Wie viel Gewicht hat das Alte Testament noch?

gestellt von Esther Wagner am 15. November 2019
Tora Rolle

Getty Images/iStockphoto/adamkaz

Tora-Rolle

Hallo, Herr Muchlinsky,
ich bin mir unsicher ob man das AT zu Fragen über das christliche Leben und Denken und in Diskussionen wie wir als Christen leben sollten, heranziehen kann oder ob es da besser wäre das NT mehr zu gewichten. Dient uns das AT nur zum Geschichten erzählen und zum Verständnis für das NT?
Ich meine Jesus hat etwas dazu gesagt, wie die Lehren oder Gesetze aus dem AT im Vergleich zu seinen Aussagen stehen. Soweit ich weiß, revidiert er das AT nicht, aber vielleicht hat er es erneuert?!
Mir fallen dazu folgende plakative Aussagen ein: "Auge um Auge, Zahn um Zahn" und "Schlägst du mich auf die linke Wange, halte ich dir die rechte hin!"
Daneben hat sich durch Jesus wohl das Gottesbild von einem strafenden und gerechten in einen liebenden und gnädigen Gott gewandelt?!
Ich hoffe meine Gedanken sind relativ verständlich und ich bedanke mich sehr für Ihre Zeit und diese Möglichkeit!!!
Freundliche Grüße
Esther*
P.S. Ich möchte mich bei Ihnen ganz herzlich bedanken, dass Sie diese Seite unterstützen. Ich konnte mich u.a. so langsam wieder mit meinem Glauben beschäftigen, nachdem ich mich aufgrund schwerer Lebenslagen distanziert habe. Außerdem möchte ich Ihnen sehr anerkennen, dass Sie und Ihre Kollegin hier wirklich Kraft und Gelassenheit beweisen, wenn andere Menschen hier z.T. meines Erachtens nach frech einfach Sachverhalte unterstellen oder unhöflich schreiben. Also vielen Dank für diese Internetseite!

Liebe Esther*,

ich fange gleich mit dem Dank für die lieben Worte im P.S. an. Es tut sehr gut zu lesen, dass unsere Arbeit an dieser Seite hilfreich ist. Also, vielen Dank zunächst dafür!

Nun aber zu Ihrer Frage. Es geht sehr vielen Christinnen und Christen ähnlich wie Ihnen. Sie fragen sich, ob nicht das Neue Testament als christliche Bibel reichen könnte. Die Botschaft Jesu scheint so sehr viel freundlicher zu sein als das, was man aus dem Alten Testament wahrnimmt. Als liegt der Wunsch nahe, sich doch auf Jesu Botschaft zu konzentrieren und den Rest sozusagen als überwunden zu verstehen. Allerdings ist das ein ausgesprochen falsches Verständnis, nicht nur des Alten Testamentes, sondern auch des Neuen.

Für Jesus bestand die Bibel aus dem, was wir heute Altes Testament nennen. Jesus hat sich oft zu den biblischen Aussagen geäußert. Damit stand Jesus ganz in der Tradition jüdischer Bibelauslegung. Die will nämlich, dass vor allem die Worte der Tora, also der fünf Bücher Mose, immer wieder ausgelegt werden. Das bedeutet auch, dass die verschiedenen Vorschriften der Tora immer wieder gegeneinander abgewogen werden müssen. Das liegt daran, dass sich die Umstände immer wieder ändern. Nehmen Sie zum Beispiel die Speisevorschriften des Judentums. Das Volk Israel kannte bestimmte Lebensmittel noch nicht, die uns heute zur Verfügung stehen. Welche von denen darf man essen? Welche nicht? Ist eine Gans koscher oder nicht? In der Bibel steht nichts von Gänsen, aber es gibt Hinweise, die man diskutieren muss.

Oder nehmen Sie die Frage nach dem Sabbatgebot, mit dem sich Jesus häufig auseinandersetzte: Die Bibel sagt, dass man nicht am Sabbat arbeiten darf. Was aber, wenn man mit dieser Arbeit Leben rettet? Jesus bezieht hier klar Stellung und sagt: Das Gebot der Nächstenliebe ist höher zu bewerten als das Sabbatgebot, wenn es zu einem Konflikt zwischen den beiden Geboten kommt. Damit hat Jesus das Sabbatgebot aber nicht in Frage gestellt, sondern er hat es interpretiert.

Genauso ist es mit dem Gegensatz von "Auge um Auge" einerseits und "Halte deine andere Wange hin" andererseits. Die Regelung, dass man "Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand und Fuß um Fuß" geben soll, stammt aus dem 2. Buch Mose 21,24 und regelt dort das Zusammenleben für das Volk Israel. Die Aufzählung meint, dass man Straftaten angemessen ahnden soll. Wer jemandem einen Zahn ausschlägt, soll nicht dafür eine Hand verlieren oder einen Fuß verwurden. Wie auch immer: Es gilt, dass man angemessen vergelten soll. Das nimmt Jesus auf und – wie er kurz vorher betont – hebt er das Gebot nicht auf, sondern er "erfüllt" es (Matthäus 5,17), indem er sagt: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar." (Matthäus 5,38-39) Jesus macht hier also wieder etwas Ähnliches wie bei dem Sabbatgebot: Er stellt dem Gebot der angemessenen Vergeltung das Gebot der Nächstenliebe gegenüber, das für ihn zusammen mit der Liebe zu Gott das höchste aller Gebote ist. (Matthäus 22,34-40) So wird das Gebot, angemessen zu handeln in seinen Augen erfüllt.

Sie sehen also: Das Alte Testament war für Jesus die Grundlage seiner Theologie. Er hat es nicht ersetzt und auch nicht erneuert. Allerdings hat er es in einer sehr autoritären Weise interpretiert. Und da wir Christinnen und Christen Jesus als unsere Autorität anerkennen, folgen wir seiner Interpretation, soweit wir sie eben kennen. Zugespitzt kann man sagen: Das ganze Neue Testament ist eine Interpretation des Alten Testaments. Und wir haben durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder die Aufgabe, beide Teile der Bibel zu interpretieren.

Nun noch ein letztes Wort zum Gottesbild, weil mir das sehr wichtig ist: Wer das Alte Testament aufmerksam liest, wird feststellen, wie unendlich liebend Gott dort dargestellt wird. Trotz aller Enttäuschungen, die Gott von den Menschen erfahren muss, hält er an seiner Liebe zu den Menschen fest. Genau diese Geschichte ist es, die mit Jesus weitergeht. Die Menschen bringen die Propheten um, und Gott versucht es wieder und wieder – bis zu seinem eigenen Sohn. Die Heilsgeschichte, die in der Bibel aufgeschrieben ist, macht nur dann wirklich Sinn, wenn man sie im Zusammenhang liest und versteht.

Das soll nun alles sein für diesmal. Ich hoffe, Sie konnten etwas mit meiner Antwort anfangen.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky

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