Wie gehe ich mit den Widersprüchen in der Bibel um?

M. Schremmer
Frau in rotem Kleid liesst in der Bibel
© FUNDUS/Hans-Georg Vorndran

Ich finde so viele Widersprüche in der Bibel, die meinen Glauben ins Wanken bringen. Gott ist Liebe – warum dann diese Kriege? Liebe deine Feinde – wieso werden sie dann vernichtet? Kain und Abel waren die ersten Kinder von Adam und Eva. Kain ging in eine Stadt und nahm sich eine (oder mehrere) Frauen. Woher kamen diese? Ich könnte noch sehr viel aufzählen, was widersprüchlich ist. Eine Frau sollte nicht lehren usw. Man legt alles aus, wie man es braucht. Als Jesus geboren wurde, mussten sehr viele Erstgeborene sterben. Es waren doch unschuldige Kinder. Ich verstehe es nicht. 😆😢

Liebe Frau Schremmer,

Sie haben völlig recht: Die Bibel enthält viele Widersprüche. Manche biblischen Geschichten erscheinen unlogisch. Und wenn man das liest und feststellt: Irgendwas stimmt hier nicht – dann ist das verwirrend, kann sogar zur Verzweiflung führen: Wenn die Bibel schon nicht stimmt, wie soll ich dann an den glauben, von dem die Bibel erzählt?

Vielleicht hilft Ihnen einer der folgenden Gedanken weiter:

Man kann sich ja fragen, wie die Bibel überhaupt entstanden ist. Und heutige Forscher:innen gehen davon aus: Menschen haben sich Geschichten über Gott erzählt. Irgendwann haben sie sie aufgeschrieben. Dann erst wurden die einzelnen Geschichten zu biblischen Büchern zusammengefasst. Und erst viel später wurde daraus die Bibel, wie wir sie heute kennen. Das heißt: Die Bibel wurde nicht von einer Person am Stück verfasst. Sondern es waren viele verschiedene Menschen zu unterschiedlichen Zeiten – die aber eins verbindet: Sie haben Erfahrungen mit Gott gemacht. Die Bibel ist kein historisches oder wissenschaftliches Lehrbuch, sondern eine Sammlung von Glaubenszeugnissen. Sie will also vor allem Erfahrungen mit Gott weitergeben.

Ich stelle mir beim Lesen in der Bibel gerne die Frage: Was ist die Botschaft dieses Textes? Warum haben die Menschen die Geschichte so erzählt? Bei Kain und Abel denke ich dann: Das ist keine historische Schilderung der ersten Menschen. Sondern die Geschichte erzählt, wie Neid und Gewalt in die Welt kommen und wie Gott trotzdem den Menschen zugewandt bleibt. Ich denke, dass dieser Zugang beim Lesen der Bibel gerecht wird.

Dann muss man sehen: Einerseits spiegelt sich in den biblischen Texten die harte Realität der damaligen Zeit wider. Gewalt und Unterdrückung waren immer wieder an der Tagesordnung. Andererseits zielt ihre Botschaft auf die Liebe ab: Die gnädige Liebe Gottes zu den Menschen, die grenzenlose Liebe der Menschen untereinander. Das war schon damals ein Widerspruch – und ist es auch heute.

Und so trägt der Glaube an Gott immer auch die Dimension des „Noch-nicht“ in sich: Menschen glauben daran, dass Gott diese Welt erlösen wird – auch wenn sie es jetzt noch nicht sehen. Es ist eine Hoffnung, die über die eigene Erfahrung hinausgeht. Sie zeigt, wie Menschen trotz Gewalt, Leid und Widersprüchen daran festhalten, dass Gott am Ende Frieden und Gerechtigkeit schaffen wird. 

Glaube ist kein fertiges Gebäude. Zweifeln, Suchen und Fragen gehören zum Glauben dazu. Ihre Fragen zeigen, wie ernst Sie den Glauben nehmen. Das ist ein wertvoller Weg – auch wenn er nicht immer einfach ist. Aber sich auf diesen Weg einzulassen, ist ein erster und wichtiger Schritt.

Für diese Schritte wünsche ich Ihnen Gottes Segen.

Herzliche Grüße

Daniel Haardt

Fragen zum Thema

Lieber Marco, die Mahnung, die Jesus in der Bergpredigt ausspricht, und die Sie zitieren…
Lieber Timo,   Dietrich Hellmund geht in seinem Aufsatz auf die Stelle in 1. Joh 5…
Liebe Veele, die Schöpfungsgeschichte erzählt eine Geschichte darüber, warum die Welt…