Helfen Weihwasser und Weihrauch bei der Segnung von Sachen?

Friedje
Gelangt in der evangelischen Kirche sog. 'Weihwasser' oder Weihrauch zur Segnung von Sachen/Dingen zur Anwendung? Wasser zur Taufen ausgenommen? Wenn 'Nein', mit welcher Begründung. Falls 'Ja', mit welcher Begründung?

Liebe Friedje,

um es kurz zu machen: Weihwasser wird in der evangelischen Kirche nicht angewendet. Die Begründung ist einfach: In den Kirchen der Reformation wird Gottes Segen nur für das, was lebendig ist, erbeten. Schon in der Schöpfungsgeschichte, im 1. Buch Mose heißt es nur nach der Erschaffung der Menschen: "Und Gott segnete sie." (1. Mose 1,28) Darüber hinaus segnet er den siebten Tag: "Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte." (1. Mose 2,3) Also werden keine Sachen und Dinge gesegnet, sondern nur die Lebewesen können Segen empfangen. Damit ist Ihre Frage für die evangelische Kirche im Prinzip beantwortet. 

Noch ein Beispiel aus der Praxis: Wird auf dem Jahrmarkt eine neue Achterbahn "gesegnet", dann wird ausschließlich der Segen für die Menschen erbeten, die die Achterbahn aufbauen, sichern, betreiben und die Menschen, die hier den Nervenkitzel genießen. Das Metall, Elektrik und Elektronik wird nicht gesegnet. Natürlich kommt kein Weihwasser zum Einsatz. 

Hier eine etwas vertiefte Begründung:  

Die Reformation hat alle überlieferten Traditionen, die sich in der Kirche etabliert hatten, anhand der Bibel hinterfragt. So wurden auch das Weihwasser und die Verwendung von Weihrauch überprüft. Dem Kriterium Bibel halten nur das Sakrament der Taufe und das Sakrament des Heiligen Abendmahls stand. Die Weihe von Wasser ist biblisch nicht belegt. Darum gilt auch für die Taufe: Aus normalem Wasser kann man kein "heiliges" Wasser machen. Das Wasser der Taufe bleibt einfaches Wasser, nur das Wort Gottes macht das Geschehen zur Taufe. Martin Luther drückt das in seinem Kleinen Katechismus so aus: "Die Taufe ist nicht allein schlicht Wasser, sondern sie ist das Wasser in Gottes Gebot gefasst und mit Gottes Wort verbunden." 

Allerdings kenne ich eine evangelische Kirchengemeinde, in deren Kirche im Eingangsbereich ein Wasserbecken steht, hier benetzen sich viele Besucher:Innen der Kirche mit Wasser und bezeichnen sich mit dem Kreuz. Die Kirchengemeinde - die ev.-luth. Gartenkirche in Hannover - schreibt zu diesem Wasserbecken: "Nein, das ist kein Weihwasserbecken! Aber eine Erinnerung an die Taufe darf ruhig auch sinnlich erfahrbar sein, indem man Wasser sehen und berühren kann." (Link) Diese Kirchengemeinde will hier die Taufe sinnlich so deuten, wie Martin Luther im Kleinen Katechismus: "Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe." (Link) Das Eintauchen der Finger in das Wasser erinnert - symbolisch - an das Sterben der menschlichen Sünde im Tod und stärkt die Erinnerung an Tod und Auferstehung Jesu Christi. 

Aber: Wasser bleibt Wasser, es dient hier ausschließlich zur Taufe und zur Tauferinnerung. 

Ihre Frage nach dem Weihrauch ist damit auch, aber noch nicht vollständig - beantwortet. Es geht - so die Bibel - ohne Weihrauch. Aber in vielen lutherischen Kirchen blieb der Weihrauch. Der Einsatz von Weihrauch ist in der lutherischen Kirche eine unverbindliche Zeremonie, gehört zu den Dingen, die man weglassen kann aber nicht zwingend aufgeben muss, den  "Adiaphora". Doch verschwand im 19. Jahrhundert der Weihrauch vollständig aus den lutherischen Kirchen. Seit einigen Jahrzehnten wird Weihrauch wieder vermehrt eingesetzt. Befragt man die Bibel, dann unterstützt Weihrauch symbolhaft das Beten und folgt der Bibel: "Mein Gebet möge vor dir gelten als ein Räucheropfer, das Aufheben meiner Hände als ein Abendopfer." (Siehe: Psalm 141,2) 

Also: Weihrauch wird zum unterstützenden Symbol aber mehr Bedeutung kommt ihm nicht zu. 

Ich bin seit vielen Jahrzehnten evangelischer Pastor, lutherisch ordiniert. Ich habe nie Weihrauch eingesetzt und nur zweimal einen Gottesdienst mit Weihrauch erlebt. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass bei jeder katholisch anmutenden Geste  eine gewisse Unsicherheit entsteht, übrigens auf allen Seiten. Darum habe ich mich - bei aller Zustimmung zu unterstützen Handlungen und Elementen im Gottesdienst und in der Kirche - bis heute immer noch sehr zurückgehalten. 

Und: Gerade im Schulterschluss mit meinen reformierten Nachbarkirchengemeinden, mit denen ich Gemeinschaft pflege, halte ich mich bei Gesten, die den protestantischen Konsens stören könnten, zurück . Aber Ihre Frage ermutigt mich: Vielleicht sollten wir alle als Protestantinnen und Protestanten etwas mutiger sein und eigene, neue Erfahrungen mit dem Weihrauch und sinnlich erfahrbaren Tauferinnerungen sammeln. 

Herzlich Grüßt Ihr Henning Kiene 

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