Jesu Kreuzestod ist die Voraussetzung für seine Auferstehung. Ohne Tod keine Auferstehung, dies gilt für jeden Menschen. Sein Kreuzestod in all seiner Blutrünstigkeit zeigt auf die Abartigkeit des Menschen, ohne Rücksicht darauf um wen es sich handelt. Selbst den Sohn eines universalen Schöpfers hält die Menschheit nicht zurück, eben diesen Sohn auf grausamste Art und Weise umzubringen. Aber eben diese grausame Art ist es, die uns immer wieder innerlich empören lässt und in uns den Rachegedanken der Vergeltung wach werden lässt. Hier wird sichtbar, wie groß die Kluft zwischen uns und Gott ist. Diese Kluft wurde von Jesus und dem Mensch übersprungen und so gilt: Er ist von den Toten auferweckt worden! Und es gilt sein Wort "Ich werde Euch alle zu mir ziehen" und so gilt die Auferweckung für alle Menschen. Manchmal bin ich aber auch der Thomas, der nur glauben kann, wenn er etwas anfassen kann.
Lieber Peter,
ehrlich: Ich finde in Ihrer Frage keine Frage, bleibe zunächst ratlos. In welche Richtung soll ich Ihnen eine Antwort schreiben? Darum muss ich etwas spekulieren. Sie schildern den Karfreitag. Das geballte Unrecht der Menschheit entlädt sich in der Kreuzigung gegen Jesu. Und das Wunder von Ostern steht dagegen. Gott überwindet den Tod des einen Menschen und der Glaube sagt: Das, was Jesus erleidet, ist für uns geschehen. Unser Glaube bildet sich zwischen Karfreitag und Ostern heraus, er trägt den Tod Jesu in sich und lebt von der Zusage: "Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen." (Johannes 12,32). Oder: Die Osterbotschaft wirkt stärker als der Karfreitag, ist allerdings schwerer nachzuvollziehen.
Und dann lese ich doch eine Frage: "Manchmal bin ich aber auch der Thomas, der nur glauben kann, wenn er etwas anfassen kann." Ist das erlaubt? Darf unser Glaube etwas, was er nicht versteht, anfassen wollen? Denn: Die Grausamkeit der Kreuzigung ist überaus greifbar, der Ostermorgen ist dagegen – in jeder Hinsicht – schwer zu fassen. Hier vermute ich Ihre Frage. Denn Thomas will die Auferstehung genauso mit den Händen greifen können, wie er Jesus zu Lebzeiten berühren konnte. Im christlichen Glauben begegnet einem etwas Unerklärbares, das ist mit Lichterscheinungen und geheimnisvollen Worten umschrieben und weckt zugleich den Wunsch, die Auferstehung zu berühren. Die Kluft, die Sie beschreiben, stört viele Glaubende. Darum sagt Jesus zu Thomas: "Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" (Johannes 20,25)
Vermutlich hat der Evangelist Johannes das selbst gespürt und schließt, auch um dem Zweifel des Thomas etwas entgegenzusetzen, ein zusätzliches Kapitel an, in dem werden die Sinne angesprochen. Jesus bereitet den - von der Arbeit ausgezehrten - Menschen erst einen großen Fischzug und dann ein herrlich duftendes Festmahl. Am Seeufer kommt es zu einer gemeinsamen Mahlzeit, die Jesus zubereitet hat. Kurz: Die Kluft, die Sie beschreiben, wird in diesem Mahl geschlossen. Der Glaube an den auferstandenen Jesus wird für die Sinne erfahrbar. Die Feier des Abendmahls schließt an solche Mahlzeiten mit dem Auferstandenen an und macht nachvollziehbar: "Sei nicht ungläubig, sondern gläubig."
Ich wünsche Ihnen gesegnete Ostertage, Ihr Henning Kiene