Kann man in seinen Gedanken vom Bösen verführt werden?

gestellt von Jockel am 22. Juli 2018
Fragen an Gott

Foto: Michael Hardy/unsplash

Ich habe Angst davor, Gott oder den Heiligen Geist versehentlich in meinen Gedanken zu beleidigen. Ich hatte diese Angst schon einmal in meiner Kindheit, später war sie dann fort. Seit einiger Zeit ist sie jedoch wieder da. Es fing damit an, dass mir durch die Gedanken huschte, dass es Gott nicht geben kann. Ich war erschrocken darüber, dass ich das gedacht habe und habe natürlich sofort mir selbst mehrfach bestätigt, dass es Gott auf jeden Fall geben muss. Dies geschieht nun immer häufiger und seit dem Tod eines Familienmitgliedes hat sich diese Angst enorm verstärkt. Mir huschen lästerliche Gedanken durch den Kopf, obwohl ich sie nicht denken möchte. Gedanken darüber, dass ich Gott jetzt beleidigen könnte, einfach nur weil mir versehentlich durch den Kopf ekelhafte Beleidigungen gegen Gott huschen, gerade weil ich mich darauf konzentriere, das nicht denken zu wollen. Oder wenn ich negative Dinge über den Heiligen Geist denke, unaussprechliche Beleidigungen, die ich gar nicht denken will, aber gerade weil ich zwanghaft versuche, sie nicht zu denken, werden diese Gedanken immer stärker. In der Bibel steht, eine Lästerung des Heiligen Geistes wird nicht vergeben, aber ich habe bereits gelästert, in Gedanken, obwohl ich es nicht wollte. Inzwischen ist es soweit, dass ich Angst habe, durch einen falschen Gedanken meine Seele an den Teufel zu verlieren, weil mir versehentlich der Gedanke durch den Verstand kommt, dass der Teufel meine Seele bekommt, wenn ich im Gegenzug z.B. irgendein Problem lösen kann. Dann sage ich mir mehrfach, dass meine Seele nur Gott gehört, aber dann kommen wieder die falschen Gedanken in mir hoch. Ich weiß nicht, was ich tun soll? Wird mich auch eine versehentliche Lästerung, auch wenn sie nur in Gedanken geschah, verdammen? Kann ich versehentlich in Gedanken einen Pakt mit dem Teufel schließen, durch den ich meine Seele verliere? Kann ich versehentlich andere verdammen, indem ich schlecht über sie denke? Ich will das nicht.

Womöglich klingen meine Ängste und Fragen für sie lächerlich oder übertrieben, aber es beschäftigt mich sehr und es kostet mich große Überwindung, das hier überhaupt zu schreiben.

 

Hallo Jockel,

 

nein, ich finde überhaupt nicht, dass das lächerlich klingt oder dass das übertrieben ist, was Sie schreiben. Die Angst, die Sie beschreiben, ist eine Angst, die ich sehr gut nachvollziehen kann und ich glaube nicht, dass Sie die einzige Person sind, der das so geht. Vielleicht sind Sie die einzige Person, die sich traut diese Gedanken niederzuschreiben.

 

Ich möchte beginnen Ihre Frage ganz „menschlich“ zu beantworten: wie alles in der Welt kennt auch menschliches Denken, genauso wie das Fühlen, zwei Extreme: gut und böse. Das ist etwas genuin Menschliches, was über das Bewusstsein gesteuert wird. Sicher kennen Sie das Sprichwort „Wo Licht ist, ist auch Schatten“. Das könnte man ebenso auf Ihre Angst übertragen: wo gut ist, ist auch böse. Es ist also völlig gewöhnlich und okay, dass Sie manchmal böse denken. Das wirklich Wichtige an der Sache ist, dass Sie sich dessen bewusst sind und darüber reflektieren, wo in der Skala der beiden Extreme „gut“ und „böse“ Sie das, was Ihnen durch den Kopf geht, einordnen. Außerdem handelt es sich dabei ja um nichts Absolutes, sondern immer um ein Urteil, was sich verändern kann und damit relativ ist.

