Vulgata ursprünglicher als deutsche Übersetzungen?

gestellt von Riri am 11. August 2019

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

ich bin gewillt, mein Latein aufzufrischen und auf den Stand zu kommen, dass ich irgendwann die Vulgata lesen kann. Nun ist das NT ja hauptsächlich in Koine verfasst. Dazu finde ich keine Kurse in meiner Stadt und autodidaktisch wage ich mich nicht an diese Sprache, da ich mit ihr im Gegensatz zu Latein noch nie richtig zu tun hatte und man mehr Material zu Latein findet. Mein Ziel ist es, möglichst nahe an den Urtext heran zu kommen. Deswegen die Frage: Lohnt es sich, Latein nochmal richtig zu lernen, um die Vulgata (zumindest erst einmal das Novum Testamentum) zu lesen und selbst zu übersetzen? Bekommt man damit eine größere Nähe zum Urtext oder ist das alles eher ein Hirngespinst und manche deutschen Bibelübersetzungen sind heutzutage viel ursprünglicher als es die Vulgata war und ist?

Vielen Dank für Ihre Antwort!

Liebe/r Kiri,

Die Vulgata ist ebenso wie jede Deutsche Bibel eine Übersetzung. Sie ist darum nicht näher dran am Urtext, sondern lediglich früher angefertigt worden. Schon Luther hat nicht mehr allein die Vulgata als Vorlage für seine Übersetzung ins Deutsche genommen, sondern die griechischen und hebräischen Texte, die ihm zur Verfügung standen. Und damit sind wir am entscheidenden Punkt. Wenn man gern nah an den Ursprungstext heran möchte, braucht man möglichst gute und verlässliche Handschriften der alten Texte. Das bedeutet: Heutzutage stehen uns wesentlich mehr solcher Handschriften zur Verfügung als zur Zeit der Übersetzung der Vulgata. Darum sind neue Übersetzungen in der Lage, besonders nah am Ursprungstext zu sein. Das gilt vor allem für die Zürcher Bibelübersetzung, weil die sich – anders als die Lutherbibel und die Einheitsübersetzung – nicht an alten Übersetzungen zu orientieren hat. Sie ist einfach auf dem neuesten Stand der Wissenschaft.

Darum muss ich Ihnen leider sagen, dass Sie mit der Lektüre der Vulgata Ihrem Ziel weniger nahe kommen als mit dem Erwerb einer neuen deutschen Bibel. Vielleicht finden Sie ja doch noch einen Weg, bei Ihnen in der Stadt einen Kurs für Altgriechisch zu finden. Dann könnten Sie selbst verschiedene gut editierte Handschriften vergleichen und schauen, was Ihrer Meinung nach dem Urtext am nächsten ist.

Herzlichen Gruß

Frank Muchlinsky

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