Schöpfung und Identität

gestellt von Lolita am 18. November 2013
Frau schaut in den Spiegel

© Martin Barraud/istockphoto/Getty Images

An welchen Stellen sagen die Schöpfungsgeschichten etwas über das Mensch-Sein aus? Wie können Schöpfungsgeschichten bei der Suche des Menschen nach seiner Identität hilfreich sein?

Liebe Lolita,

 

Die beiden biblischen Schöpfungsgeschichten haben vor allem eins gemeinsam: Beide gehen davon aus, dass Gott den Menschen gewollt und selbst Hand an ihn angelegt hat. Das ist eine Aussage, die sehr wichtig für das biblisch-christliche Menschenbild ist: Der Mensch steht von Anfang an in einer Beziehung zu Gott. Gott wollte uns so, wie wir eben sind.

Weitere wichtige Aussagen in den Schöpfungsgeschichten sind, dass Gott uns nach seinem eigenen Bild und "männlich und weiblich" geschaffen hat (so die wörtliche Übersetzung des Verses vom "6. Tag" (Gen 1,27). Wir sind also bereits von Anbeginn auf eine weitere Beziehung hin geschaffen, die zueinander. Das wird auch in der zweiten Schöpfungsgeschichte deutlich, in der Gott sagt: "Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei." (Gen 2,18).

Also: der Mensch ist ein Wesen, das eine Beziehung zum Mitmenschen hat und eine zu Gott selbst. Es ist "nach Gottes Bild" geschaffen, also mit einer besonderen Würde und gleichzeitig Verantwortung geschaffen – weil er eben dem Schöpfer selbst ähnelt.

Sie fragen nach einer Hilfe auf der Suche zur Identität. Ich verstehe Ihre Frage so, dass Sie wissen möchten, was die biblischen Aussagen für einen Menschen heute bedeuten können.

Wer sich als von Gott geschaffen versteht, wer sagt: "Ich bin als Person so von Gott gewollt, wie ich bin", der oder die wird nicht versuchen müssen, dem eigenen Dasein einen Sinn zu geben, weil er glaubt, dass sein Leben ohnehin einen geschenkten Sinn hat: Da-Sein als Geschenk Gottes. Wer sich als von Gott "handgemacht" versteht, wird mit dem eigenen Körper freundlich umgehen, weil auch er ein Geschenk ist. Wer sich als ein Geschöpf versteht, das in jedem Fall auf Beziehung hin angelegt ist, wird sich darum bemühen, mit den Menschen in seiner Umgebung im Frieden zu leben. Schließlich sind auch sie Geschöpfe Gottes.

Die biblischen Schöpfungsgeschichten sind voll von solchen Bildern, die deutlich machen wollen: Es ist gut, dass es Dich gibt. Gott selbst will es so, und Du hast allen Grund, dich über dich und alle anderen Menschen zu freuen.

 

Ich grüße Sie herzlich

Frank Muchlinsky

 

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Kommentare

Sehr geehrter Herr Frank Muchlinsky.
Für mich war Ihre Antwort sehr lehrreich. Wäre alles nur so, wäre es sehr aufbauend.

Doch Sie scheinen einen Aspekt vergessen zu haben.

Kurz nach der von Ihnen beschriebenen seligen Anfangszeit, bekamen wir alle als Menschheit eine Last aufgebürdet, die uns für ewig als beziehungsgestört gegenüber Gott charakterisiert, unabhängig davon, ob wir es tatsächlich sind. Ich spreche von der Erbsünde.

Sie qualifiziert eine/n jede/n von uns als verderbt, schon bevor wir überhaupt was Verderbtes tun können. Seit 2000 Jahren wird diese ererbte Sünde christlich weggetauft – doch die Erbsünde ist immer noch da, immer wieder noch da.

Und sie sagt – im Gegensatz zu Ihren Zitaten:“ "Ich bin als Person so von Gott gewollt, wie ich bin" – nein bin ich nicht. Ich habe einen Makel, der 70% der Menschheit permanent als sündig und potenziell böse charakterisiert. Und für die Hölle prädestiniert (katholisch gab es bis kürzlich für ungetauft gestorbene Babys, eine Vorhölle wegen der Erbsünde)

Hätten Sie das nur gesagt. Es gäbe ein Illusion weniger, was den GLAUBEN betrifft.

Wie schon anderswo gesagt, geht die Erbsündenlehre auf Augustin zurück und ist für die evangelische Kirche weder hilfreich, noch in irgendeiner Form bedeutsam. Vielmehr meint Sünde, dass wir von Gott getrennt sind. Wir leben nicht im Paradies, deswegen sind wir auch nicht vollkommen. Auch "Hölle" meint "nur" den Ort der Gottesferne. Im jüdischen ist das der "Scheol", das Totenreich. Luther wiederum verstand die Hölle als den inneren Gerichtshof, das schlechte Gewissen. Ähnlich übrigens wie Sartre: "Die Hölle, das sind die anderen!". Für die evangelische Kirche hat jedenfalls die Höllenvorstellung so gut wie keine Bedeutung mehr. Gott ist die Liebe. Er nimmt sich aller (!) Menschen gleichermaßen an.

Sehr geehrte Frau Klee,

das ist nicht zutreffend. Bitte lesen sie noch einmal Artikel 2 des Augsburger Bekenntnisses,

das zu den Bekenntnissen der der EKD angehörenden evangelischen Landeskirchen gehört:

Artikel 2: Von der Erbsünde

Weiter wird bei uns gelehrt, daß nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, daß sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner daß auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden.
Damit werden die verworfen, die die Erbsünde nicht für eine Sünde halten, damit sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, in Verachtung des Leidens und Verdienstes Christi.

https://www.ekd.de/Augsburger-Bekenntnis-Confessio-Augustana-13450.htm

Ich finde es erschreckend, dass Ihnen als Pastorin das anscheinend nicht bekannt ist.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan

Hallo Stefan,

die evangelische Kirche legt die Artikel der Confessio Aufustana in der theologischen Wissenschaft, der Dogmatik, immer wieder auch zeitgemäß aus. Das heißt nicht, dass sie nicht weiterhin gültig sind, sie werden aber der derzeitigen Welt entsprechend verstanden. In meinem Kommentar zitiere ich aus der Seite der EKD: Sündenlehre: "Nach der Lehre der Erbsünde vererbt sich die Sünde seit dem Paradiesesfall von Generation zu Generation. Der Kirchenvater Augustin machte dafür die sexuelle Begierde verantwortlich. Dieses Urteil führte zu einer generellen Verurteilung der Sexualität. Augustins einseitige Argumentation ist nach heutigem Verständnis und Wissen weder haltbar noch hilfreich."

Ich vertrete einen eher anthropologischen Ansatz für die Lehre der Erbsünde: Wir sind als Menschen Geschöpfe Gottes, diese Geschöpflichkeit wirft uns immer wieder auf uns selbst zurück - wir sind nicht vollkommen. Daher sind wir immer Sünder, und nur durch Christus gerecht im Glauben.

Beste Grüße,

Johanna Klee

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