 

Wo das Böse herkommt, das fragen Sie sich wahrscheinlich nun. Sicher kennen Sie die Geschichte vom sog. Sündenfall aus Gen 3. Es ist die Geschichte von Adam und Eva. In Gen 3 wird das friedliche Leben der beiden durch das sog. „Böse“ gestört und sie sind aus dem Paradies geworfen worden. Damit wird die Herkunft des sog. Bösen auf unserer Welt erklärt. Sie sehen also, dass das Böse (fast) von Anfang an zu uns gehört. Gott selber hat es zugelassen, weil er uns Menschen die Freiheit gab, selbst zu entscheiden wie wir handeln oder nicht. Das heißt, dass Sie stets die Wahl haben wie Sie handeln. Sie können sich für das „Gute“ und für das „Böse“ in Ihrem Handeln entscheiden. Damit sind wir aber an einem entscheidenden Punkt Ihrer Frage, denn Handeln und Denken sind zwei verschiedene Kategorien, die es sich lohnt eindeutig voneinander zu trennen. Adam und Eva haben genauso darüber nachgedacht, welche Konsequenzen ihr Handeln haben wird, wenn sie sich für das Essen der Frucht entscheiden oder dagegen. Sie hatten die Wahl und schlussendlich handelten sie, indem sie die Frucht aßen, u.a., weil ihnen die Schlange versprach, dass sie dadurch den Unterschied zwischen gut und böse erkennen würden. Man kann das sogar als Motivation für das Essen der Frucht verstehen. Also auch hier sehen Sie wieder, wie uns Menschen diese Unterscheidung von Anfang an prägt.

 

Nach diesem alttestamentlichen Einblick möchte ich Ihnen auch aus dem Neuen Testament noch etwas vorlegen, die sog. Adam-Christus-Typologie aus dem Römerbrief. Diese schließt unmittelbar an Gen 3 an, denn: „Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.“ (Röm 5,12) Wir alle sind also Sünder und tragen etwas böses in uns. Das wird aber aufgehoben, denn: „Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt.“ (aus Röm 5,18) Wir sind also alle gerechtfertigt in Christus.

 

Eine Interpretation Martin Luthers finden wir in seiner Schrift „Von der Sünde wider den heiligen Geist“, in der er die von Ihnen genannten Verse aus Mt 12,31f. („31 Darum sage ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. 32 Und wer etwas redet gegen den Menschensohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet gegen den Heiligen Geist, dem wird's nicht vergeben, weder in dieser noch in der künftigen Welt.") auslegt. In dem Deutsch, wie es damals üblich war, schreibt er zusammenfassend:

„So haben wir nu die Meinung Christi, so der Text selbs gibt, daß er eigentlich redet von denen, die wissentlich und frevelich die bekannte Wahrheit, vom heiligen Geist offenbaret, lästern, und wie man ihn ihre Sunde anzeigt und vermahnet, nur verstockter werden. Denn das ist die höheste Schmach, so man dem heiligen Geist anlegen kann. Neben solcher unvergeblichen Sunde, magst du nu auch etliche, dieser gleich und darunter begriffen, mit zählen, wiewohl sie so grob sind, daß's auch die Welt verdampt: nehmlich, wenn imand dahin kömpt, daß er nicht aus Schwacheit und Irrthumb in Sunde gefallen ist, sondern darin verhärtet und keine Reue haben will, davon auch oben gesagt ist, und Summa, wo man die Sunde muthwillig vertheidingt, und nicht will lassen Sunde sein, ob es gleich offentlich ist; denn solchs heißet alles wider die Gnade und Vergebung gefochten, und ist nu nicht mehr eine menschliche Sunde, sondern eine verzweielte teuflische Bosheit.“  

Wie Sie sehen, relativiert Luther die radikale biblische Aussage. Er weist darauf hin, dass vor allem die fehlende Reue Grund dafür ist, dass Lästerungen gegen den Heiligen Geist nicht vergeben werden. Wie ich es aus Ihrer Frage aber herauslese, so reuen Sie aufrichtig! Damit erfüllen Sie die protestantischen Prinzipien sola fide (allein durch den Glauben), solus Christus (allein durch Christus) und sola gratia (allein durch die Gnade). Unter Bezug auf Röm 5,18 erfüllen Sie auch das vierte Prinzip, sola scriptura (allein die Schrift). Die Gnade Gottes wird Ihnen in Christus durch die Reue zuteil.

 

Sollten Sie also das Gefühl haben in Ihren Gedanken jemanden zu verdammen oder zu verurteilen, dann glaube ich nicht, dass Sie dadurch einen Pakt mit dem Teufel schließen oder dass ihr Seelenheil daran hängt. Durchdenken Sie einzelne Schritte genau, sprechen Sie mit der entsprechenden Person darüber und handeln Sie mit einer gesunden Portion christlicher Nächstenliebe. "Böse" Gedanken sind nicht schlimm, solange sie nicht unbedacht in Handeln übertragen werden und somit willentlich und bewusst gegen andere eingesetzt werden.  

 

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass ich gut finde, dass Sie Ihre Frage hier, auch wenn es schwerfällt, so direkt gestellt haben und hoffe, dass Sie mit meiner Antwort einen Ansatzpunkt finden, weiter über die Thematik nachzudenken. Dafür wünsche ich Ihnen alles Gute.

Pia Heu

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