Buß- und Bettag

Gefragt von Zweifler
Buß- und Betttag bei Protestanten

© Josh Applegate /Unsplash

Ja und? Die Antworten, die ich auf https://fragen.evangelisch.de/frage/2025/ist-die-beichte-ein-sakrament finde, lassen alles offen. Wenn mir als ev. Christ eine Schuld auf der Seele liegt, muss ich mich also explizit auf die Suche nach einem Seelsorger machen, mit dem ich das zu klären versuchen kann. Ob er mir Vergebung zusprechen wird oder nicht, hängt dann von seinem Verständnis der Vergebung ab, weil bei den Lutheranern alles irgendwie individuell interpretiert wird? Da hat doch der Katholik mit seinen ritualisierten Formen (Beichte vor jedem Gottesdienst möglich) klare Vorteile.

Lieber „Zweifler“,

was für ein Nickname! Ich denke da ja an den Jünger Thomas im Neuen Testament, den man "den Zweifler" nannte, weil er die Wunden Jesus spüren wollte, um glauben zu können, dass er gerade wirklich Jesus Christus begegnet (Johannes 20,24-29).

Vielleicht hast du den Nickname ja auch aus einem ganz anderen Grund gewählt. Jedenfalls: du fasst nochmal nach. Und das ist auch gut so. Ich freue mich über deine Beharrlichkeit.

Nun zu deinem Anliegen: Du hast dich mit der Antwort auf die Frage „Ist die Beichte ein Sakrament?“ auf evangelisch.de beschäftigt. Du gehst davon aus, wenn ich dich richtig verstehe, dass ein katholischer Seelsorger in der Beichte stets Vergebung zuspricht, während das bei einem evangelischen Seelsorger abhängig von dessen individueller Einstellung dazu ist. Und du leitest das aus der Tatsache ab, dass die Beichte im katholischen Glaubensleben ritualisiert ist, im evangelischen eher nicht. Und du siehst dich vor deinem geistigen Auge schon mit dem evangelischen Seelsorger theologisch debattieren, bevor du mit deiner Beichte beginnen magst.

In gewisser Weise kann ich dich beruhigen: die Debatte wird vor allem und zuerst im Kopf und im Herzen des Seelsorgers stattfinden, zu dem du gehst. Du bist da nicht "verantwortlich", sondern darfst dir etwas zusprechen lassen, im Namen Gottes.

Ich beginne mit deinem Schlussatz: Auch ein katholischer Seelsorger steht vor der großen Frage, ob er Vergebung zusprechen kann. Zudem hat er zu entscheiden – und das ist eine katholische Eigenart -  in welcher Form und Schwere die Buße aufzuerlegen ist.

Das kann ein Gebetes sein, oder mehrere, z.B. des weithin bekannten Rosenkranzgebet. All das ind ebenfalls, wenn du so möchtest, individuelle, aber individuelle theologische Entscheidungen. Sie hängen ab von dem Handeln des Beichtenden, von der theologischen Haltung des Seelsorgers – und von Gottes Wirken in diesem Geschehen

Werfen wir jetzt einen Blick auf die Protestanten: auch hier gibt es ja eine regelmäßige Form der Beichte und des Vergebungszuspruches: In Evangelischen Abendmahlsgottesdiensten sprechen Pfarrer und Pfarrerinnen regelmäßig nach dem Beichtgebet der Gemeinde Worte wie: “ Der Allmächtige Vater hat sich über euch erbarmt und vergib euch eure Schuld“.

Du siehst, beide Konfessionen versuchen verantwortlich umzugehen mit dem Zuspruch der Beichte, dem nötigen Ernst der Beichte sowie den Möglichkeiten und den Grenzen der Vergebung. Stelle dir vor, ein Mörder oder eine Mörderin würde eine Mordtat beichten – sollte er, sollte sie umgehend den Vergebungszuspruch erfahren? Wohl nicht. Hier würden wohl beide Konfessionen sehr ins Gespräch kommen mit dem und der Beichtenden, um die Abwege zu ergründen und zu begleiten und Wege zu finden, um sie überwinden. Und wie bei allen Sünden kommt dann nicht nur der Beichtende und Gott in den Fokus, sondern auch die, die durch das Handeln des Beichtenden geschädigt wurden, Opfer und Angehörige.

Insofern ist die Vergebung tatsächlich eine anspruchsvolle Sache, für Seelsorgende und Beichtende aller Konfessionen.

Und was bedeutet nun für die Evangelischen die Beichte? Dazu nochmal einige Koordinaten für dich:.Das evangelische Christentum hat sich in der Zeit der Reformation gelöst von dem ritualisierten Ineinandergreifen von Beichte, Buße und Vergeben. Weil es da einen Automatismus witterte. Und Angst in der Luft lag, nicht genug zu beichten und zu büßen. Luther betonte, wie groß Gott ist – in seiner Liebe UND in seiner Freiheit.

Und dennoch oder gerade deswegen hat der Protestantismus ein beinahe "schärferes" Verständnis der Beichte, der Buße und der Vergebung. Schon die 95 Thesen von Martin Luther über den Ablass vom 31.10.1517 setzen mit Gedanken ausgerechnet über die Buße ein – und markieren den Beginn der Reformation. These 1: „Als unser Herr und Meister, „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen', wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei. Insofern ist das ganze Leben eines (evangelischen) Christen geprägt von der Erfahrung seiner eigenen Sündigkeit und der beinahe unglaublichen Vergebung Gottes für den, der an Gottes unbestechliche Freiheit und unbegreifliche Liebe glaubt. Denn, so Martin Luther: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“

Also, (auch), wenn du bei einem evangelischen Seelsorger die Beichte ablegst, wirst du den Ernst deiner Beichte spüren und die bitteren Grenzen deines menschlichen Handelns - aber auch Gottes großen Willen und seine unendliche Liebe.

Es grüßt dich herzlich, Pamela Barke

 

 

 

 

 

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