Die Feier des Abendmahls

gestellt von Paul am 11. Oktober 2018

Liebe Pia Heu,

Ich muss erstmal sagen, dass ich dieses Online Angebot hier wirklich sehr schön finde und bereits einige Fragen und Antworten mit großem Interesse gelesen habe. Ich selbst bin in meinem christlichen Glauben katholisch geprägt, aber dennoch ist es interessant, auch einmal über den Tellerrand der eigenen Konfession und ihrer Lehre hinauszublicken und zu versuchen, den eigenen Horizont etwas zu weiten. Gerade auch deswegen würde ich gerne eine Frage hier stellen wollen und zwar im Hinblick auf das Sakrament der Eucharistie. Bei den Katholiken ist es nun so, dass einzig der Priester kraft seiner Weihe im Rahmen der apostolischen Sukzession und in persona Christi das Opfermahl und damit das Sakrament, in dem Gott für den Menschen leiblich gegenwärtig und erfahrbar wird, gültig feiert.

Soweit ich es richtig verstanden habe, teilt zumindest das Luthertum den Glauben an die leibliche Gegenwart Christi hierbei, wenn auch der Opfergedanke der Messe als menschliches Beiwerk verworfen wird. Auch wird besonders das sogenannte Priestertum aller Gläubigen betont. Eine sakramentale Priesterweihe wird also abgelehnt. Würde dies also im Umkehrschluss jetzt bedeuten, dass nach protestantischer Lehre ein jeder getaufte Christ das Sakrament der Eucharistie gültig spendet? Als Katholik kann man nun recht einfach sagen: Nur da wo der geweihte Priester die Messe feiert, da ist Gott im Sakrament auch wahrhaftig gegenwärtig. Mir ist bekannt, dass die protestantischen Kirchen für ihre öffentlichen Gottesdienste Theologen in Ämter als Pfarrer und Prediger berufen und ordinieren, aber am Ende ist es doch ein rein menschlich-kirchlicher Akt, der keine Unterschiede zum "einfachen Gläubigen" begründet und trotzdem ja auch sinnvoll ist, um eine vernünftige Ordnung und Lehre zu bewahren. Mich interessiert aber nun nicht die rechtliche Dimension des Ganzen, wem also jetzt etwas erlaubt sei oder nicht, sondern tatsächlich die Gegenwart Gottes im Sakrament nach protestantischer Lehre und woran man sie fest machen kann.

Ist diese Zusage der Gegenwart Gottes im Abendmahl einem jeden Christen kraft seiner Taufe mitgegeben? Ist, etwas zugespitzt, die Taufe gleichsam auch die protestantische Priesterweihe? Kann also ein Protestant, der vielleicht in einem Land lebt, wo eine christliche Gemeinde nicht zu erreichen ist, ein alter oder gebrechlicher Mensch oder auch nur derjenige, der sich einfach nur vermehrt nach dieser Gegenwart Gottes im Sakrament sehnt, nach dieser stärkenden Speise und sinnlichen Begegnung mit dem Quell der Liebe, "alleine" das Abendmahl feiern und sich der Gegenwart Gottes in Brot und Wein dabei in gleicher Weise gewiss sein, wie diejenigen Gläubigen, die sich Sonntags mit einen ordinierten Pfarrer um den Altar in der Kirche versammeln? Könnte er es mit seiner Familie, mit seinen Liebsten oder Freunden aus denselben Erwägungen feiern und die darin empfangene "Erquickung" und Liebe weitergeben? Wäre er überhaupt wirklich jemals gänzlich "alleine" in einer solchen sakramentalen Feier? Noch kann ich das nicht wirklich durchdringen und ich würde mich freuen und wäre dankbar, wenn man mir die protestantische Lehre hierzu ein wenig darlegen könnte oder mir Hinweise geben könnte, wo man so etwas intensiver nachlesen könnte.

Vielen Dank und liebe Grüße!

