Muss ich glauben, dass Maria Jungfrau war?

Frizzi
Maria Jungfrau
©epd-bild/Matthias Kindler

Sehr geehrte Theologen, 

den Abschnitt "geboren von der Jungfrau Maria" kann ich nicht mitsprechen. Ich kann es nicht glauben und finde es als Protestantin auch nicht besonders wichtig. Was soll ich davon halten und warum behält die Evangelische Kirche diese Behauptung heute noch in ihrem Glaubensbekenntnis? Für eine Erklärung wäre ich Ihnen dankbar. Ich nehme an, auch anderen Protestanten fällt es schwer, diesen Abschnitt beim Glaubensbekenntnis mitzusprechen. 

Herzliche Grüße, Frizzi

Hallo Frizzi,

zunächst einmal ist es völlig in Ordnung, in einem Gottesdienst nicht alle Texte mitzusprechen oder auch mitzusingen. Sie sind selbstverständlich herzlich eingeladen, aber Sie sind nicht dazu verpflichtet und entscheiden danach, wie es sich für Sie persönlich richtig anfühlt.

Ihre Frage hat aber natürlich auch einen theologischen Hintergrund. Der Abschnitt, den sie zitieren, stammt aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, das wir Protestanten in fast jedem Gottesdienst sprechen. Es entstand wahrscheinlich im fünften Jahrhundert.

Bekenntnisse spielten schon im frühen Christentum eine wichtige Rolle. Vielleicht kennen Sie das Nicäno-Konstantinopolitanum, das erste große christliche Bekenntnis, das bis heute in christlichen Kirchen weltweit verbreitet ist. Es wurde auf den Konzilien von Nicäa (325 n. Chr.) und Konstantinopel (381n. Chr.) beschlossen. Auf diesen Konzilien stellten sich Christinnen und Christen die Frage nach der Göttlichkeit Jesu. 

Dieses Bekenntnis ist, wie alle anderen, erst durch den Austausch unterschiedlicher Meinungen, durch intensive Diskussionen und Kompromisse entstanden. Es ist also völlig normal, dass Sie das Gefühl haben, nicht allen Aussagen uneingeschränkt zustimmen zu können. Das ging schon vielen Menschen auf den Konzilien so. Für die frühen Christinnen und Christen waren es dennoch wichtige Texte, weil sie sich damit vergewissern konnten, was Christentum für sie überhaupt ausmacht. Weil es damals zuvor noch kein großes Bekenntnis gegeben hatte und noch nicht festgelegt worden war, welche Bücher des Neuen Testaments überhaupt zur Bibel gehörten, war das gar nicht so klar.

Außerdem geht es Bekenntnissen auch immer um Gemeinschaft. Wenn das Apostolische Glaubensbekenntnis im Gottesdienst gesprochen wird, können Sie sich nicht nur zu Ihrem Glauben bekennen, sondern sich daran erinnern, dass Sie zu einer Gemeinschaft gehören, die ähnlich glaubt, wie sie. Dafür müssen Sie nicht jeder einzelnen Aussage des Bekenntnisses zustimmen.

Der Grund dafür, dass die Behauptung von der Jungfrau Maria im Glaubensbekenntnis steht, ist meines Erachtens die grundsätzliche Botschaft, die damit verbunden und auch für uns Protestantinnen und Protestanten zentral ist. Gott wendet sich uns Menschen zu, indem er in Jesus selbst Mensch wird. Der Autor des Johannesevangeliums drückt es so aus: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“  (Johannes 1,14) Das ist der Grund, warum die Autoren der Evangelien von der Jungfrauengeburt sprechen. Ihnen geht es nicht darum, ob Maria tatsächlich Jungfrau war, sondern sie wollen erzählen, wie Gott Mensch wird und somit auch als Mensch geboren wird, aber dennoch Gott bleibt. 

In ihrer Frage spielen Sie auf die besondere Rolle an, die Maria im Katholizismus einnimmt. Auch wenn Sie an eine „Jungfrau“ Maria nicht glauben können, ist sie in den Erzählungen in den Evangelien eine wichtige Figur, an der Gottes Handeln beispielhaft deutlich wird. Gottes wendet sich ihr auf besondere Weise gnädig zu und sie spielt eine wichtige Rolle in seinem Plan der Menschwerdung. In Lukas 1,28 steht: Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ Oder In Lukas 1,30: „Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ So schwierig die Vorstellung von der Jungfrauengeburt heute teils für uns sein mag, in den Erzählungen der Evangelien stützt sie eine Aussage, die später auch auf den Konzilien festgehalten wurde. Nämlich, dass Jesus nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott ist und Gott damit die Beziehung zu uns sucht. 

Herzliche Grüße

Paul

 

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