Muss ich mein Kind aufklären, dass es das Christkind nicht gibt?

Gefragt von Ramona Rabl

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin alleinerziehende Mama von zwei Mädchen (6 und 9) und wurde kürzlich von meinen Eltern etwas schwach angesprochen, dass ich doch dringend der neunjährigen Tochter erklären müsse, dass es das Christkindl in dieser (kindlichen) Form überhaupt nicht gibt. Vom Nikolaus weiß sie, dass er vor langer Zeit gelebt hat und wir ihn und seine guten Gesten und Hilfsbereitschaft immer noch erinnern wollen.
Muss ich Aufklärung betreiben? Wo und wie kann ich Hilfe für einen Gesprächsansatz erhalten? Oder gibt es inzwischen Videos zur Aufklärung? Sie glaubt an alle Himmelsboten..... Eigentlich sooo wunderschön....

Herzliche Grüße
Mona

Liebe Mona, 

ich erinnere mich noch gut an meine eigene Geschichte mit dem Christkind. Jedes Jahr brachte es die Geschenke zu Weihnachten. Unklar war immer, an welcher Seite des Hauses es dieses Jahr vorbeifliegen würde. Jedes Jahr am 24.12. hatte ich die Qual der Wahl und musste mich entscheiden, ob ich im Esszimmer oder meinem Kinderzimmer Ausschau halte. Und, Sie werden es nicht glauben, aber jedes Jahr entschied ich mich für die falsche Seite und es flog jeweils an der anderen Seite des Hauses vorbei. Wenn ich dann ins Wohnzimmer kam, hatte es seine Arbeit längst erledigt und wieder hatte ich es nicht zu Gesicht bekommen. 

Heute bin ich mir natürlich im Klaren darüber, dass das Christkind eine Symbolfigur ist und trotzdem kann ich diesen Zauber noch heute nachempfinden, den ich da gespürt habe, als ich aus dem Fenster nach dem Christkind Ausschau hielt. Mit mir hat niemand ein klärendes Gespräch darüber geführt, dass das Christkind nicht existiert. Es wurden einfach nach und nach andere Dinge wichtig im Hinblick auf das Weihnachtsfest.... das passierte ganz von selber, durch die Lieder, durch die alten Worte der Weihnachtsgeschichte... Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, dass es einen bestimmten Moment gab, in dem das Christkind abgelöst wurde. Es passierte einfach ganz organisch und wahrscheinlich überlagerte es sich auch ein wenig. Wer weiß, vielleicht liegt es daran, dass ich das heute noch zu spüren kann, wie das damals war mit dem Christkind... 

Ich habe Ihnen jetzt so ausführlich von mir erzählt, weil ich Sie gern ermutigen möchte, auf Ihr Gefühl zu vertrauen. Beim Lesen Ihrer Zeilen scheint mir, dass Sie eigentlich den Wunsch hätten, Ihrer Tochter die Freude am Christkind nicht durch ein klärendes Gespräch zu nehmen. Wenn Sie das tun, wird Ihre Tochter sicher keinen Schaden nehmen. Wahrscheinlich geht es am Ende eher darum, nach und nach von dem Wunder in Bethlehem zu erzählen, damit das Kind nach und nach auch in diese Geschichte hineinwachsen kann. Das Schöne ist: Kinder sind sehr viel kompetenter darin in mehreren Welten gleichzeitig beheimatet sein. Also seien Sie zuversichtlich, Ihre Tochter wird sich dann vom Christkind verabschieden, wenn es Zeit für sie ist. Oder sie macht es wie ich und verabschiedet sich niemals so ganz und kann ihn noch spüren, als wäre es gestern gewesen, diese Spannung und den Zauber  beim Hinausschauen aus dem Fenster in den Heiligabendhimmel... 

 

Herzlich

Katharina Scholl

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