Meine Frage: Schalom Ben Chorin schreibt in seinem Buch "Bruder Jesus", Jesus wird von seinen Jüngern und der großen Gemeinde seiner Nachfolger als Rabbi angeredet. Ein unverheirateter Rabbi ist kaum denkbar. Mit scharfen Worten verurteilt der Talmud die Ehelosigkeit. Schalom Ben Chorin ist der Ansicht, dass Jesus wie jeder Rabbi verheiratet war. Liegt er da so falsch?
Mit freundlichem Gruß Karin Müller
Liebe Frau Müller,
Ihre Frage ist durchaus berechtigt, wenn man an Jesus so herangeht, wie Schalom Ben-Chorin das tat. Er war ein jüdischer Religionsphilosoph und hat in seinem Werk „Bruder Jesus“ Jesus konsequent im jüdischen Kontext beleuchtet. Ob Ben-Chorin mit seiner These richtig oder falsch liegt, lässt sich nicht einfach beantworten, weil uns schlicht die historischen Belege fehlen. Man kann also nur, wie Ben-Chorin es tat, aus historischer und theologischer Sicht abwägen.
Fangen wir mit den Argumenten an, die für Ben-Chorins Ansicht sprechen, dass Jesus verheiratet war. Die jüdische Tradition zur Zeit Jesu stützt diese Sichtweise durchaus. Ein Lehrer (Rabbi) im antiken Israel war in der Regel verheiratet. Die Ehe galt als Erfüllung des ersten göttlichen Gebots an seine Geschöpfe: „Seid fruchtbar und mehret euch“. Ehelosigkeit wurde oft mit Skepsis betrachtet und im späteren Talmud sogar teils als sündhaft bezeichnet. Wenn also Jesus bewusst als unverheirateter Mann lebte, war dies für seine Zeitgenossen eine enorme Provokation. Die Evangelien berichten zwar viel über die Kritik an Jesus, erwähnen aber an keiner Stelle eine Kritik an seinem Familienstand. Schließlich wurde Jesus von vielen Frauen begleitet, was für einen alleinstehenden jüdischen Mann damals höchst ungewöhnlich war. Eine Ehefrau im Hintergrund wäre insofern normaler gewesen.
Kommen wir nun zu den Argumenten, die für eine Ehelosigkeit Jesu sprechen. Das wichtigste Argument ist zunächst, dass die Evangelien und die Briefe des Paulus nirgends von einer Ehefrau reden. Andererseits erfahren wir eine Menge über seine Familie, seine Mutter, Brüder, Schwestern. Da wäre es doch sehr auffällig, eine Ehefrau zu verschweigen, wenn es sie gäbe. Außerdem predigte Jesus vom nahen Kommen des Reiches Gottes. Er rief ständig dazu auf, alles hinter sich zu lassen und sich auf dieses Kommen vorzubereiten. Er war in dieser Hinsicht eher ein Prophet als ein Rabbi, und für die Propheten war Ehelosigkeit nichts Ungewöhnliches.
Darum liegt Schalom Ben-Chorin historisch nicht falsch im Sinne eines Fehlers, aber er folgt einer logischen Rekonstruktion auf Basis der jüdischen Tradition. Jesus war allerdings in vielerlei Hinsicht jemand, der bestehende Normen herausforderte.
Ich hoffe, dass ich Ihnen mit dieser Antwort weiterhelfen konnte.
Herzliche Grüße
Frank Muchlinsky