Ist Jesus der leibhaftige Sohn Gottes?

gestellt von Markus am 30. November 2018
Jesus in der Krippe

Foto: shutterstock

Sehr geehrter Pfarrer Muchlinsky,
schon vor einigen Monaten habe ich die Frage gestellt, sie fand wohl keinen Eingang in das „fragen-Forum“. Daher stelle ich sie noch einmal. Ich würde gerne wissen, ob Jesus der leibhaftige Sohn Gottes ist, also von Gott mit Maria (geistig) „gezeugt“ wurde (natürlich nicht wie bei Zeus und Europa: Es ist mir schon klar, dass hier eine Art sublimierterer Vereinigung gemeint ist).
Ist Jesus Sohn Gottes oder ist er ein Mensch, der eine besondere Gottesbeziehung hatte, weswegen er sich als Gottes Sohn verstand - so etwa wie wir uns als Gottes Kinder verstehen können?
Für mich ist die Frage wirklich sehr wichtig, denn sie entscheidet letztlich darüber, ob wir Jesus als letzbegründenden „Gewährsmann“ oder als einen in der Reihe von vielen möglichen Propheten auf unserer Suche nach dem Messias wahrnehmen müssen.
Und was heißt in diesem Zusammenhang: Gott ist in Jesus Mensch geworden. Wird er in uns, in unserem gläubigen Mitmenschen ebenso Mensch? Gibt es hier eine Art „Qualitätsunterschied“? Könnten wir also gleichsam auch Christus sein (ich hoffe, hier nicht blasphemisch zu klingen) oder unterscheidet uns eine unhintergehbare Barriere?
Was bedeutet das für das Abendmahl (ich bin lutheranisch groß geworden)? Wenn Christus Prophet unter vielen ist, und nicht Sohn Gottes, warum ist das Abendmahl dann von besonderer Güte?
Ich wäre Ihnen sehr dankbar für eine Antwort.
Herzliche Grüße
Markus

Lieber Markus,

gut, dass Sie hartnäckig sind! Das ist eine Tugend, zu der uns Jesus selbst aufgerufen hat, als er das Gleichnis von der „bittenden Witwe“ (Luk 18,1-8) erzählte.

Nun zu Ihrer Frage selbst: Ja, wir bekennen Jesus Christus als Gottes „eingeborenen Sohn“, also als den einzigen, der tatsächlich von Gott selbst gezeugt wurde. Darauf legen die altkirchlichen Bekenntnisse auch ausgesprochen großen Wert. Im Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel hat man das folgendermaßen formuliert:

[Wir glauben …] an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen
,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserem Heil
ist er vom Himmel gekommen,

Damit soll deutlich gesagt werden, dass Jesus Christus eben nicht einer der Propheten ist. Er ist nicht Kind Gottes, wie wir anderen Menschen es sind. Wir sind geschaffen, Jesus Christus selbst ist gezeugt.

Natürlich ist das für die menschliche Logik schwer zu vermitteln, wie jemand gleichzeitig Mensch und Gott sein kann, aber genau das macht den christlichen Glauben aus, dass wir bekennen, dass Gott uns in Jesus Christus auf einmalige, einzigartige Weise nahgekommen ist. Jesus Christus war beides: Gott und Mensch. Das ist auch der „Qualitätsunterschied“ zu uns Menschen, von dem Sie sprechen. Wir Menschen können also nicht „Christus sein“, wie Sie formulieren. Aber wir können „Anteil haben“ an Christus. Was Gott in Jesus Christus für uns getan hat, daran haben wir durch unseren Glauben, durch unsere Taufe, durch das Abendmahl Anteil. Wir haben einen direkten Zugang zu Gott, der durch die Menschwerdung eröffnet wurde. Wir brauchen keine Tempel und keine Priester, weil wir diesen Anteil gekommen haben.

Ich hoffe, Sie können mit meiner Antwort etwas anfangen.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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