Kann man durch HipHop sündigen?

gestellt von Daniel am 11. Februar 2019
Hip Hop

@Getty Images/peeterv/iStock

Die Frage hört sich im ersten Moment etwas dumm an, aber ich bin ein Fan der "underground"hip hop Szene in Amerika. Dort wird jedoch oft über den Teufel, Mord, etc. gesungen/gerappt. Ich nehme dies alles natürlich nicht ernst und glaube immer noch an meine Religion, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob man dies schon als sündigen bezeichnen könnte. Immerhin ist es ja nur eine Art der Unterhaltung.

Lieber Daniel,

Frank Muchlinsky hat mich gebeten, deine Frage zu beantworten, weil ich mich - ähnlich wie du – gerne mit HipHop beschäftige. Darum möchte ich auch ein bisschen weiter ausholen.

Ja, vor allem in bestimmten Spielarten des US-HipHop wird sehr viel über Mord und Totschlag gerappt. Weitgehend bekannt ist aber auch, woher das kommt – dass diese Kultur (mit allem, was dazu gehört, also z. B. auch Dance, Spray- und Streetwear-Styles) in Gegenden entstanden ist, die man heute gerne mal als "soziale Brennpunkte" von Großstädten beschreibt. Viele der HipHop-Künstler*innen begannen in ihren Lyrics schlicht, von dem zu erzählen, was sie erlebten – vielfach auch eskalierende Gewalt. Nicht umsonst sahen sich viele der Künstler auch vor Gericht wieder oder wurden gar getötet (von berühmten Opfern wie Tupac Shakur oder Notorious B.I.G. in der Vergangenheit bis hin zu Underground-Artists wie XXXTentacion im vergangenen Jahr, zum Beispiel).

So rappen die US-HipHopper also häufig zugespitzt und künstlerisch überformt über eine Realität, die durchaus auch Resultat von Rassismus, Unterdrückung und gesellschaftlicher Ungerechtigkeit ist. Und, verkürzt gesagt, so wird diese Realität wie beim epischen Theater" von Bertold Brecht diskutierbar und kritisierbar. Nicht umsonst hat US-Rap-Superstar Kendrick Lamar zuletzt den Pulitzer-Preis bekommen, der normalerweise vorwiegend Journalist*innen verliehen wird.

Hier in Europa haben wir als US-HipHop-Fans nun zwei Möglichkeiten, denke ich: Wir können uns entweder mit den Protagonisten und Inhalten des US-HipHop identifizieren und können ihnen in einem weiteren Schritt auch nacheifern. Das würde unter Umständen bedeuten, auch selbst Gewaltfantasien nicht nur zur Affektbewältigung zu nutzen, sondern sie womöglich auch in die Tat umzusetzen. Oder wir vermeiden letzteres tunlichst und lassen uns faszinieren von der Reimartistik, den großartigen Beats, der künstlerischen Innovation und auch den geschilderten Geschichten, ihren Umständen und den daraus abgeleiteten Statements. Damit tun wir dann aber auch nichts anderes als Menschen, die sich (begeistert) mit Romanen, Filmen oder Games beschäftigen, in denen Gewalt, Tod und Teufel vorkommen – Dinge, die von jeher in der menschlichen Realität und/oder in den Köpfen der Menschen existieren.

Man kann es gut so formulieren: Sünde ist das, was uns von Gott trennt. In diesem Sinne kommt es doch darauf an, was wir mit dieser Musik machen. Nutzen wir sie, um menschenfeindliche Aktionen zu propagieren, um bspw. frauenverachtend, homosexuellenfeindlich oder gewaltverherrlichend zu agieren, dann kann das durchaus "sündhaft" sein – es hat dann kaum etwas mit biblischen Doppelgebot der Liebe zu tun. Lassen wir uns von ihr aber informieren, unterhalten, zum Nachdenken anregen oder einfach ordentlich kicken, kann ich nicht sehen, was daran nicht gut tun soll. Eine Sünde wäre es aber auf jeden Fall, diese Musik zu meiden!

Herzliche Grüße

Claudius Grigat

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