Lieber Paul,

 

mit einer Verzögerung möchte ich Ihnen trotzdem auf Ihre Frage antworten, denn sie könnte auch für andere Interessierte spannend sein, denke ich. Ich kann zwei inhaltliche Fragen erkennen, die sich wohl am besten gemeinsam beantworten lassen. Zum einen die Frage nach der Spende der Eucharistie und zum zweiten die Frage nach dem Priestertum aller Gläubigen, welches sich durch die Taufe ergibt.

Lassen Sie mich von der Bezeichnung „Priestertum aller Gläubigen“ ausgehen. Zwei Begriffe sind dabei entscheidend für die lutherische Position: Taufe und Katechismus (also die Unterweisung im Glauben). Die Taufe wird als Neuschöpfung aus Röm 6 her verstanden. Taufe und Katechismus gehören also zusammen, denn aus der Taufe ergibt sich der Katechismus als Instrument das Leben vor Gott zu gestalten (hier schließt das berühmte Zitat Luthers an „was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, daß es schon zum Priester, Bischof oder Papst geweiht sei“). Neben der Taufe sind aber auch Abendmahl und Buße im lutherischen Verständnis zentral, wie es in den Sakramentssermonen von 1519 und 1520 deutlich wird und sich in seiner besonderen Bedeutung auf das Verständnis des Priestertums aller Gläubigen übertragen lässt. Luthers Lehre ergibt sich unmittelbar aus seiner Neuerfassung des Sakraments, womit wir bereits beim zweiten Teil Ihrer Frage angekommen wären. Gebet und Opfer sind Aufgabe aller Christen, die sich aus dem Priestertum aller Gläubigen (gemeint sind dabei immer alle Christen) ergeben. Die römisch-katholische Messe, die Luther damals vorgefunden und dann ja auch kritisiert hat, ist dabei nicht das Opfer, auch die anderen Sakramente sind es nicht, denn Gott wird dort nichts gegeben, da er der ist, der alles gibt. In dieser Form wird die Funktion des besonderen Priesteramts (das ist das, was Sie wohl als Priester kennen) in der Messe aufgehoben: Die Glaubenden schaffen das Opfer durch ihre geistliche Hingabe des Selbst vor Gott, denn Gott hat uns seine Gnade und Barmherzigkeit im Sakrament zugesagt. Darin allein wirkt die Messe, die sich nicht als Automatismus vom Opfer des Priesters einstellt. Geistliches Opfern meint also sich mit Christus zu opfern, was allein durch den Glauben möglich ist. D.h., dass es eben keiner besonderen Weihe bedarf, sondern, dass direkt und unmittelbar im Glauben, der durch die Taufe bestätigt ist, die Weihe erfolgt. Genauer zu verstehen ist dies in dem, „daß wir uns auf Christus legen mit einem festen Glauben an sein Testament und nicht anders mit unserm Gebet, Lob und Opfer vor Gott erscheinen, denn durch ihn und seine Vermittlung, und wir nicht daran zweifeln, er sei Pfarrer und Pfaffe im Himmel vor Gottes Angesicht“.

Kurzum lässt sich die Kernaussage der lutherischen Position mit Luthers Worten zusammenfassen: „Darum sind alle christlichen Männer Pfaffen, alle Weiber Pfäffinnen, es sei jung oder alt, Herr oder Knecht, Frau oder Magd, gelehrt oder Laie. Hier ist kein Unterschied, es sei denn, der Glaube ungleich.“ Sie haben also absolut recht, wenn Sie schreiben, dass, lutherisch gesagt, die Taufe gleichsam die protestantische Priesterweihe ist.

