Vaterunser "Führe uns nicht in Versuchung"?

gestellt von Gudrun Kühn am 16. November 2018

Und führe uns nicht in Versuchung
Gott führt uns doch in keine Versuchung?
ER prüft uns, aber das ist doch keine Verführung!
Verführung wäre etwas Böses , Sünde zu begehen

Hallo Gudrun!

Danke für Ihre Frage zum „Vaterunser“. Es geht Ihnen um die sechste Bitte im Vater Unser: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ Mit dieser Frage sind Sie in guter Gesellschaft.

Das Schwierige ist: Die ursprünglichen Worte des „Vaterunser“ waren in Aramäisch – in Jesu Sprache. Leider sind sie uns nicht mehr erhalten. So können wir nicht genau wissen, wie Jesus es meinte. Man geht aber davon aus, dass es um Gottes Bewahrung in der Versuchung geht. Auch im Jakobus-Brief wird noch einmal deutlich gemacht: „Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemanden. Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.“ (Jak 1,13–14).

Das griechische Wort, welches uns im Neuen Testament überliefert wurde, heißt „Peirasmos“. Das bedeutet neben „versuchen“ auch noch „prüfen“. Wir bitten Gott also im Vater Unser darum, dass er uns vor Versuchungen und Prüfungen aller Art bewahrt.

Martin Luther, der die Verse aus dem Griechischen übersetzt hat, äußert sich im Kleinen Katechismus dazu, wie er die Bitte versteht. Nämlich so, dass Gott uns davor bewahren soll, dass das Böse uns verführt.

Vielleicht haben Sie mitbekommen, dass es erst kürzlich auch in der katholischen Kirche eine Diskussion dazu hab. So hat Papst Franziskus  kürzlich vorgeschlagen hat, die Bitte anders zu übersetzen, nämlich mit: „Lass mich nicht in Versuchung geraten“. So wird sie ach im französisch-sprachigen Katholizismus formuliert.

Im „Vaterunser“ geht es also letztendlich darum, dass Gott uns bewahrt, wenn wir vor schwierigen Entscheidungen und Prüfungen stehen. Damit wir auf seinem Weg bleiben.

Ich hoffe, das hat Ihnen weiter geholfen!

Herzliche Grüße,

Johanna Klee

Fragen zum Thema
10.12.2012 - 09:03
Wie kann man im Leid an Gott festhalten? Liebe „Anonym“,   meine Antwort ist – das will ich gleich sagen – keine, von der ich…
13.02.2018 - 21:38
Wie kann man mit dem Gefühl umgehen, dass Gott fern ist? Lieber Herr Jais,   Die Bibel kennt Erzählungen von Gottes Nähe, in denen Gott sich zeigt…
05.01.2018 - 13:54
Wann sind wir in Jesu Namen versammelt? Liebe Frau S., vielen Dank für Ihre anregende Frage! Ich muss gestehen, dass ich mich…

Kommentare

Ihre oben aufgeführte Antwort hat mir durchaus gefallen, doch habe ich gelesen, dass die Übersetzung der französischen katholischen Kirche von der EKD abgelehnt wurde.
Sie kommt aber dem, was Sie als Luthers Verständnis darlegen, näher, als dessen eigene Übersetzung.
Wäre eine Änderung dann nicht doch besser, als mehr oder weniger lange Erklärungen nachzuschieben?
Ich finde hier die Neue Genfer Übersetzung deutlich klarer.

Mit freundlichen Grüßen
Gebhart Groth

Lieber Gebhart, das ist ein berechtigter Einwand. Nun hat das Vater Unser in der evangelischen Kirche in dieser Form eine lange Tradition, die vielen Menschen vertraut ist und Kraft gibt. Manchmal überwiegen die Gründe für die Tradition dann mehr, als berechtigte Einwände an der Übersetzung. Ähnliches zeigt sich z.B. bei der Lutherübersetzung 2017.

Beste Grüße,

Johanna Klee

Neuen Kommentar schreiben