Wenn jedes Lebewesen Ruach, also den Geist G*ttes, bereits seit Schöpfungsbeginn hat, warum kam dann noch der heilige Geist ab dem zweiten Testament? Denn biblisch müssten alle seit Urzeiten den Geist bereits haben. Ist die biblische Geschichte von Pfingsten also nur symbolisch aber nicht historisch zu verstehen?
Lieber Patrick,
Ihre Frage ist wie eine klassische Denksportaufgabe, denn sie berührt die unterschiedlichen Denkwelten, die in der Bibel und im christlichen Glauben verbunden sind. Da ist zunächst die Ruach, die in Genesis 1 (1. Mose 1) schon vor der Schöpfung über den Urfluten brütet, ein lebensschaffender Wind, Atem, Geist, Energie, Kraft, die dem Wort der Schöpfung vorangeht. Für diese Ruach reicht das deutsche Wort Geist kaum aus, es ist viel zu klein, kann die Fülle der Bedeutungen, die mit Ruach verbunden sind, nicht fassen.
Man denkt leichtfertig: Ruach gehöre ins Alte Testament. Mit dem griechischen Wort für Geist - so hieß es - mit dem Wort Pneuma, käme etwas anderes in den Blick. Denn in der Pfingstgeschichte, bei der Ausgießung des Heiligen Geistes, komme dieses wundersame Sprachenwunder völlig überraschend. Der Heilige Geist - etwas anderes als die Ruach - mische hier plötzlich die Sprachen auf. Dieser Heilige Geist scheint also neu hinzuzukommen.
Irrtum: Die Ruach, diese unfassbare göttliche Urkraft, breitet sich aus, wenn vom Heiligen Geist und dem Pfingstwunder die Rede ist. Schon der Apostel Petrus knüpft in seiner ersten Predigt zu Pfingsten an die Ruach an und zitiert den Propheten Joel. Die Kontinuität der Bibel wird schon zu Pfingsten in Jerusalem gewahrt. Noch ein Beispiel: Eins der ältesten Zeugnisse über den Heiligen Geist im Neuen Testament findet man bei Paulus: "Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen", (Römer 8,26) schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Dem Apostel steht hier natürlich die lebendige und kraftspendende Ruach vor Augen. Wie der Geist in Genesis 1 über den Urfluten schwebt, so schwebt der Heilige Geist über unserem Leben und rettet Menschen aus ihrer Schwäche. Die Pneuma, der Heilige Geist zu Pfingsten ist also der selbe Geist, der schon lange mit Wort Ruach umschrieben wird.
Danke für diese Denkaufgabe und herzliche Grüße aus dem evangelischen Fragen-Team, Ihr Henning Kiene