Nun aber, lässt sich bei Luther selbst eine Entwicklung seiner Position zum besonderen Priesteramt, er nennt es das Pfarramt, wahrnehmen. In den beginnenden 1520-er Jahren trat er deutlich für das Priestertum aller Gläubigen ein, wich jedoch gegen Mitte und Ende der 1520-er Jahre, insbesondere in der Auseinandersetzung mit den Schwärmern und Widertäufern, von seiner absoluten Position zurück. Er verfolgte sie zwar weiterhin, setzte nun aber den Fokus zunehmend auf die besondere Bedeutung des Pfarramtes innerhalb des Priestertums aller Gläubigen. Damit sind wir auch am springenden Punkt, den Sie bereits konkret benannt haben. Warum braucht es dann also noch Pfarrerinnen und Pfarrer? In der Confessio Augustana schreibt Melanchthon in Artikel 14:

„Vom Kirchenregiment wird gelehrt, daß niemand in der Kirche öffentlich lehren, predigen oder die Sakramente reichen soll ohne ordentliche Berufung.“

Es bedarf also einer Berufung in das besondere, ja in das Pfarr-amt. Luther schreibt außerdem in seiner Auslegung zum 82. Psalm, dass es wahr ist, dass alle Christen Priester sind, aber trotzdem nicht alle Pfarrer sind. Zusätzlich zum Priester- und Christ-Sein, braucht der Pfarrer auch ein Amt und ein Kirchspiel, woraus sich ein Beruf und ein „Befehl“ ergeben. Luther bringt an dieser Stelle einen Vergleich mit den Bürgern und Laien, die es sich nicht trauen würden, in einer Schule zu lehren, ohne eine Lehrerlaubnis (hier der Doktorgrad) zu haben. Ich finde diesen Vergleich zwar heute etwas schwierig, denn das Verhältnis von Staat und Kirche hat sich seit dem 16. Jahrhundert deutlich gewandelt, vielleicht kann es die Situation aber trotzdem etwas besser verdeutlichen. 

 

Am Ende Ihrer Frage sind wir damit aber bei einem dritten Theman, dem protestantischen Kirchenverständnis, angelangt. Kann ein Christ, also ein Getaufter, das Abendmahl „würdig“ spenden? Grundsätzlich: jein. Er oder sie kann es schon spenden, aber die Wandlung muss ein Ordinierter, im Sinne eines Berufenen, übernehmen. Denn dabei handelt es sich um das, was in der Confessio Augustana als "die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden" festgehalten ist. So wird es für eine Kirche vorgeschrieben. Auch die Frage, ob man das Abendmahl allein feiern kann, würde ich mit der Confessio Augustana Art. 7 beantworten, denn dort wird Kirche als "die Versammlung aller Gläubigen" bezeichnet. Ein alleiniges Abendmahl erfüllt weder einen Gemeinschaftsgedanken, den römisch-katholische und evangelische Kirche ja gleichsam teilen, noch den Versammlungscharakter (streng genommen wären immerhin Christus und die Person versammelt, aber das ist mit besagtem Artikel 7 hier sicher nicht gemeint). Eine gänzlich alleinige Abendmahlsfeier ist also auch im lutherischen für einen nicht ordinierten bzw. berufenen Getauften nicht möglich.   

Ich hoffe ich konnte Ihre spannenden Fragen beantworten und Ihnen zudem einige neue Denkanstöße mit auf den Weg geben. Es freut mich, dass Sie sich mit solch komplexen und umfassenden Themen beschäftigen und sich theologisch nicht abschrecken lassen.

Ökumenische Grüße sendet Ihnen

Pia Heu  

  

