Ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube.
Lieber Fabian,
wie gut ich das kenne, da meldet sich eine Unsicherheit, stellt den Glauben in Frage und ich denke wie Sie: "Ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube." Da schieben sich Dinge in den Vordergrund, Kleinigkeiten, die meine Kraft binden, die Sorgen um die Zukunft, Zweifel am Sinn des Ganzen, Krisen fressen Kraft. Dann wird das Gespräch mit Gott leise, droht zu verstummen. "Ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube", spricht aus der Mitte der Erfahrungen mit dem Glauben. Dann lese ich in der Bibel, begegne im Buch Hiob dem Menschen, der alles verloren hat und dennoch hartnäckig an Gott festhält, den Glauben nicht fallen lässt: "Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!" (Hiob 1,21) Schließlich sind da die Psalmen in denen diese Ratlosigkeit in Gebete einfließt. Bekanntestes Beispiel Psalm 22, ein uraltes Gebet, in dem Jesus am Kreuz Zuflucht findet: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne." (Psalm 22,2) Und dann komme ich zu Petrus, der im entscheidenden Moment nichts von Jesus wissen will und doch Apostel des Glaubens Glaubens bleibt.
Glaube ist kein eigener Beschluss, zu dem ich mich einmal durchgerungen habe, um dann immer im gleichen Maß daran festzuhalten. Niemand hat seinen Glauben selbst gemacht. Glaube ist keine Eigenschaft, die ich mit mir trage, Glaube kommt von außen. Gott gewährt uns den Glauben. "Allein das Wort und der Glaube regieren in der Seele. Wie das Wort ist, so wird auch die Seele durch es, so wie das Eisen glutrot wird wie das Feuer aus der Vereinigung mit dem Feuer", schreibt Martin Luther in "Von der Freiheit eines Christenmenschen". Also: Gott wirkt in mir den Glauben und verschmilzt ihn, den Glauben, mit meiner Seele. Man kann die eigene Seele und das Wort Gottes, das in ihr wirkt - wie die rote Glut des Eisens vom Feuer in der Schmiede - nicht mehr unterscheiden. Nicht der einzelne Mensch und sein Beschluss ist es, der den Glauben für sich beschließt. Gott sorgt dafür, er ist in der Regie.
Wenn der Glaube aber von außen zu den Menschen kommt, dann entscheidet nicht meine Befindlichkeit über meinen Glauben und dessen Existenz. Ihre Frage "ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube", ist berechtigt, sie begleitet den glaubenden Menschen. Diese Frage ist aber auch unberechtigt, denn Gott kann einem vom Gefühl her fern sein, er ist es aber nicht. Gott sorgt dafür, dass Menschen, oftmals unbemerkt, an ihn glauben und dann - vielleicht nach einer Krise oder im Überschwang des Glücks - meldet sich ein tiefer, inniger Dank und darin ist der Glaube plötzlich ohne jeden Zweifel unendlich stark.
Gott erspart mir die ständige Selbstprüfung, ob mein Glaube nun ausreicht. Gott verhindert auch diese übergriffige Überprüfung der Glaubensstärke anderer Menschen.
Ob ich Ihre Frage beantworten konnte? Hoffentlich,
Ihr Henning Kiene