Warum heiligen Christinnen und Christen nicht den Sabbat?

Gefragt von Miroslav
Sabbat heiligen

© Farrel Nobel/Unsplash

Liebe Frau Scholl,

ich möchte gern wissen, wie die evangelische Kirche zum Sabbat, also dem Samstag als eigentlichen Ruhetag, dem Siebten Tag nach biblischer Rechnung, steht? Der heutige Sonntag als Ruhetag wurde ja vom römischen Kaiser Konstantin zu Ehren des Sonnengottes Sol Invictus eingeführt. Ich sehe da leider keinen Parallelen zum Christentum. Beispielsweise halten sich die Sieben-Tags-Adventisten noch genau an den Sabbat als Ruhetag der früheren Judenchristen, so wie das auch heute noch im Judentum üblich ist.
Es ist ein sehr interessantes Thema und leider entfernen sich gewisse Dinge von den Ursprüngen des Christentums, eben wie der Sabbat. Ich würde mich freuen wenn dem entgegengewirkt werden könnte.
Ich selbst bin orthodox getauft worden aber nicht arg strenggläubig und habe durch das Evangelium und durch die evangelische Gemeinde in meinem neuen Zuhause wieder zu Gott gefunden. Ich hatte auch mit einem Pfarrer gesprochen, auf der Spur nach einer Kirche, die den frühchristlichen Ursprüngen am Nächsten ist, und hatte eine interessante Theorie aufgestellt: Wenn sich die katholische und die orthodoxe Kirche beide auf das Evangelium, die freudige Botschaft, und auf die Heilige Schrift berufen, aber nur die evangelische Kirche direkt auf ihnen aufbaut, könnte man sie eigentlich als "reinste" und "ursprünglichste" und der frühchristlichen Kirche am Nächsten stehende ansehen? Der Pfarrer war überrascht und hatte gemeint: "Wenn man das so auslegt, könnte man das sogar bejahen."
Ich bin von der Reinheit und der direkten Verbindung zu Gott der evangelischen Kirche begeistert und freue mich den Weg zum Evangelium gefunden zu haben.
Ich freue mich auf Ihre Nachricht!
Miroslav

Lieber Miroslav, 

vielen Dank für Ihre Frage! Wie Sie ganz richtig feststellen, war es Kaiser Konstantin, der 321 den Sonntag zum verpflichtenden Feiertag machte. Allerdings hat der Sonntag ja auch eine ganz grundlegende christliche Bedeutung. 

Der Sabbattag ist als Tag der Schöpfung von großer Bedeutung. Es ist der siebte Tag, an dem die Schöpfung von Gott vollendet wurde. Judenchristen, also diejenigen Christinnen und Christen, die ursprünglich jüdisch waren, hielten im frühen Christentum zunächst den Sabbat weiterhin als Ruhe- und Feiertag ein. Heidenchristen, also diejenigen Christinnen und Christen ohne jüdische Wurzeln, legten ihren Feiertag auf den dies solis, also auf den Sonntag. 

Diese Verschiebung ist nicht rein zufällig, sondern begründet sich in dem, woran Christinnen und Christen glauben. Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung Jesu Christi. In seiner Auferstehung hat Gott in Christus die Schöpfung vollendet. Aus christlicher Perspektive liegt es also nahe, den Sonntag als Tag des Herrn zu heiligen. 

In den frühen apostolischen Zeugnissen auch vor der politischen Entscheidung Konstantins, den Sonntag zum Ruhetag zu machen, lässt sich bereits vieles zur Bedeutung des Sonntages lesen. In der Didache, einer Art frühen christlichen Gemeindeordnung, ist beispielsweise zu lesen: "Wenn ihr aber am Herrentag zusammenkommt, dann brecht das Brot und sagt Dank, nachdem ihr zuvor eure Übertretungen bekannt habt, damit euer Opfer rein sei." Aller Wahrscheinlichkeit nach ging es aber hier noch nicht um eine Sonntagsruhe, wie sie dann durch Konstantin festgelegt wurde, sondern um eine gemeinsame Stärkung vor der Arbeit am Sonntag. 

Neben dieser ganz direkten Frage zur Sonntagsruhe steckt ja noch eine sehr grundlegende Frage in Ihrem Schreiben. Müsste es nicht das ursprünglichste sein, an das wir uns als Christinnen und Christen halten? In der Tat sind es ja nicht zuletzt die biblischen Schriften, die uns daran erinnern, dass es immer wieder darum geht, sich auch an die Ursprünge unseres christlichen Lebens zu erinnern. Auf der anderen Seite ist aber ja auch auch so, dass sich religiöse Praxis entwickelt, auch in dem jeweiligen kulturellen Kontext, in dem sie stattfindet. Das ist per se etwas ganz normales. 

Die Wahrnehmung, dass es zu Beginn eine christliche Praxis gegeben hat, den Sabbat zu heiligen, ist für mich zunächst mal in der Hinsicht entscheidend, als dass es ein deutliches Zeichen dafür ist, dass wir als Christinnen und Christen eine grundlegende Verbindung zur jüdischen Religion haben. Trotzdem kann ich als Christin den Sonntag feiern, weil aus meiner Glaubensperspektive durch die Auferstehung Jesu Christi die zentrale Bedeutung hat. 

Ich hoffe, ich konnte Ihnen etwas weiterhelfen bei Ihrer Frage. 

 

Herzlich

Katharina

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