Fragen zum Thema
Schlagworte

Kommentare

Liebe Pia Heu,

vielen lieben Dank für die Beantwortung dieser Frage und die Mühe hierzu! Ich hatte, da es ja schon ein wenig Zeit in Anspruch genommen hat und ich (wohl zu unrecht- mea culpa!) davon ausging, dass es wohl nicht mehr zeitig beantwortet wird, selbst auch noch einmal einige sehr interessante Schriften von Theologen des Kovents Augsburgischen Bekenntnisses zum Thema Abendmahl/Eucharistie in einer theologischen Bibliothek gelesen und hier noch einmal neuerlich eine Frage genau zum letzten Punkt präzisierend gestellt unter derselben Mail. Was Sie hier schreiben deckt sich größtenteils ganz klar mit dem, was ich auch in den Schriften jener lutherischer Theologen vorgefunden habe, besonders zum Meßopfer und zum Allgemeinen Priestertum. Aber verwirrt bin ich jetzt schon etwas bei dem Punkt des Pfarramtes bzw. des (geistlichen) Ministeriums. Es scheint mir in Ihrer Antwort so, dass die Wandlung in der Eucharistie einem Ordinierten bei den Protestanten vorbehalten ist? Wäre dies nicht genau eine solche Unterscheidung des Priestertums nicht nur dem Grade, sondern auch dem Wesen nach, wie sie die katholische Kirche lehrt? Mein Verständnis war es, dass der Inhaber des geistlichen Ministeriums nicht durch die Ordination zur Wandlung befähigt wird, sondern einzig durch sein allgemeines sacerdotium, was er, wie Sie ja schreiben, durch die Taufe mitbekommen hat wie jeder andere Christi. Der geistliche Minister ist jedoch in spezieller Weise zur öffentlichen (publice) Verkündigung und Spendung der Sakramente durch göttliche Institution berufen und verpflichtet. Müsste denn dann vom sacerdotium ausgehend diese Vollmacht/Befähigung nicht ein jeder Christ (in jedem Fall private, publice nur in Ausnahme des Fehelens des Ministers) inne haben? Bei der Abspaltung der selbsständigen lutherischen Kirche wird das geistliche Ministerium/ das Predigtamt als Sakrament verstanden, jedoch, so glaube ich, lässt sich das nicht so in den theologischen Schriften, die ich gelesen habe, wiederfinden oder auch in der Lehre der EKD. Oder irre ich da? Sonst könnten eben ja auch einfache Christen, die nicht Träger des Ministeriums sind, aber des sacerdotium, diese nicht ersetzen, falls einmal ein Pfarrer fehlen sollte. Oder wird ein solches Ersetzen einer Ordination gleichgesetzt? Eben aus dem Gedanken der confessio Augustana, die das geistliche Ministerium als publice versteht und aus dem Gedanken des sacerdotium könnte sich doch eine Feier des Sakraments ohne Ordinierten (also private) daraus herleiten? Oder irre ich da gänzlich in einer solchen Auslegung? Ich bin in meiner zweiten, präzisierten Frage dazu auch insbesondere auf das Verständnis Luthers hinsichtlich der wirksamen Einsetzung durch institutio, distributio und sumptio eingegangen. Da bin ich also noch etwas verwirrt und es scheint mir nun etwas inkonsistent. Wäre es möglich, vielleicht darauf noch einmal näher einzugehen?

In jedem Fall aber hat mich die Beschäftigung mit protestantischen Lehren noch einmal viel über meinen Glauben nachdenken lassen, auch über das allgemeine Priestertum, zum ich als Christ ja auch berufen bin! Herzlichen Dank nochmal für die Mühe und die Beantwortung der Frage. Liebe Grüße!

Lieber Paul,

 

vielen Dank für Ihre Antwort, die erneut sehr spannend ist und den Finger direkt in die Wunde legt. Denn die Frage, die Sie nun stellen, lässt uns deutlich bemerken, dass die lutherische Position lückenhaft ist. Was wir von Luther überliefert haben, lässt uns keine Antwort auf Ihre Frage finden. Zwar war, histroische betrachtet, das Amtsverständnis eine wichtige Frage zur Zeit der Reformation, trotzdem ist sie aber bei Luther nur marginal behandelt worden. Ihm ging es wohl vor allem darum gegen den Papst und dessen Amtsverständnis zu rebellieren, was ihm ja auch mit dem Konstrukt des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen gelungen ist (ohne ausführliche Argumentation allerdings).

Die Grundspannung der lutherischen Amtstheologie ist zwar später versucht worden zu überwinden, dies ist aber auch späteren evangelischen Strömungen nicht gelungen. In der liberalen Theologie, eine Reihe von wichtigen Theologen des 20. und 21. Jahrhunderts gehören dieser an, spricht man heute vor allem vom kulturellen und vom intellektuellen Sinn des Pfarr-/Priesteramtes. Die Pfarrperson wird dabei als Theologe/Theologin und damit als Experte/Expertin verstanden. Eine umfassende theologische Argumentation ist das natürlich nicht.

