Damit komme ich nicht klar. Mir geht es gut, bin zufrieden mit meinem Leben. Aber was ist mit dem Kind im Krieg, was ist mit den Menschen, die hungern, was ist mit all dem Leid in der Welt? Ich möchte nicht die pauschalen Antwort, dass ist der Mensch der Krieg und Leid verbreitet. Das weiß ich selber. Nein, mir geht es darum, wie Jesus oder Gott das Leid zulassen kann. Wenn man jemanden liebt, dann will man, dass es demjenigen gut geht. Krass gesagt sehe ich das so: "Ich liebe dich Kind, aber lasse dich leiden, obwohl ich allmächtig bin." Diese Widersprüche lassen mich am Glaube zweifeln. Sorry, wenn ich so direkt bin.
Liebe Maria,
ja, das wird drängend, wie kann Gott Leid zulassen? Er könnte es verhindern, er hätte die Macht, in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Ohne jeden Zweifel. Es gibt diesen Widerspruch zwischen der - von Gott erschaffenen - Welt und der - von Gott scheinbar verlassenen - Realität, die Sie beschreiben. Ihr Zweifel ist berechtigt. Auch diese Antwort befriedet Ihre Zweifel nicht: Gott gebietet Frieden, fordert Nächstenliebe, der Mensch handelt - wenn er Leid und Krieg verbreitet - gegen Gottes Willen und wendet sich gegen die Liebe Gottes.
Sie stehen - so wie Sie Ihre Frage formulieren - vor einem Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Vielleicht ist dieser Widerspruch, den Sie beschreiben, ein Teil unseres christlichen Glaubens. Der christliche Glaube ist ja kein Kreuzworträtsel, das man Schritt für Schritt löst. Der christliche Glaube ist dem Geheimnis des Lebens auf der Spur. Er versucht selbst die harten Dinge in sich aufzunehmen, Gegensätze zu verbinden, die dem Verstand völlig verschlossen bleiben. Für mich persönlich ist das Gebet der Ort, in dem die Sinnfrage sich einer Antwort öffnet. Im Gebet erwacht eine Ahnung, die an Gott festhalten will. Wir beten jeden Sonntag um Frieden und viele Kirchengemeinden rufen regelmäßig zum Friedensgebet und ich weiß genau, dass wir zwar "nur" beten und die große Frage, die Sie stellen, bleibt trotzdem offen. Aber ohne das Gebet wäre es noch kälter in der Welt.
Martin Luther sprach von dem "verborgenen Gott", der neben dem offenbaren Gott, der sich in Jesus Christus zeigt, einen schweren Schatten auf den Glauben wirft. Luther forderte dazu auf, sich an den offenbaren Gott, der in Jesus Christus sichtbar ist, zu halten. Vor dem "verborgenen Gott" soll man sich fliehen. So hat Luther es auch in seinen Choräle gedichtet. Ich denke zum Beispiel an den Coral "Es wolle Gott uns gnädig sein" (Evangelisches Gesangbuch 280), hier führt Luther den persönlichen Glauben zum dem gnädigen Gott hin. Er verlässt die dunklen Fragen, die einen Menschen bedrängen können und gibt dem offenbaren Gott allen nur denkbaren Raum. Aber auch diese Perspektive wird Ihnen nicht helfen. Also: Man kann an dem Zustand der Welt irre werden, aber bei Christus sucht und findet man den Glauben an den gnädigen Gott.
Da ich mit dieser Antwort auch nicht so richtig zufrieden bin, habe ich einen persönlichen Zugang zu einer denkbaren Antwort gefunden. Es geht Ihnen und mir darum, Gott in seiner Verantwortung zu belassen und gleichzeitig den Menschen nicht aus dessen Verantwortung zu entlassen. In der Bibel steht Hiob vor einem ähnlichen Dilemma. Hiob erleidet alle nur denkbaren Schicksalsschläge und lässt Gott dennoch nicht einfach fallen. Er hält seinen Freunden beeindruckende Reden und bekämpft seinen aufkeimenden Unglauben. "So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst", (Hiob 9,35) schließt eine seiner Reden und wendet sich vom Zweifel ab. Vielleicht mögen Sie einmal das Buch Hiob erneut lesen und diesen erstaunlichen Kampf des leidenden Gerechten um seinen Glauben an Gott miterleben. In den Psalmen gibt es auch diese persönlichen Gebete, die aus der Not heraus zu Gott schreien. In solchen Psalmen ist ein tiefes Vertrauen aufbewahrt, das dann die Schmerzensschreie beendet: "Aber du, Herr, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!" (Psalm 22,20) Hier finde ich persönlich eine innere Zuflucht.
Ich lebe an der Nordseeküste. Im Jahr 1634 ertranken fast 10.000 Menschen in einer "großen Mandränke", einer verheerenden Sturmflut. Diese Flut hatten Menschen selbst verursacht. Ich will Ihnen die Details versparen. Aber: Die Überlebenden hatten unzählige Angehörige zu betrauern, sahen Tote, verendendes Vieh, verwüstete Dörfer, unfruchtbares Ackerland und stifteten ausgerechnet nach der Katastrophe ein neues Altarbild für eine der wenigen nicht beschädigten Kirchen. "Aus Dank", hieß es damals. Man darf niemanden Dankbarkeit verordnen, aber man kann feststellen: Der christliche Umgang mit erlebtem Leid ist schwer zu erkunden.
Nun habe ich Ihnen meine persönliche Antwort gegeben und bin mir recht sicher, dass die Frage, die Sie stellen, immer noch unbeantwortet bleibt. Suchen wir weiter nach einer passenden Antwort.
Herzlich grüße ich Sie,
Ihr Henning Kiene