Wie gehe ich mit meinem schlechten Gewissen um?

Janis
Frau in Kirche im Gebet
© Rolf Oeser/Fundus

Hallo, liebes Fragenteam,

mich treibt seit einiger Zeit eine Frage zum Thema Sünde um: Und zwar habe ich mal in einem Gottesdienst den Satz gehört:" Kein Tag vergeht ohne das wir Schuld auf uns laden. Woanders habe ich gehört das der Geist Gottes der in uns ist uns überführt wenn wir sündigen. Also das wir dann ein schlechtes Gewissen haben. So habe ich es zumindest verstanden.

Jetzt habe ich aber nicht jeden Tag ein schlechtes Gewissen.

Wie ist das denn jetzt: Sündigen wir wirklich jeden Tag und merken es vielleicht einfach nicht? Oder hab ich was falsch verstanden? Ich bitte Gott im Gebet jeden Tag mir meine Sünden zu vergeben aber es fällt mir schwer Reue zu empfinden wenn ich nicht weiß für was.

Verstehen Sie?

Vielen Dank für Ihre Antwort 

Mit freundlichen Grüßen

Janis

Lieber Janis,

deine Frage kann ich gut verstehen. Wer es ernst mit dem christlichen Glauben meint, wird sich auch fragen: Mache ich es eigentlich richtig oder nicht? Um es gleich vorweg zu nehmen: Du machst es bereits richtig. Aber lass mich das kurz erläutern.

Was Du in dieser Predigt gehört hast, ist vom christlichen Standpunkt aus gesehen eine durchaus normale Aussage. Vor allem die evangelische Kirche betont gern, dass kein Mensch durch das Leben gehen kann, ohne auf die eine oder andere Weise Schuld auf sich zu laden. Es ist ein Teil des christlichen Menschenbildes, dass wir einerseits als Gottes Ebenbilder geschaffen sind, andererseits aber nicht anders können, als vor Gott und vor anderen Menschen schuldig zu werden. Diese zweifache Ausrichtung ist meiner Ansicht nach sehr sinnvoll. Als Gottes Ebenbilder haben alle Menschen eine geschenkte Würde, die ihnen nicht genommen werden kann. Als Geschöpfe, die nicht anders können, als auch Schuld auf sich zu laden, bekommen wir eine klare Ausrichtung: Lebe so, dass du dem Göttlichen in dir entsprichst und möglichst wenig schuldig wirst. 

Ob wir nun Tag für Tag schuldig werden, weiß ich nicht zu sagen. Vermutlich wird man immer etwas finden, wenn man es ganz ernst nimmt. Ich nehme an, dass die Predigt, die Du gehört hast, so gemeint war: Wir Menschen können nicht anders, als schuldig zu werden. Es liegt in unserem Wesen, dass wir Gott nicht durch unsere Sündlosigkeit gefallen können. Der Heilige Geist lässt uns merken, wenn wir etwas falsch machen. Der Heilige Geist in uns lässt unser Gewissen sprechen, wenn wir Schuld auf uns laden. Aber hier geht es – ich glaube auch in der Predigt – um die Momente, in denen unser gewissen sich meldet. Es geht nicht um den Umkehrschluss. Also ja, wenn sich das Gewissen meldet, meldet sich der Heilige Geist, aber nicht umgekehrt: Wenn ich kein schlechtes Gewissen habe, meldet sich einfach der Heilige Geist nicht. 

Unser schlechtes Gewissen ist dann so etwas wie ein Warnlicht im Auto. Wenn es angeht, sollte man mal schauen und gegebenenfalls etwas korrigieren. Aber es sollte auch nicht zu sensibel eingestellt sein, sonst blinkt es ständig. Ich habe das Gefühl, dass dein Warnlicht durch diese predigt ein wenig zu fein eingestellt wurde. Du schreibst, dass Du täglich betest. Bitte Gott um das Vertrauen, dass Du merken wirst, wenn Du etwas falsch tust. Bitte ihn gern auch um Vergebung für die Schuld, die du vielleicht unbewusst auf dich genommen hast. Vor allem aber bitte um Vertrauen in Gottes gütige Liebe. Vielleicht wird dadurch dein Gewissenswarnlicht wieder besser eingestellt. Ich wünsche es dir.

Herzliche Grüße

Frank Muchlinsky 

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