Eine ebenfalls liberal-theologische These ist die, dass das ordinierte Amt als, von mir bereits beschriebene, besondere Erscheinungsform des allgemeinen Priestertums verstanden wird. Diese ist an Professionalisierung gebunden und beruft sich auf den Begriff der "Berufung", den Schleiermacher (1768-1834, evangelischer Theologe) quasi als Verschmelzung von "religiösem Interesse und wissenschaftlichem Geist" versteht. Aber auch hier werden Sie, durchaus berechtigt, wieder nachfragen, was nun aber die quasi ontologische Unterscheidung von sacerdotium und minsterium bringt. 

Nun bleibt mir nur ein abschließender Hinweis auf den "character indelebilis", der Ihnen sicher ein Begriff ist. Eines kann man in Bezug darauf auf jeden Fall sagen: eine evangelische Theologie lehnt diesen "character indelebilis" ab, so dass mit der Berufung, also der Ordination als Pfarrperson, keine ontologische Veränderung oder Prägung der Person stattfindet.

Ich hoffe, dass Sie auch hier wieder einige Denkanstöße gefunden haben und ich Ihnen zumindest eine Richtung zeigen konnte. Empfehlen möchte ich Ihnen noch die Systematische Theologie von Wolfhart Pannenberg. Wenn Sie das nächste Mal in einer theologischen Bibliothek sind, halten Sie danach Ausschau und lesen Sie vielleicht dort in Band 3 den Abschnitt zur Ekklesiologie (dort dann das Amtsverständnis) oder den Abschnitt zu den Heilsmitteln, insbesondere das Abendmahl. Ich habe jetzt dort nicht genau nachgelesen, aber gewöhnlich findet man bei Pannenberg eine solide und umfassende Überblicksdarstellung einer evangelischen Position.

Ihnen alles Gute!

Liebe Pia Heu,

danke noch einmal für diese Rückmeldung. Sie nennen in der Tat einige interessante Herangehensweisen an dieses Amtsverständis. Wie Sie richtig sagen, interessiert mich dabei vor allem theologisch gesehen eine mögliche "quasi ontologische" Unterscheidung von sacerdotium und ministerium. Ich persönlich hatte eine solche Unterscheidung (trotz verschiedener Aufgabenbereiche und Berufungen eines jeden Christen in der Welt) grds. nicht als existent gesehen oder angenommen, gerade weil ja das ministerium doch irgendwie auf dem Fundament des sacerdotium aufbaut und das sacerdotium eben auch die Unmittelbarkeit des Zugangs eines jeden Christen zu Gott in besonderer Weise betont. Und wenn man das Sakrament des Abendmahls selbst als Gnadenmittel bezeichnet, ist es erstmal für mich schwer zu verstehen, dabei (wirklich ausnahmslos in jedem Fall) quasi eines menschlichen Mittlers zu bedürfen (was ja durchaus Parallelen zur katholischen Position erkennen lässt). Klar ist wohl, dass das ministerium göttlich gewollt ist, weil es immer Menschen braucht, die das Wort verkündigen, sich damit beschäftigen, es auslegen und verpflichtend in rechter Ordnung die Sakramente spenden zur Bestärkung der Schwestern und Brüder und die sich dies so zum Lebensinhalt gemacht haben. Es sind einige interessante Denkanstöße und ich werde mich auf jeden Fall weiter damit beschäftigen und es ist wirklich spannend! Vielen Dank also für die Literaturhinweise, ich werde es mir bei meinem nächsten Besuch in der Bibliothek anschauen, auch den Schleiermacher!

Danke also nochmal für Ihre Mühe und die Beschäftigung mit meinen Fragen. Ich wünsche Ihnen, liebe Pia Heu, noch ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest sowie eine hoffentlich erholsame Zeit!
Liebe Grüße und alles Gute!

