Ist alle Obrigkeit von Gott oder wie kann ich Römer 13,1-7 verstehen?

gestellt von Helmut Granson am 13. September 2018

Sehr geehrter Pastor Muchlinsky!
Ich habe ein sehr, sehr großes Problem mit dieser Bibelstelle. Für mich klingt das nach: Wenns vom Staat kommt - bloß nichts anzweifeln, bloß nicht skeptisch werden, bloß keine kritischen Fragen stellen, bloß nicht von der Position des Staates abweichen, bloß keine andere Meinung haben als die Staatsorgane, bloß nicht nachfragen, bloß nich auf Demonstrationen gehen etc.. Muß ich einen Gewissenskonflikt haben, wenn ich bei der Wahl etwas anderes ankreuze als was mein Dorf bzw. Deutschland regiert? Darf ich nur die Parteien ankreuzen, die schon im Rathaus bzw. Bundestag sitzen? Ich hatte mal vor mehreren Jahren
Ärger mit dem Sozialamt und bin zum Anwalt gegangen, und es hat nicht lange gedauert bis einige ach so wohlmeinende Mitchristen mir ausgerechnet diese Bibelstelle unter die Nase gehalten haben. Wer hat da jetzt richtig gehandelt?? Außerdem muß ich noch länger zurückdenken: bis 1995. Da hatten wir den Karlsruher Kurzschluß (Kruzifixurteil). Die katholische Kirche hat sich sehr, sehr schnell mit einenem energisch-kraftigen Ton zu Wort gemeldet. Kurze Zeit später pochte dieser Klaus Bednarz von der Sendung MONITOR auf diese ganz besonders schwierige Bibelstelle, und meinte, daß die katholische Kirche damit ihre eigenen Vorschriften mißachtet. Schon damals hatte ich ein ganz, ganz großes Problem mit dieser Bibelstelle, und der Herr Bednarz hatte mir mit seinem Bericht den Rest gegebem. Was sagen Sie??

Lieber Herr Granson,

 

Ihren Unmut über das, was Sie mit der Bibelstelle Römer 13, 1-7 erlebten, kann ich sehr gut verstehen!

 

Diese Stelle ist eine der großen "wunden Stellen", wenn mit Worten der Bibel schmerzhafter Missbrauch getrieben wird, wenn biblische Texte als Begründung für alles Erdenkliche herangezogen werden.

Mit der besagten Stelle passiert das immer wieder! Wenn Sie im Netz recherchieren, werden Sie darüber einige Diskussionen finden. Erst im vergangenen Sommer verteidigte der US-Justizminister eine höchst umstrittene Praxis der Einwanderungspolitik mit just dieser Stelle aus dem Römerbrief. Allerdings bekam er dafür selbst von sich selbst als "fromm" bezeichnenden Menschen Gegenwind.

Es wird an dieser Stelle besonders deutlich, wie wichtig es ist, Worte der Bibel in ihrem Zusammenhang zu sehen und sie nicht als Argumentationshilfe herzunehmen, wenn man sich nicht die Mühe macht, darüber nachzudenken und nachzulesen, wie sie ursprünglich gemeint gewesen sind. Die bewusste Stelle füllt ganze Bibliotheksregale mit ihrer "Wirkungsgeschichte"   - also der Auseinandersetzung darüber, wie diese Stelle für das jetzige Leben zu verstehen sei und wie sie auch den ganzen großen Zusammenhang zwischen Gottes Wirken und unseren menschlichem Zusammenleben beeinflusst.

Lassen Sie sich also nicht einschüchtern - vor allem nicht mit einem Bibelzitat! Und nein - ich bin der festen Überzeugung, dass Paulus nicht gemeint hat, dass es Ihnen untersagt ist, auf eine Demonstration zu gehen oder dass Sie bei politischen Wahlen nicht genau so entscheiden, wie es ihrer persönlichen Überzeugung entspricht und dafür lieber der Mehrheit Recht geben. Das eigene Denken und politisches Wählen ist Ihr demokratisches Grundrecht - und auch das wäre ja "von Gott gegeben" - wenn man denn so will.

Diese Worte aus dem Römerbrief sind sicherlich ein Paradebeispiel dafür, dass man die biblischen Worte immer in ihrem Zusammenhang sehen muss! Vom 12. Kapitel des Römerbriefes an gibt Paulus den Christen Roms Hinweise, Ratschläge, Empfehlungen zum Thema "Christ sein im Alltag der Welt". Einer seiner ersten Sätze dabei heißt: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinns, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist.“ Eigentlich sind hier schon die Weichen gestellt. Es geht nicht um bloßes Hinnehmen.

Doch, was wirklich "anstößig" ist, ist für mich ganz klar "...denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott". Das "riecht" für mich quasi nach einer Einladung zum Missbrauch. Es gibt auch den Auslegern so einige Rätsel auf, warum Paulus hier so argumentiert hat. Es konnte einen Grund haben, den wir heute nicht mehr so leicht nachvollziehen können. Was ausgedrückt werden soll, ist auf jeden Fall: Die Verpflichtung eines Christenmenschen gilt auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich.  Aber es bleibt vieles offen: Wann ist es Zeit, Unterscheidungen zu machen,  wo genau ist der Punkt, an dem die Staatsgewalt dazu übergeht, sich gegen Gottes Willen zu richten und ab welchem Punkt sollte ein Christenmensch "Gott mehr gehorchen sollte als den Menschen" (Apostelgeschichte 4,19 und Apostelgeschichte 5,29)? Wann wird Widerstand zur christlichen Pflicht und Nicht-Widerstand zur Sünde?

Liebend gerne würde ich Paulus dazu in ein Gespräch verwickeln. Aber das wäre dann literarisch-fiktiv. Doch vielleicht ist gerade so ein erdachtes Gespräch ein Mittel, sich "beide Seiten" klarzumachen? Denken Sie sich in die Rolle des Apostels Paulus hinein, so gut wir das so viele Jahre später vermögen. Die urchristlichen Gemeinden hatten ein grundsätzlich anderes Lebensgefühl. Es war immer auch dadurch bestimmt, dass sie sich etwas "fremd" fühlten und die Wiederkunft Christi sehr bald annahmen. Das "Ärgernis" von Paulus' Worten, die nun im Bibeltext stehen, müssen wir aushalten, lieber Herr Granson. Und uns auch kräftig daran ärgern. Und trotzdem wachsam bleiben! Lesen Sie auch weiter -  ab Vers 8 schlägt der Römerbrief im 13. Kapitel wieder einen ganz anderen Ton an. "So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung." (Römer 13, 10).

Wenn Sie das nächste Mal von einer Behörde mit biblischen Begründungen belehrt werden sollen, finden Sie auf jeden Fall Argumente, die andere zum Zweifeln und Nachfragen anregen.

Herzliche Grüße!
Veronika Ullmann

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