Darf mich meine Gemeinde zu einer Heirat nötigen?

Gefragt von ILIONORA

Hallo und schönen Abend!

Ich bin seit längerem Mitglied einer freien Christengemeinde und fühlte mich bis zum kennenlernen eines äußerst liebenswerten jungen Mannes, der Jesus, wie ich liebt...sich nur keiner Gemeinschaft anschließen möchte, sehr wohl. Seit über 2 Jahren sind wir nun schon, mit Höhen und Tiefen, verlobt...zum Missfallen leitender Gemeindeglieder. Langsam empfind ich äußerst Druck von Außen; und wir empfinden, nicht mehr selbst bestimmen zu dürfen, wie und vor allem wann wir heiraten. Zudem schläft mein Verlobter seit dieser ganzen Zeit nicht mit mir unter einem Dach bzw. wurde uns "zu unserem Besten" und wegen der Vorbildwirkung auferlegt, dass mein Verlobter bei einem christlichen Ehepaar in der Nähe auf einer dürftigen Ausziehcouch schläft. Wir wurden auch gefragt wie es uns moralisch gehe und ja wir waren leider "unmoralisch". Wir wollen heiraten, sogar sehr gerne aber wir brauchen eben noch etwas Zeit! Ist es biblisch uns so unter Druck zu setzen? Ich fühle mich wie der weltgrößte Sünder...

Liebe Fragestellerin,

leider gibt es christliche Gemeinschaften, die ein christliches Leben vorwiegend über die Einhaltung einer restriktiven Sexualmoral definieren. Aus Ihren Schilderungen schließe ich, dass Sie in einer solchen Gemeinschaft sind. Ich möchte Sie ermutigen: Trauen Sie Ihren eigenen Gefühlen. Es ist wunderbar, dass Sie einen Partner an Ihrer Seite haben, den Sie lieben und vielleicht sogar heiraten wollen. Diese Entscheidungen können Sie guten Gewissens in Ihrem eigenen Tempo treffen oder nicht treffen. Mit ihrem "Status" als Christin hat das überhaupt nichts zu tun, so lange Sie und Ihr Partner sich wohlfühlen. Niemand, auch niemand aus Ihrer Gemeinde hat ein Recht, sie unter Druck zu setzen oder Ihnen unterschwellig oder offen wegen Ihrer Liebesbeziehung Vorwürfe zu machen. Kurzum, wen Sie lieben und mit wem Sie was in ihrem Privatleben tun, verantworten Sie und der Beteiligte voreinander, aber vor niemandem sonst. Und was für Sie "das Beste" ist, das entscheiden Sie mit Ihrem Partner. Deswegen sind Sie keine Sünderin - das wäre ja ein völlig verengtes Verständnis davon, was Glaube und die Beziehung zu Gott bedeutet. "Sünde" ist aus meiner theologischen Perspektive etwas, was einen von Gott und anderen Menschen trennt. Insofern halte ich es eher für "Sünde", sich als Gemeindeleitung in das Privatleben anderer Menschen einzumischen und diese damit daran zu hindern, zu tun, was ihrer Liebesbeziehung dient. Und biblisch sind solche Manöver schon gar nicht! Die biblischen Erzählungen und Texte bieten eine Vielfalt von Bildern gelingender Beziehungen - keineswegs legen biblische Texte, die von Liebe handeln, diese auf das Konzept einer Ehe fest - die es in der Form, wie wir sie heute kennen, in der Entstehungszeit der biblischen Texte im Übrigen so gar nicht gab.

Und einvernehmliche Sexualität zu leben, auch außerhalb einer Ehe ist nicht "unmoralisch". Wer immer Ihnen das einredet, irrt sich.

Wenn Sie Ihren Partner lieben und er Sie, dann genießen Sie diese Liebe mit allem, was Sie beide als gut und angenehm für sich empfinden. Ich bin überzeugt, dass Gott da überhaupt nichts dagegen hat, sondern sich freut, wenn es Ihnen und Ihrem Partner miteinander gut geht und sie füreinander da sind und sich respektieren, in dem, was Sie beide brauchen.

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Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Herzliche Grüße, Ihre Anna Scholz

 

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