Liebe Pia Heu,

ich hoffe erstmal, dass Sie gut ins neue Jahr gerutscht sind und dann, dass Sie mir als angehende Pfarrerin vielleicht noch einige weitere Fragen zu diesem Thema beantworten können, auch wenn ich Sie nicht zu sehr beanspruchen möchte. Es wären diesmal weniger theologische als praktische Fragen. Aber zuerst will ich noch mitteilen, dass mein Besuch in der theologischen Bibliothek für mich wieder faszinierende Erkenntnisse über den protestantischen Glauben gebracht hat und es für Interessierte teilen. Ich habe mir wieder lutherische Theologen angeschaut, vor allem auch Sasse und Kahnis und dann auch Pannenberg, der mich mich in meinem Glauben wirklich bereichert hat durch seine Ausführungen. Ich finde es vor allem sehr interessant, dass auch in der lutherischen Messe/dem Abendmahl nach lutherischer Ansicht das eine Kreuzesopfer Christi vergegenwärtigt wird und seine Früchte appliziert, den Gläubigen zugewandt. Pannenberg begründet dies mit der Anamnese und dem objektiven Wirken des Hl. Geistes dabei, aber es lässt sich auch gut mit der Theologie moderner kath. Theologen verbinden, die die Realpräsenz des Leibes/der ganzen Person Christi nicht von der Aktualpräsenz seines Heilshandelns getrennt sehen wollen. Dadurch erfüllt auch die lutherische Messe in ökumenischer Sicht die Definition des Trienter Konzils vom Meßopfer als memoria, repraesentatio und applicatio. Wenngleich klar gemacht werden muss, dass diese Vergegenwärtigung nur relativisch auf das eine Opfer hin ist und ihm nie etwas Menschliches hinzutreten kann, auch keine menschliche Opferung zur Sühne. Diese Ansicht findet sich wohl bereits bei Luther und Melanchthon. Das geistig-symbolische Opfer des Lobes und Dankes der Kirche (Gabenbereitung, Weihrauch, vernünftiger Gottesdienst) und der Gläubigen (Gebete, innige Teilnahme etc.) aus dem Glauben heraus hingegen wird nach dieser Ansicht auch im ev. Abendmahl in das eine, nun vergegenwärtigte Opfer Christi einbezogen. Dies passt sehr gut zu der Ansicht der apostolischen Väter und auch der orthodoxen Christen. Eine gewisse Kontinuität zur alten Kirche wird damit sichtbar. Diese Erkentnis fand ich mehr als erstaunlich und lässt mir die lutherische Konfession nur noch faszinierender erscheinen. (Die Soli und Prädestination zum Heil sind für sich alleine schon unheimlich spannend und ergreifend.)

Zum letzten Punkt bezüglich des geistlichen ministeriums sehen wohl vor allem lutherische Theologen, dass es göttlich eingesetzt ist zur rechten Verwaltung der der Kirche vermachten Heilsmittel und es daraus seine Berechtigung zum Dienst in der Kirche bezieht. Dem muss ich mich anschließen. Allerdings wird mit Verweisen auf Sermones Doctoris Lutheri erklärt, dass Amtshandlungen durch Laien (Taufe, Abendmahl) zwar in jedem Fall gültig sind, aber irregulär und unter Umständen sündhaft, wenn sie aus Ablehnung des göttlich eingesetzten ministeriums heraus erfolgen. (In der anglikanischen Kirche wird es wohl ähnlich gesehen) In casu necessitatis, im Notfall, sind sie aber unter Umständen durch Laien sogar geboten (etwa beim untergehenden Schiff, gestrandet auf einer Insel, Missionar bei Heiden etc.), wo Laien dann andere Christen absolvieren, Menschen taufen und das Abendmahl einsetzen sollten. Ein vernünftiger Ausgleich zwischen sacerdotium und ministerium. Ob eine Feier des Altarsakraments alleine sündhaft ist, vermag ich im Hinblick auf die CA und den publice Charakter des ministeriums noch nicht einzuschätzen. Die Sakramente könnten als Gnadenmittel der Kirche ja immer als öffentlich gelten. Andererseits könnte das Fehlen einer Möglichkeit zum Emfpang des Abendmahls am Sonntag für einen gläubigen Lutheraner als casus necessitatis gelten, sodass er genannte Privatmesse auch ohne Sünde feiern könnte. Ein Ordinierter könnte es theoretisch wohl auch so tun, gerade auch zu seiner eigenen geistlichen Erbauung und Stärkung im Dienst der Verkündigung. Immer jedoch sollte die gemeinsame Feier unter dem ordinierten geistlichen Minister vorgezogen werden.

