Ist Gott eine Erfindung des Menschen?

Gefragt von Markus Peter
Gott

Foto: photocase/knallgrün

Sehr geehrter Herr Muchlinsky

Ein Kompliment für das kluge, spannende und witzige Gespräch mit den 3 Pfarrerinnen! Ich habe selten so viel gelacht bei einem solchen anregenden Austausch.
Schade nur, dass nicht auch eine etwas ältere Pfarrerin dabei war, so zwischen 55 und 65!!

Ging deshalb meine Frage vergessen: Glauben Sie, Gott ist eine Erfindung des Menschen (Marcel Proust)?
Ich bitte um eine persönliche fachliche Antwort sowie von klugen Antworten, die so herumgeboten werden, klug, intelligent und mit einer Prise Humor.
Besten Dank!

Selbstkritische Vorbemerkung

Als ich diese Frage beantwortete, habe ich mich gefreut. Zum einen freute ich mich natürlich über das Lob des Fragestellers, zum anderen war da die Bitte, eine durchaus komplizierte und provokative Frage mit einem gewissen Maß an Lebendigkeit und Humor zu beantworten. Darum dachte ich mir: „Ach, wenn der Mensch, der da fragt, so aufgeschlossen ist, dann überrasche die Leser doch einfach und schreib: Ja, der Mensch hat Gott erfunden. Aber – so wollte ich gleich anschließen – woher weiß der Mensch das denn? Durch seinen Geist, und woher hat er den? Natürlich von Gott, seinem Schöpfer! So einfach formuliert wäre es vielleicht nicht dazu gekommen, dass mein Beitrag mittlerweile von vielen Menschen als ein Beispiel dafür zitiert wird, dass ja „die Pfarrer nicht mehr an Gott glauben“. Nichts liegt mir fernen, aber ich verliebte mich so sehr in die Worte, die ich schrieb, dass aus der einfachen Wende der Gedanken ein langer Weg wurde, auf dem ich mich wohl auch selbst bereits verirrt habe – und in der Folge viele Menschen, die meinen Beitrag lasen.

Drum möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich mich zu missverständlichen Worten habe hinreißen lassen. Ich glaube fest an Gott, der schon war, als noch kein Mensch war. Ich danke ihm für den Geist, der mich dies denken lässt. Ich glaube an Gotte Güte, die mit den Augen zwinkert, wenn andere sich entsetzen. Und ich glaube fest an die Gemeinschaft all derer, die in Jesus Christus Gottes Offenbarung sehen, sich darin einig sind und trotzdem über ganz viel anderes streiten und wieder vertragen können.

Frank Muchlinsky, 13.11.2017

Lieber Herr Peter,

zunächst einmal: herzlichen Dank für das Lob. Die Sendung kann man übrigens immer noch nachschauen unter diesem Link.

Ihre Frage hat mich – außer auf diesem Weg hier – nicht erreicht, denn die Sendung war ja nicht live, sondern vor der "Langen Nacht des Vaterunsers" aufgezeichnet worden. Wie auch immer: Ich antworte Ihnen jetzt in der Hoffnung, dass Sie meine Antwort persönlich, fachlich, klug und humorvoll finden werden. Eine Garantie gebe ich freilich für keine dieser Qualitäten.

Ist Gott eine Erfindung des Menschen? Sie haben hinter diesen Satz den Namen Marcel Proust geschrieben. Ich nehme an, der hat das auch mal so formuliert. Mir fallen bei der Frage oder Behauptung eher Feuerbach und Freud ein. Gott ist die Projektion menschlicher Bedürfnisse. Ich möchte aber nicht referieren, was diese Herren – und in ihrer Folge viele andere auch – dachten, sondern wie erwünscht fachlich antworten, und mein Fach ist eben die Theologie. Darum ohne weiteren Trommelwirbel: Ja, Gott ist eine Erfindung des Menschen.

Nur der Mensch ist in der Lage, einen Gott zu denken, ihn zu erfinden. Der menschliche Geist ist so kreativ, dass er diesem Gott bestimmte Eigenschaften zuordnen kann, die einander sogar widersprechen können. Der Mensch ist intellektuell fähig, sich einen Gott vorzustellen, der völlig anders ist als er selbst: ewig, allmächtig, omnipräsent, absolut gerecht und unendlich gütig. Der Mensch hat Gott erfunden und ist mit ihm eine Beziehung eingegangen, hat mit ihm gesprochen, ihm Geschenke gemacht, mit ihm gestritten, ihn geliebt und gehasst. Und der Mensch hat Gott immer wieder neue Eigenschaften zugesprochen, auch verschiedenste Erscheinungsformen. Der Mensch ist so kreativ, dass er es schafft, Gott als viele zu denken oder auch als einen, sogar zu drei in einem haben wir es gebracht.

Gott ist eine Erfindung des Menschen. Da besteht kein Zweifel. Allerdings hat der Mensch Gott zum Erfinder der Menschen gemacht. Eine weitere geistige Hochleistung des Menschen! Der Mensch machte sich selbst zum Geschöpf seiner Erfindung und sagte: Irgendwoher muss ich doch diesen Geist haben, der es mir erlaubt, all das zu denken. Dieser Geist, der – das sage ich ganz unbescheiden – mich von den anderen Lebewesen hier unterscheidet. Ich bin auf eine Weise kreativ, dass ich mir vorstellen kann, dass es etwas gibt, das noch kreativer ist als ich. Ich kann meine eigene Begrenztheit wahrnehmen und reflektieren. Darum kann ich mir etwas denken, das unbegrenzt ist. Und daran will ich mich ausrichten! Ich will diesem Größeren, diesem Unbegrenzten in meinem Leben einen Raum geben. Ich ordne mich ihm freiwillig unter, weil ich um meine Grenzen weiß, und ich will mit ihm den engsten Kontakt haben, der mir möglich ist, weil es mir gut tut, meine Grenzen nicht als unumstößlich zu verstehen.

Und so wurde der Mensch zur Erfindung Gottes. Gott offenbarte sich dem Menschen in immer neuer Weise, und der Geist des Menschen, den er Gott verdankte, erkannte Gott in diesen Offenbarungen, bis schließlich das eigentlich Unvorstellbare eintrat: Die Grenze zwischen Gott und Mensch wurde eingerissen. Der Erfinder wurde die Erfindung. Gott wurde Mensch. Der menschliche Geist sträubte sich und sträubt sich bis heute. War nicht die Unbegrenztheit Gottes gerade das, was ihn zum Gott machte? Wie soll Gott sein, was sterblich wird? Indem der Unendliche etwas aufgibt für die Endlichen, indem der Allmächtige ohnmächtig wird, um die Grenze zu überwinden zwischen Schöpfer und Geschöpf. Die Christen sagen: "Mehr geht nicht. Das ist die ultimative Offenbarung Gottes."

Ist Gott eine Erfindung des Menschen? Jawoll, tönt der Humanist. Nein, schreit der Fundamentalist. Das spielt keine Rolle mehr, sagt der befreite Christ und dankt seinem Schöpfer für seinen kreativen Geist.

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

P.S. Ihre Frage war auch schon einmal Gegenstand der chrismon-Serie "Religion für Einsteiger". Den Beitrag können Sie gern hier nachlesen.

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