Hat Gott den Tod geschaffen?

Gefragt von Daniel
Friedhof mit zwei Gräbern und viel Himmel

©ddp/Unsplash

Hallo,
mein Vater ist vor einigen Tagen verstorben. Ich bin kein "offizieller" Christ (kein Kirchenmitglied), wenn man es so nennen mag – dennoch finde ich die Antworten aus dem Christentum als "nahestehende" Option für mich.
Heute auf unserem Friedhof in der Stadt, habe ich auf einen Grabstein nur ein Wort gefunden: "Warum?" (anstatt Bibelverse oder Abschiedsworte). Da ich mir aktuell den Kopf zerbreche, dachte ich: Ich stelle einfach mal meine Frage.
Aus einer Sache werde ich nicht schlau: Woher kommt der Tod? Wer hat den Tod geschaffen? Oft liest man: "Gott hat den Tod nicht geschaffen, aber in seine Schöpfung einbezogen". Gibt es hierzu eine Antwort in der Bibel? Wenn ich es richtig nachvollziehen kann, ist der Tod erst mit der Vertreibung aus dem Paradies gekommen. Als "Strafe". Wenn Gott den Tod nicht geschaffen hat, wie kann Gott dann der Tod den Menschen beeinflussen?
Ich bin mir im Klaren das der Tod ein komplexes Thema in jeder Religion ist, allerdings suche ich nach einer Antwort – vermutlich wie jeder Angehörige eines Verstorbenen.
Vielen Dank
Daniel

Lieber Daniel,

zunächst einmal mein herzliches Beileid zum Tod Ihres Vaters! Ich wünsche Ihnen, dass Sie Menschen haben, mit denen Sie ihre Trauer teilen können. Der Tod ist nicht nur für religiöse Menschen eine große Herausforderung. Wenn man einen geliebten Menschen verliert, liegt die Frage "Warum?" einfach nah.

Nun zu Ihren konkreten Fragen: Gott hat nach der biblisch-christlichen Tradition den Tod tatsächlich nicht geschaffen. Der Tod ist ein Teil des Chaos', das bereits vor der Schöpfung da war. In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird erzählt, wie Gott das Chaos ordnet. Schöpfung bedeutet in diesem Sinn, dass Gott einen Bereich schafft, in dem Leben möglich ist. Der Tod, genauer gesagt "Nicht-Leben", ist sozusagen der Urzustand. Gott schafft nicht den Tod, er schafft das Leben innerhalb einer Welt, die dieses Leben möglich macht. Der Tod wird sozusagen in seine Schranken verwiesen. Leben kann nur dort existieren, wo Gottes Ordnung herrscht, die das Chaos vertrieben hat.

So kommt es auch zur Vorstellung von der "Unterwelt". Sie ist der Bereich, den Gott nicht geordnet hat. Hier "herrscht" immer noch der Tod, hier ist immer noch Chaos. Wer stirbt, so die Vorstellung, verlässt den Lebensbereich und begibt sich in das Reich des Todes.

Der Tod war also, nach biblisch-christlicher Vorstellung, immer schon da, lediglich das "Sterben-müssen" kam später dazu. Wie Sie schon geschrieben haben, erzählt die Bibel von der Vertreibung aus dem Garten Eden. Weil die Menschen gegen Gottes ausdrückliches Gebot vom "Baum der Erkenntnis" aßen, wurden sie aus dem Garten verbannt, damit sie nicht auch noch vom "Baum des Lebens" essen würden, denn dann wären sie – so sagte sich Gott, so wie er selbst: wissend und unsterblich. Wenn man diese Aussage ernst nimmt, sind die Menschen also bereits sterblich geschaffen worden und nicht erst sterblich geworden, weil sie von dem verbotenen Baum aßen. Gott hatte zwar mit dem Tod gedroht, aber anscheinend ändert er die Strafe zu: Lebenslängliche Verbannung aus dem Paradies. Nachlesen können Sie die Geschichte hier. (1. Mose 2)

Zu sterben gehört also zu den Eigenschaften des Menschen, wie geboren zu werden und zu leben. Der Tod herrscht dort, wo Gott nicht regiert. Das ändert sich nun nach christlicher Überzeugung mit dem Tod und der Auferstehung von Jesus Christus. Dadurch, dass Gottes Sohn höchstpersönlich durch den Tod ging, vergrößerte er sozusagen Gottes Einflussreich auch auf das Totenreich. Wo vorher maximale Gottesferne war, wurde nun Gott selbst anwesend.

So kann man sagen, dass die Toten zwar weit entfernt von den Lebenden sind, aber nicht mehr entfernt von Gott. Gott beeinflusst nach christlichem Verständnis den Tod also nicht, er nimmt ihm aber die Macht, indem er ihm selbst den Bereich wegnimmt, den er ihm bei der Schöpfung noch gelassen hatte.

Ja, das ist ein komplexes Thema, und es wird noch komplexer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Christentum außerdem noch auf eine neue Schöpfung hofft, in der Gott endgültig und überall herrscht, so dass es überhaupt keinen Tod mehr gibt.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig verständlich machen, was das Christentum über den Tod denkt.

Nochmals alles Gutes für Sie!

Frank Muchlinsky

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