Es ist noch so viel mehr Faszinierendes und Interessantes daran, was ich ansprechen könnte, ich beschäftige mich oft und gerne damit und ich denke nun mit meinen 22 Jahren tatsächlich darüber nach, doch noch protestantische Theologie zu studieren, weil es echt spanennd ist und wirklich gründsäzlich wichtige Themen im Leben des Menschen behandelt, aber ich möchte nun eine praktische Frage stellen, die Sie als angehende Pfarrerin vielleicht beantworten können und die mich beschäftigt in dem Zusammenhang.

Wie frei ist der Ordinierte eig. in der ihm gebotenen Aufgabe der rechten Verwaltung der Sakramente und in seiner Verkündigung? Ich wohne in dem Territorium einer unierten Landeskirche. Die luthersichen und reformierten Kirchen sind wohl durch die preußische Obrigkeit verbunden worden. Gerade wenn Pannenberg wie andere von der kirchenkonstitutiven Wirkung der Sakramente, auch des Altarsakraments ausgeht, würde ich als mittlerweile doch schon überzeugter Lutheraner diesen evangelischen Glauben bewusst leben und bekennen wollen. Nur dann kann nach solcher Lehre und der CA die Kirche wachsen und der Glaube gestärkt werden. Auch interessiert mich in anderer Hinsicht die Freiheit in der Liturgie, also besonders der rechten Verwaltung des Altarsakraments. Ich war in meiner örtlichen protestantischen Gemeinde und ich finde die Liturgien und Riten dort, auch wenn sie im Wesen Adiaphora sind, mehr als ernüchternd im Vergleich zur katholischen aber auch skandinavisch-lutheranischen oder anglikanischen Kirche und es ist leider auch kaum jemand Sonntags da. Gemäß dem auch von manchen lutherischen Theologen anerkannten Grundsatz "lex orandi, lex credendi" ist es da möglich als Ordinierter bspw. die Deutsche Messe Luthers zu feiern oder Hochgebete anderer Kirchen und Traditionen zu verwenden, die theologisch dasselbe Verständnis des Altarsakraments ausdrücken? (Manche Ordinierte in der Gemeinde schienen des Heiligen Geistes voll und sich selbst sogar Gebete adhoc auszudenken, was ja auch eine gewisse Tradition in der frühen Kirche hatte...) Wie sieht es mit liturgischen Gewändern aus? Ich persönlich finde es sehr unpassend und wirklich schade für den christlichen Gottesdienst, der ein so kostbares Heilsmittel anbietet, durch obrigkeitliche Anordnung allein einen tristen, schwarzen Gelehrtentalar zu verwenden und alle kirchliche Tradition zu begraben. Es schien auch in lutherischen Kirchen in Deutschland vor diesem Erlass üblich zu sein, traditionelle liturgische Gewandungen zu verwenden wie heute noch in anderen protestantischen Kirchen weltweit.

Hier sind bspw. interessante Gemälde des ersten Abendmahls in Brandenburg nach protestantischem Ritus:

http://reformation-mark-brandenburg.de/wp-content/uploads/2015/12/Carl-R...

https://www.tagesspiegel.de/images/repro-oliverziebemanteuffelstrasse-10...

Es wäre wirklich schön und interessant für mich, wenn Sie mir vielleicht hierzu aus Ihrer Erfahrung als angehende Pfarrerin noch etwas sagen könnten.
Liebe Grüße!

Neuen Kommentar schreiben