Hallo, ich habe eine Frage bezüglich der evangelischen Sichtweise auf Bibelübersetzungen. Da ich quasi Konfessionslos bin, habe ich mich inzwischen relativ tiefgehend mit verschiedenen Übersetzungen, deren Ursprung und ihren Ansätzen auseinandergesetzt. Es gibt ja unglaublich viele verschiedene moderne wie alte deutsche Übersetzungen. Am Beispiel von Luther selbst zeigt sich, dass eine Übersetzung die resultierende Theologie maßgeblich beeinflussen kann, ob sich das nun positiv oder negativ auswirkt. Wenn ich also zu einer Bibel greife, lese ich im Grunde nur eine Interpretation bzw. die Sichtweise des Übersetzers, oder? Die Jünger selbst predigten, wie in der Apostelgeschichte beschrieben, in vielen verschiedenen Muttersprachen. Kann man also davon ausgehen, dass theoretisch eine „perfekte“ Übersetzung ins Deutsche möglich ist, wenn jemand vom Heiligen Geist geleitet wird? Da es den einen „Urtext“ heute so nicht mehr gibt, stellt sich mir die Frage, ob so etwas heutzutage überhaupt möglich wäre. Meine Frage noch einmal kurz zusammengefasst: Wäre eine theoretisch exakte Bibelübersetzung ins Deutsche möglich? Oder muss man tatsächlich erst den Codex Sinaiticus, Vaticanus etc. studieren, um nicht nur den Sinn (sensus e sensu), sondern eben auch den genauen und gottgegebenen Wortlaut (verbum e verbo) zu verstehen? Vielen Dank im Voraus! :)
Lieber Nathanael,
vielen Dank für deine Frage. Ich bin ein großer Fan der Lutherbibel 2017, die entfaltet die Sprache des Reformators, hält an dessen Wortschöpfungen fest und zeigt, wie tief dieses Lutherdeutsch unsere Kultur durchdrungen und geprägt hat. Als Pfarrer der Evangelischen Kirche weiß ich mich - persönlich und beruflich - von diesem Text getragen. Ich greife aber auch zum Text der Basis Bibel und lese die Neue Genfer Übersetzung. Um dem Grundtext nahe zu kommen lesen viele Menschen die Elberfelder Bibel, die ich Ihnen empfehle. Jede dieser Übersetzungen macht mir Freude und ich bin davon überzeugt, dass die Vielzahl der Übersetzungen mich dem Urtext näher bringen. Aber mir ist bewusst, jede Übersetzung ist nur eine Annäherung an die Ausgangsfassung des Textes. Als Person der Praxis halte ich es mit dem Satz meiner alten Ärztin: Wer heilt hat Recht. Also: Wer die Botschaft der Bibel verstehbar formuliert, hat Recht. Aber genau diese Antwort reicht Ihnen - ich ahne es - nicht aus.
Tatsächlich müssten Sie für eine exakte Übersetzung Hebräisch, Griechisch und - das wäre ideal - Aramäisch lernen und mit den Texten in der Ausgangssprache arbeiten. Doch auch mit Kenntnis der alten Sprachen kommen Sie nur bis zu den ältesten vollständigen Handschriften. Der Codex Leningradensis oder Codex Petropolitanus (1008 n. Chr.) enthält das ganze "Alte Testament". Dieser Text ist so gut, dass er die Grundlage für die wissenschaftliche Ausgabe der Deutschen Bibelgesellschaft (BHS) bildet. Mit Blick auf das "Neue Testament" gelten drei Texte als sichere Grundlagen. Auf den Textus Receptus hatten die Übersetzungen in der Reformationszeit Zugriff, der Mehrheitstext (Byzantinischer Text) stammt aus dem Mittelalter und aus dem Byzantinischen Reich, der kritische Text des Münsteraner Forscherehepaares Barbara und Kurt Aland, der Nestle-Aland wird seit 1979 in der deutschen Theologie gelesen. Für den Text konnten viele Papyrus-Handschriften, die in Ägypten gefunden wurden, berücksichtigt werden. Ich besitze die älteste Ausgabe und eine verbesserte Ausgabe wird in Kürze erscheinen. Kurz, der "Urtext" nach dem Sie fragen, ist immer ein wissenschaftlich abgestimmter, tragfähiger Kompromiss, der fortwährend verbessert wird.
Ein "gottgegebener Wortlaut" bezieht sich also nicht auf die Buchstaben, sondern auf den Inhalt. Das eröffnet ein anderes Thema und wäre eine neue Frage.
Hieronymus forderte im 4. Jahrhundert, man müsse beim Übersetzen der Bibel die Wort-für-Wort-Methode anwenden. Begründung: Die Anordnung der Wörter im Urtext sei nicht nach menschlichem Verständnis erfolgt. Eine Änderung ihrer Reihenfolge würde dem Mysterium der Bibel nicht gerecht. Nach diesem Prinzip entstand die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Bibel. Bis heute gilt der Text der Vulgata als höchster Standard für das Übersetzen.
Allerdings übersetzte Hieronymus beispielsweise "das Böse" mit dem Wort "malum", diese Übersetzung ist nicht eindeutig, "malum" kann auch "Apfel" heißen. So zog der Apfel in die Sündenfallgeschichte ein, gemeint aber war eine unbekannte Frucht und das Böse, nach dem Adam und Eva griffen. Wortwörtlich zu übersetzen sorgt im Ohr der Hörenden nicht automatisch für Klarheit.
Vor Luther gab es zahlreiche Bibelübersetzungen. In der Kirche wurde allerdings über eine "Armut der deutschen Sprache" geklagt. Das Deutsche sei nicht in der Lage, das Geheimnis der biblischen Texte zu fassen. Zugleich wachte die Kirche mit voller Autorität über die Bibel und erklärte einzelne Personen, die die Bibel übersetzten, zu Ketzern. Die Bibel zu übersetzen war also lebensgefährlich. Die Frage, die Sie hier stellen, war über viele Jahrhunderte tabu.
Martin Luther hatte ein klares Prinzip für seine Arbeit an der Bibelübersetzung: "Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen." (Martin Luther, Sendbrief vom Dolmetschen 1530) Aber Luther achtete den Buchstaben: "Doch hab ich wiederum nicht allzu frei die Buchstaben lassen fahren, sondern mit großer Sorgfalt samt meinen Gehilfen darauf gesehen, so dass, wo es etwa drauf ankam, da hab ich’s nach den Buchstaben behalten und bin nicht so frei davon abgewichen." (Martin Luther, Sendbrief vom Dolmetschen 1530) Und: Die Übersetzung Lutherbibel entstand im wissenschaftlichen Gespräch, das Luther bis zuletzt pflegte, also ist sie wissenschaftliches Teamwork und gilt bis heute nicht als abgeschlossen.
Übersetzen heißt also beides, man muss sich eng an den Ausgangstext halten und zugleich für Verständlichkeit sorgen. Und Luther übersetzte als Theologe natürlich theologisch. Er setzte für das christliche Lesen der Bibel einen Maßstab, sagte, man möge die Bibel nicht als Gesetzbuch, sondern als lebendiges Zeugnis lesen, in dessen Zentrum die gute Nachricht von der Erlösung durch Jesus Christus stehe.
Nun habe ich Ihnen eine Antwort auf beide Fragen, die Sie gestellt haben, gegeben und es tun sich für uns beide vermutlich neue Fragen auf. Wenn es Ihnen ähnlich geht, wie mir, dann fragen Sie bitte weiter, wir geben uns Mühe, Ihnen zu antworten.
Herzliche Grüße, Ihr Henning Kiene