Dürfen Christen keine Nichtchristen heiraten?

gestellt von Katrin am 29. September 2020
Ehepaar auf den Stufen einer Treppe nach der Trauung

©Getty Images/Hiraman

Hallo Herr Muchlinsky,
Mir sagt ihre Lesart von 2.Kor 6,14 sehr zu. Ich habe allerdings auch gehört, dass diese als Argument gegen eine Ehe mit Ungläubigen angebracht wird. Wie würden Sie darauf reagieren?
Ich bin auf die Antwort gespannt!
Freundliche Grüße,
Katrin

Liebe Katrin,

mit dem Vers, den Sie hier ansprechen, kann man wirklich eine Menge machen. Hier ist er noch einmal wörtlich in der Übersetzung der Zürcher Bibel: "Lasst euch nicht mit Ungläubigen zusammen unter ein fremdes Joch spannen! Denn was verbindet die Gerechtigkeit mit der Missachtung des Gesetzes, was hat das Licht mit der Finsternis zu tun?" (2. Kor 6,14)

Da hier ein Bild verwendet wird, kann man den Vers in vielerlei Hinsicht verstehen. Was mag es bedeuten, sich mit "Ungläubigen unter ein fremdes Joch spannen" zu lassen? Ein Joch ist ein Holz, dass Tieren aufgelegt wird, damit sie in der Regel einen Pflug ziehen können. Das würde ja bedeuten, dass hier davor gewarnt wird, nicht mit "Ungläubigen" zusammenzuarbeiten. Als Bild für die Ehe finde ich das Joch eher ungeeignet, zumindest spricht es für ein merkwürdiges Verständnis von Ehe, wenn man sagt, sie würde einen "unterjochen". Das Joch steht für Arbeit für jemand anderen und so macht das Bild Sinn: Glaubt nicht, dass ihr mit "Ungläubigen" zusammen für die Sache Christi arbeiten könntet.

Diese Aussage klingt allerdings überhaupt nicht nach dem, was Paulus sonst sagt. Und auch der Rest des Verses steht den Aussagen Pauli diametral entgegen. Auf der einen Seite die "Gerechtigkeit", auf der anderen die "Missachtung des Gesetzes"? Das soll von Paulus stammen, der sonst ein glühender Verfechter der Gerechtigkeit aus Glauben und eben nicht aus der Befolgung des Gesetzes ist? Das muss aufmerksame Bibellesende stutzig machen. Und es geht in den folgenden Versen ähnlich merkwürdig weiter: Wie könnte Christus im Einklang sein mit Beliar, was hat der Gläubige mit dem Ungläubigen zu schaffen? (V.15) Der Name Beliar steht wohl für den "Verderber", den Satan, aber das Wort kommt sonst nirgends in der Bibel vor. Warum sollte Paulus hier und nur hier dieses Wort benutzen? Und es geht immer so weiter mit Sätzen, die überhaupt nicht in die Theologie des Paulus passen. Zum Beispiel in den Versen 17 und 18, wo viele Bibelstellen zusammengefügt sind zu der Aussage: "(So sprach Gott:) Darum »geht weg von ihnen und sondert euch ab«, spricht der Herr; »und rührt nichts Unreines an, so will ich euch annehmen und euer Vater sein und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein«, spricht der allmächtige Herr." Paulus sagt aber ausdrücklich, dass man keine Berührungsängste mit "Ungläubigen" haben muss. In 1. Kor10,27 schreibt er: "Wenn ein Ungläubiger euch einlädt und ihr hingehen wollt, so esst alles, was man euch vorsetzt, ohne euch ein Gewissen zu machen."

Man kann mit vielen guten Gründen davon ausgehen, dass in den Versen 2. Kor 6,14-7,1 jemand bei der Zusammenstellung der Paulusbriefe die eigene theologische Meinung eingefügt hat. Diese Verse stammen also nicht von Paulus. Wenn man etwas über Paulus' Haltung zur Ehe zwischen Christ:innen und Nicht-Christ:innen erfahren möchte, muss man im 1. Korintherbrief nachschauen. Dort geht Paulus in den Versen 8-16 auf ganz verschiedene Lebenslagen ein, auch auf die Ehe mit "Ungläubigen": "Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat und diese einverstanden ist, mit ihm zusammenzuleben, so soll er sie nicht entlassen. Und wenn eine Frau einen ungläubigen Mann hat und dieser einverstanden ist, mit ihr zusammenzuleben, so soll sie den Mann nicht entlassen." (1. Kor 7,13-14) Das ist die Haltung von Paulus.

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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