicht. Im Gespräch mit Menschen, die an eine Reinkarnation glauben, fühle ich mich immer etwas flügellahm, den ich kann nur sagen: "So genau wie du weiß ich es nicht." Aber ich weiß was der Apostel Paulis sagt: "ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn." (Römer 8,38-39) Im sonntäglichen Glaubensbekenntnis sagen wir mit der ganzen Gemeinde: "Ich glaube an die Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben." In mir wecken diese Worte eine Zuversicht von der ich mich getragen fühle und dann denke ich: Ich werde sie alle wieder treffen, aber es wird alles ganz anders sein.
Ich wünsche Ihnen von Herzen solche Zuversicht, ein Gespräch mit Ihrer Mutter, ein supergutes Trauercafé und Kraft für Ihren Glauben,
Ihr Henning Kiene