Warum gehen Christen nicht in die Synagoge?

gestellt von Damir Semenovic am 12. Juli 2020
Synagoge

© Mattis Kaminer/stock.adobe

Ich frage mich, warum Menschen, die sich als Christen bezeichnen, nicht in die Synagoge gehen oder die jüdischen Feiertage feiern, wenn es Jesus auch getan hat.
Und wieso bezeichnen "wir" uns dann nicht auch als Juden, wenn Jesus nie etwas von "Christen" sagte? Ich muss doch als "Christ" auch das Alte Testament (und darin die Thora) praktizieren, oder nicht?

Lieber Herr Semenovic,

vielen Dank für Ihre Fragen und Ihre genauen Beobachtungen. Ich möchte Ihnen zwei Antworten anbieten, eine kurze und eine lange. Fangen wir mit der langen Antwort an.

Sie haben ganz recht, Jesus und seine Freunde waren Juden und haben am jüdischen Leben ihrer Zeit teilgenommen. Unter den ersten Christen gab es auch viele andere Juden, die an Jesus als den Messias glaubten. Sie trafen sich in kleinen Gruppen rund um die Synagogen und praktizierten das Judentum weiter, so wie Sie es beschreiben. Man nennt diese Menschen Judenchristen: Juden, wegen ihrer Abstammung und ihrer Traditionen; Christen, weil sie glaubten, dass Jesus der Messias ist. Deshalb nennen wir uns Christen, weil Jesus Christus in der Mitte unseres Glaubens steht.

Jesu Botschaft richtete sich aber nicht nur an Leute, die wie er selbst dem Judentum angehören. Er sagt:

„Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,19f).

Deshalb erzählten die Apostel auch anders- und nichtgläubigen Menschen von Jesus und tauften sie. Für diese Christen stellte sich nun genau Ihre Frage: müssen sie nicht auch die jüdischen Riten und Gebote ausführen? Der Apostel Paulus hat eine eindeutige Meinung dazu, die sich später durchsetzt: Nein. Christen müssen sich nicht beschneiden lassen oder in die Synagoge gehen. Sie sind allein aus ihrem Glauben an Jesus Christus heraus vor Gott gerecht. Seine Argumente dafür können Sie im Galaterbrief nachlesen. Und auch Jesus selbst hatte schon Kritik an der jüdischen Glaubenspraxis geübt, als er z.B. den Sabbat bricht (Mk 2,23-28) oder alle Nahrungsmittel für erlaubt erklärt, die Juden verboten waren zu essen (Mk 7,19).

Nun zur kurzen Antwort. Wie oben bei Mt 28,20 geschrieben steht, fordert Jesus die Getauften dazu auf, sich an das zu halten, was er gesagt hat. Christsein bedeutet also nicht, Jesu Lebensstil nachzuahmen, sondern seine Botschaft von der Liebe Gottes und der Liebe zum Nächsten zu beachten.

Mit herzlichen Grüßen

Anna Berting

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