Können Menschen mir durch üble Gedanken schaden?

Gefragt von Maria
Frau balanciert auf Baumstamm

©Getty Images/iStockphoto/lolostock

Hallo,
ich lebe seit Monaten mit einer Angst in mir, die ich nicht beschreiben kann. Es hört sich vielleicht komisch an, aber es belastet mich.
Ich habe Angst, dass mir jemand etwas Böses wünscht oder dass mir durch Neid eines Anderen etwas was passieren könnte, nur schon wenn eine Person neidisch auf irgendwas von mir wäre.
Ein Beispiel:
Ich sage ich bin glücklich. Dann hab ich Angst, dass eine Person mir was Schlechtes wünschen könnte und dass mir dann irgendwas passiert. Ein anderes Beispiel: sagen wir mal, ich wäre reich und Personen gönnen es mir nicht. Dann hätte ich Angst, dass ich alles verlieren würde.
Dann hab ich aber immer noch diesen Gedanken, dass Gott das gar nicht zulassen würde.
Ich würde gern wissen was sie dazu denken.
Ich bedanke mich herzlich im Voraus.

Liebe Maria,

diese Gedanken, von denen Sie schreiben, klingen sehr belastend. Zunächst mal ist es gut, wenn Sie damit nicht allein bleiben, sondern sich Anderen anvertrauen, so wie Sie es jetzt getan haben, indem Sie mir Ihre Frage stellen. Manchmal ist es ja so, dass unsere Ängste schon etwas von Ihrem Schrecken verlieren können, wenn es gelingt mit Jemandem darüber zu reden.

Mir hilft es häufig mir etwas Klarheit über meine Gefühle und Vorstellungen zu verschaffen, wenn ich mir dazu Bilder vorstelle. Wenn ich Ihre Frage lese, stelle ich mir das Bild einer Seiltänzerin. Ich sehe eine Tänzerin, die auf einem Drahtseil vorangeht. An ihrem Gürtel sind zahllose Schnüre befestigt. Jedes Schnurende liegt in der Hand eines Menschen, der unter dem Drahtseil steht. In jedem Moment muss die Seiltänzerin fürchten, dass sie fällt, weil Jemand sie auf einer der anderen Seite mit einem Ruck herunterzieht.

Mir erscheint es so, als ob Sie anderen Menschen ganz viel Macht über Ihre Person und Ihr Leben beimessen.  Ein Stück weit ist das ja richtig, dass wir in unserem Leben immer auch von anderen Menschen abhängen, dass es auch Missgunst gibt, die uns das Leben schwermachen kann, dass Andere mir aus Neid Steine in den Weg legen. Genauso stimmt es, dass Vieles im Leben leichter geht, wenn Andere mich positiv bestärken und mich liebend begleiten.

Ich bin aber überzeugt, dass die Macht, die Andere über das eigene Leben haben, auch deutliche Grenzen hat. Sie selbst sind es doch, die Entscheidungen trifft im Leben. Sie selbst sind es, welche die Freiheit hat, die Nähe zu Menschen zu suchen, bei denen Sie sich wohlfühlen und diejenigen zu meiden, deren Nähe Ihnen weniger gut tut. Selbst wenn wir in Vielem von anderen Menschen abhängen, liegt dennoch ganz viel Souveränität über unser eigenes Leben bei uns selbst.  Deshalb glaube ich auch keineswegs daran, dass andere Menschen durch die Kraft ihrer Gedanken Einfluss auf Ihr Leben ausüben können.

Wenn ich nochmal auf das Bild der Seiltänzerin blicke, gibt es daran etwas, was für mich ganz real ist und auch zu jedem Leben gehört: nämlich das Seil und auch der manchmal ganz unsichere Schritt darauf. Das Leben ist so oft unverfügbar und auch mit ganz vielen Unsicherheiten behaftet. Es gibt großes Glück und manchmal scheitern wir und es geht etwas verloren. Die Seile, die am Gürtel befestigt sind und die alle in den Händen von anderen Menschen liegen, die spannen wir selbst, wenn wir den Anderen eine Macht über unser eigenes Leben beimessen, die sie nicht haben.

Vielleicht löst das Bild von der Seiltänzerin ja etwas bei Ihnen aus. Falls dem so ist, würde ich Ihnen sehr wünschen, dass es Ihnen nach und nach gelingt sich von diesen Seilen, die vermeintlich Andere in der Hand halten, befreien zu können und Ihren Blick schärfen können dafür, dass Sie diejenige sind, die bei allen Unsicherheiten, die zum Leben dazugehören, ganz viel selbst in der Hand hat.

Hilfreich dabei, ein Gefühl dafür zu bekommen, dass die anderen nicht diese Macht über Sie haben, können Dinge sein, die sie in einen guten Kontakt mit sich selbst bringen. Vielleicht tanzen sie gern, bewegen sich gern an der frischen Luft oder machen anderen Sport. All das kann helfen zu spüren, dass es nicht bloß die Welt und die Menschen um sich herum gibt, sondern dass sie eine ganz wichtige Rolle in ihrem eigenen Leben spielen.

Sollte es einen Moment geben, in dem Sie die Gedanken, die Sie beschreiben, einmal ganz akut quälen und Sie haben den Wunsch mit Jemandem zu reden, dann gibt es die Möglichkeit sich z. B. an die Telefonseelsorge zu wenden unter 0800/1110111. Hier finden Sie ein offenes Ohr. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit mit der Unterstützung eines Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin diesen Ängsten nachzugehen und sie zu bearbeiten.

Sie selbst bringen in Ihrer Frage Gott ins Spiel und schreiben, dass Sie sich nicht vorstellen können, dass Gott es zulassen würde, dass Andere Ihnen in der Weise schaden. Vielleicht kann auch das Gebet für Sie eine Kraftquelle sein, die sie stärkt. Ich möchte Ihnen ein Wort aus dem 121. Psalm mit auf den Weg geben, das mir dabei hilft auf meinem manchmal auch ganz unsicheren Drahtseil meines eigenen Lebens den nächsten Schritt zu gehen: „Er wird Deinen Fuß niemals gleiten lassen und der dich behütet schläft nicht.“

Ich hoffe, dass Ihnen meine Gedanken ein paar neue Perspektiven liefern konnten und wünsche Ihnen Gottes Segen!

Herzlich

Katharina Scholl

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