Bibelstelle zu "Gib anderen keinen Anlass, Unrecht zu tun"?

Dirk
Fahrrad mit vielen Schlössern
Getty Images/iStockphoto/Sohl

Hallo, liebes EV-Team!

Ich suche eine Bibelstelle, die besagt, dass ein Christ anderen keinen Anlass geben sollte, unrechtmäßig oder sogar sträflich zu handeln.

Ein Beispiel: Wer sein Fahrrad ungesichert abstellt im blinden Vertrauen darauf, dass Gott sein Eigentum beschützt, riskiert, dass ein Passant im Vorbeigehen einfach zugreift und sich auf das Rad schwingt.

Aus diesem Grund trifft man doch eigene Vorkehrungen, um sein Eigentum zu schützen, und lässt das eigene Wohlergehen nicht vom Verhalten des anderen abhängen.

Vielleicht könnt Ihr mir dazu mit Eurer Antwort weiterhelfen oder einen Denkimpuls geben.

Herzliche Grüße,
Dirk

Lieber Dirk,

manchmal hat man einfach Glück. Zum Beispiel, wenn zwei Leute gleichzeitig dieselbe Frage beantworten, ohne von einander zu wissen. Darum - Premiere - gibt es gleich zwei Antworten.

Liebe Grüße!

 

Lieber Dirk,

wenn Christinnen und Christen sich gegenseitig bestehlen, ist das für die Gemeinschaft belastend. Darum soll man nichts herumliegen lassen und den Neid der anderen nicht wecken. Man will ja niemanden zum Stehlen verführen. Neben der einschlägigen Bitte im Vaterunser denke ich an einen Text aus dem Galaterbrief. Dieser Abschnitt spricht in die christliche Gemeinde hinein. Die Menschen, die sich zum Glauben bekehrt haben, leben, obwohl getauft, ja noch immer in der Welt. Menschlicher Neid wird mit der Taufe nicht vollständig abgewaschen. Aber Neid und Gier werden - durch Gottes Wort - beherrschbar. Und wer sich nicht beherrschen lernt, verwirkt sein Recht am Christsein in der Gemeinde. Paulus schreibt: "Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen. Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben." Galater 5,19-21. Wer das hört, wird nicht stehlen und sein Fahrrad abschließen, damit Neid und Gier durch ein Schloss beherrscht werden. So ein Schloss sind - natürlich im übertragenen Sinn - auch die Zehn Gebote.

Viele Grüße,

Dein Henning Kiene

 

Lieber Dirk,

ich muss meine Antwort mit einem langen Aaalso beginnen. Aaalso, eine einzelne Bibelstelle zu suchen, um sie jemandem vorzuhalten, ist nicht im Sinne der Bibel. Die Bibel enthält zwar eine Menge Regeln und Vorschriften, aber sie ist kein simples Gesetzbuch, in dem man nur den richtigen Paragraphen finden müsste, um eine Streitfrage zu klären. Ich weiß wohl, dass die Bibel häufig so benutzt wird, aber das wird ihr nicht gerecht. Die Bibel besteht aus vielen verschiedenen Schriften, die zusammen die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählen. Das Christentum hat sich auf diese Schriften geeinigt und gesagt: Das ist unsere Heilige Schrift. Sie gibt das einzig gültige Zeugnis von Gott und seinem Sohn Jesus Christus. Wenn man nun also einen Vers daraus nimmt und ihn zum Argument für etwas macht, darf man niemals den Zusammenhang vergessen, in dem er steht. Es gilt immer: Die ganze Bibel mit ihrer Botschaft muss den Ausschlag geben für die Interpretation einzelner Stellen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, suchen Sie nach einem Argument, mit dem Sie jemandem deutlich machen können: Geht vorsichtig mit deinem Eigentum um, denn wenn du es nicht sicherst, bringst du andere in Versuchung. Diese Haltung finde ich in der Bibel nicht. Wer ein Gebot übertritt, ist grundsätzlich selbst schuld daran. Sicherlich hat man auch schon in biblischen Zeiten Sätze gesagt wie: Du musst dich nicht wundern, wenn man dir etwas klaut, wenn Du es offen herumliegen lässt. Aber dass man jemandem tatsächlich die Schuld dafür gibt, wenn jemand anderes einem Unrecht tut, das halte ich für unbiblisch. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte von David und Batseba (2. Samuel 11). König David sieht von seinem Palast aus, wie eine Frau, Batseba, sich auf dem Dach ihres Hauses wäscht. Er lässt sie zu sich holen und schläft mit ihr. Batseba wird schwanger und David versucht zunächst, die Sache zu vertuschen. Als das misslingt, lässt Davis Batsebas Ehemann umbringen. Wenn man Ihrer Sichtweise folgt, wäre Batseba ein Vorwurf zu machen, weil sie sich auf ihrem Dach gewaschen hat. Die Bibel gibt aber eindeutig David die Schuld daran, was er tut.

Opfern von Straftaten Vorwürfe dafür zu machen, dass sie es dem Täter zu leicht gemacht haben oder gar ihn zur Straftat verleitet haben, ist insgesamt ein gefährlicher Pfad. Bei einem nicht angeschlossenen Fahrrad mag es noch angehen, dem Bestohlenen ein schlechtes Gewissen zu machen. Der Verlust ist schmerzlich, aber vermutlich nicht traumatisch. Bei Gewalterfahrungen ist es aber vollständig abzulehnen. Die Schuld liegt bei den Tätern. Das ist auch die Haltung der Bibel. Jeder Mensch ist selbst dafür verantwortlich, was er tut.

Das heißt natürlich nicht unbedingt, dass man unvorsichtig sein sollte. Obwohl auch das durchaus im Sinne dessen ist, was Jesus in der Bibel verkündet. Sorgt euch nicht um eure Sachen! Sorgt euch um euren Glauben! Oder wörtlich: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen.“ (Matthäus 6,19)

Es tut mir leid, wenn ich Ihnen nicht in dem Sinne hilfreich sein kann, den Sie sich vielleicht erhofft haben. Hoffentlich konnte ich wenigstens den Denkimpuls geben, den Sie wünschten.

Herzliche Grüße,

Frank Muchlinsky

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