Gibt es eine eindeutige Darstellung Jesu am Kreuz?

Heinz Biniok
Kruzifix in einer Kirche
epd-bild/Hanno Gutmann

Auf verschiedenen Darstellungen gibt es bei der Kreuzigung Jesus, seitliche Darstellung ausgeschlossen, wo die Füße Jesus, wenn sie über Kreuz dargestellt werden, unterschiedlich zuerst der linke Fuß über dem rechten Fuß; ein andermal der rechte Fuß über dem linken Fuß dargestellt wird. Gibt es hierfür keine eindeutige Darstellung ? Vielen Dank für eine Antwort.

Sehr geehrter Herr Biniok,

vielen Dank für Ihre Frage. Sie führen uns in die Geschichte der christlichen Malerei und der Kunst der Bildhauerei. Die christliche Kunst deutet und reflektiert die theologische Diskussion und trägt mit ihren Aussagen zum inhaltlichen Diskurs bei. Die unterschiedlichen Darstellungen der Kreuzigungsszene weisen auf theologische Weichenstellungen hin. 

Meine Kollegin Pia Heu hat eine ganz ähnliche Frage (Jesus am Kreuz - die Füße übereinander oder nebeneinander?) bereits beantwortet. Bitte lesen Sie auch deren Antwort und den Hinweis, den Pia Heu auf einem Beitrag im Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gibt. Die Frage, die Sie stellen geht allerdings einen Schritt weiter als diese - etwas ältere - Frage. Und die Antwort ist: Nein, es gibt keine eindeutige Darstellung. Aber, es gibt einen biblischen Anhaltspunkt. 

Ab dem 14. Jahrhundert zeigen die kunstschaffenden Personen Christus als Schmerzensmann. Der mitleidende, den menschlichen Schmerz erleidende Christus tritt in den Vordergrund. Zwei Nägel, häufig überdimensional vergrößert, durchbohren die Hände und ein weiterer - dritter - ebenfalls großer Nagel fixiert beide Füße. Der rechte ist in der Regel über den linken Fuß gelegt. Diese Fixierung eröffnet der kunstschaffenden Person die Möglichkeit, die rechte Seite Jesu als die Seite hervorzuheben, die sich den "gerechten Schafen", also den im Weltgericht geretteten Personen, zuwendet (Siehe: Matthäus 25,31-46). Denen verspricht er in seinem Sterben die ewige Rettung. Die menschliche Anatomie hat - so wird gemutmaßt - diese Anordnung vorgegeben. 

Ein prominentes Beispiel ist der Isenheimer Altar in Colmar: Matthias Grünewald zeigt Johannes, den Jünger, den Jesus liebte, an der Seite der Mutter Jesu und Maria aus Magdala. Diese drei Personen befinden sich auf Jesu rechter Seite. Zu diesen beiden hin wendet der leidende Christus seinen Körper. 

Also: Rechter über linkem Fuß könnte die Symbolkraft stärken, die der rechten Seite zugesprochen wird.  

Darstellungen, auf denen Christus mit dem linken, der über dem rechten Fuß an das Kreuz fixiert ist, sind selten. In einer Bronzefigur von Michelangelo legt der leidende Christus das linke über das rechte Bein. In der Zeit der Renaissance soll diese Art der Darstellung verbreitet gewesen sein. Dennoch betont der biblische Hintergrund die rechte Seite. 

Also: Es gibt keine eindeutige Darstellung. Aber eine Regel ist sicher eingehalten worden: Die rechte Seite ist im Gericht Jesu die gute Seite. Hierhin kommen die gerechten Schafe. Auf der rechten Seite suchen die Personen, die diese Darstellung ansehen, sich selbst zu finden. Diesem Gedanken folgt auch die Anordnung der Personen unter vielen Darstellungen der Kreuzigung. 

Übrigens: Dieser "Logik" folgt das geflügelte Wort der schwarzen - und zum Glück überholten - Pädagogik und Mahnung an viele Kinder: "Die Rechte ist die Gute!" Nein, es gibt keine solche Regel. 

Soweit kann ich Ihnen antworten, herzlich Ihr Henning Kiene 

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