Woher kam Kains Frau?

Kerstin
Zwei Hände halten eine Bibel.
epd-bild/Jens Schulze

Wenn ich es richtig verstanden habe, lebte Kain, nachdem er seinen Bruder Abel getötet hat und verbannt wurde, im Land Nod und gründete dort eine Familie. (1. Mose 4) Wenn Adam und Eva die ersten Menschen waren und Kain und Abel deren Söhne, woher kam dann Kains Frau?

Liebe Kerstin,

ich freue mich über Ihre Frage, denn so habe ich die Gelegenheit, Ihnen und allen anderen, die das hier lesen, eines der wichtigen Prinzipien der Bibel zu erläutern: Die Bibel will keine logische Geschichtsschreibung sein. Sie besteht aus vielen Überlieferungen, die für sich genommen einer Erzähllogik folgen. Nehmen wir die Schöpfungsgeschichte: Gott macht die Welt in sechs tagen, am siebten ruht er aus. Diese Geschichte folgt einer inneren Logik: Am Anfang ist alles chaotisch, dann ordnet Gott Tag für Tag die Welt immer mehr. Die Welt wird immer vielfältiger und belebter und alles, was Gott macht, ist gut, ergibt einen Sinn, hat eine Ordnung. Am Schluss ist Gott zufrieden mit seinem Werk und ruht sich aus. So weit, so gut. Aber anscheinend gab es noch eine andere Erzählung davon, wie die Schöpfung verlief und die sollte auch in die Bibel aufgenommen werden. Und so hängte man diese Geschichte einfach an die erste an. Eigentlich ist alles schon fertig, aber dann kommt die Geschichte vom Garten in Eden. 

In dieser Geschichte läuft vieles ganz anders, als es in der ersten Erzählung beschrieben wird: Hier wird zunächst ein Mensch geschaffen, nicht gleich zwei. Erst ist der Mensch da, dann kommen die Tiere. Wiederum ist die Geschichte in sich logisch aufgebaut, aber als „Fortsetzung“ des ersten Berichts taugt sie nicht wirklich. Das ist etwas, das natürlich jedem Menschen, der das liest, sofort auffallen kann. Es ist auch mit Sicherheit denen aufgefallen, die die Geschichten zusammenfügten. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – es störte sie nicht, denn es ging ihnen darum, die Überlieferungen, von denen sie überzeugt waren, dass sich Gott in ihnen offenbart, in eine Reihenfolge zu bringen. Vielleicht dachten sie sich: „Wer aufmerksam liest, wird schon merken, dass hier verschiedene Texte zusammengefügt sind. Wichtig ist, dass in beiden eine Wahrheit darüber steckt, wie Gott ist.“ Diese Herangehensweise haben wir im Laufe der Zeit verlernt. Der biblische Text wurde zu heilig, in dem Sinne, dass man ihn als direkte göttliche Offenbarung verstand. Wenn die Bibel als Gottes direkt offenbartes Wort verstanden wird, kann man nicht mehr zulassen, dass es darin Unlogisches oder Widersprüchliches gibt. 

Das ist schade, denn diejenigen, die die Texte zusammenstellten, hatten überhaupt kein Problem damit, dass es unlogisch ist, wenn der letzte verbliebene Sohn der ersten beiden Menschen in ein fremdes Land geht und dort auf andere Menschen trifft, die es doch eigentlich gar nicht geben könnte. Kain und Abel sind eben eine neue Geschichte, die erzählt, wie die Menschen sind. Die Geschichte von Adam und Eva erzählte unter anderem davon, dass Menschen sich von Anfang an nicht an Gottes Gebote hielten. Kain und Abel erzählen davon, dass Menschen einander immer schon töteten, selbst die eignen Verwandten. Und dann geh es weiter. Es wird erzählt, wie Städte gegründet werden, wie sie groß werden. Es wird erzählt, wie Gott es bereut, dass er die Welt geschaffen hat, und wie eine Sintflut fast alles Leben auslöscht. Dann kommt die Geschichte, wie es geschah, dass es so viele Sprachen auf der Welt gibt. Und wir sind gerade mal erst in Kapitel 11 des ersten Buches. Ganz viel ist bereits gesagt darüber, wie das Verhältnis von Menschen und Gott ist. Ob die einzelnen Aussagen logisch miteinander verknüpft sind, spielt dabei eine geringe Rolle. Es kommt auf die einzelnen Aussagen an.

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky 

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