Wie deutet man die Geschichte vom Sündenfall?

gestellt von GA_R am 23. Februar 2012
Schatten einer Person hält die Welt in der Hand

© OJO Images/Getty Images

Ich habe eine Frage zur biblischen Geschichte vom Sündenfall. Wie kann man sie verstehen? Als Hinweis auf eine Naturkatastrophe, die vormals paradiesische Zustände ablöste? Besitzt diese Geschichte für heute lebende Christinnen und Christen noch irgendeine Bedeutung?

Liebe/r GA_R,

die Geschichte vom sogenannten Sündenfall hat eine enorme Wirkungsgeschichte. Das beginnt schon damit, dass wir ihr diesen Namen gegeben haben. Das Wort Sünde kommt in der ganzen Geschichte von den beiden Leuten im Garten, der Schlage und der Frucht nicht einmal vor! Auch das Wort Paradies nicht. Wenn Sie fragen „Wie kann man diese Geschichte verstehen?“ stecken für mich mindestens zwei Fragen: Wie verstand man die Geschichte wohl zu der Zeit, in der sie verfasst wurde? Und – so ähnlich haben Sie es ja selbst formuliert: Was kann sie heute noch bedeuten?

Um erfassen zu können, warum diese Geschichte so aufgeschrieben wurde, muss man zunächst versuchen, all den Ballast abzulegen, den die Geschichte im Laufe der Jahrhunderte angesammelt hat, und das ist nicht einfach: Die Geschichte ist zur Grundlage der Theorie von der Erbsünde geworden. Auf ihr wurde also ein riesiges theologisches Denkgebäude errichtet, in dem es um die generelle Sündigkeit des Menschen geht. Speziell die Rolle der Frau ist diese Geschichte verheerend gewesen: Sie wurde als die Schuldige dafür „erkannt“, dass die Sünde in die Welt kam. Was aber sind tatsächlich die Themen, um die es in der Geschichte in Genesis 3 geht?

Wenn man genau hinschaut, wird man feststellen, dass die Geschichte überhaupt nicht davon spricht, wie Gott sich fühlt. Das ist besonders, denn von den Gefühlen Gottes ist im Alten Testament ausgesprochen häufig die Rede. Hier aber – an einem Ort, an dem wir erwarten könnten, dass Gott extrem zornig ist – erfahren wir nichts darüber. Es könnte genauso gut Enttäuschung sein, die Gott empfindet, als die beiden von dem verbotenen Baum der Erkenntnis gegessen haben, oder vielleicht ist es gar Furcht? Immerhin scheint es Gottes größte Sorge zu sein, dass die beiden nun auch noch vom Baum des Lebens essen könnten. Darum wirft er sie aus dem Garten und postiert Engel als Wache vor dem Garten (Gen 3,22-24). Der Mensch ist also durch das Essen dieser Frucht – so sagt es die Geschichte – wie Gott geworden, weil er jetzt die Erkenntnis von Gut und Böse intus hat. Damit er nicht auch noch ewig lebt und damit völlig wie Gott wird, darum wird er aus dem Garten geworfen.

An dieser Stelle sitzt für mich die Bedeutung, die diese Geschichte für uns Christinnen und Christen heute noch hat: Der Mensch hat einen verhängnisvollen Drang dazu, wie Gott werden zu wollen: Allmächtig, unsterblich, allgegenwärtig, allwissend. Die Menschheit steckt ständig in einer Pubertät, in der sie sich gegen Gottes Anweisung und Autorität auflehnt. Bitte verstehen Sie mich richtig: Pubertät ist gesund – sie gehört zur Entwicklung dazu! Genesis 3 beschreibt unter anderem genau das: Die beiden ersten Menschen haben (logischerweise) keine Eltern. Wenn sie erwachsen werden wollen, müssen sie sich folgerichtig an der Autorität Gottes, der sie schuf, abarbeiten. „Warum darf ich nicht, was die Erwachsenen dürfen?“ Das führt dann zu den dort beschriebenen Folgen.

Die Geschichte in Genesis 3 ist also – meiner Meinung nach – eine klare Beschreibung der menschlichen Natur, wie Gott sein zu wollen. Und das ist in der Tat eine schlimme Eigenschaft von uns. Sie macht uns überheblich und schaltet nur allzu schnell unser Gewissen aus. Unseren Drang, wie Gott zu sein, hat Gott selbst gesehen und auch verstanden. Nach christlichem Verständnis nimmt er uns aber das unmögliche Unterfangen ab, so Gott zu werden. Stattdessen wird Gott Mensch.

Herzliche Grüße
Frank Muchlinsky

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Kommentare

Hallo,- nehmen wir an, der Pfarrer ist unterwegs in ein Wochendhaus, um etwas Ruhe zu finden. An der Autobahn nimmt er zwei junge Mitfahrer auf. Diese sind mit Gepäck in den Ferien unterwegs. Der Pfarrer hält noch einmal kurz an, etwas zu besorgen, am Weg. Als er wieder zum Fahrzeug zurückkommt, sind die beiden Rucksackreisenden nicht mehr im Auto,...das Handschufach wurde geöffnet.... Im Weiterfahren bemerkt er die beiden im Gebüsch. Nun wird er sie aber nicht wieder in sein Auto zurück bitten, um die Fahrt mit ihnen gemeinsam fortzusetzen, nicht wahr?, oder die beiden gar weiter mit nehmen und ihnen eine Übernachtung in der Hütte anbieten,....das ist nun "erkannt" viel zu gefährlich (in der Mitte steht der Baum des Lebens, die Familie, die Gemeinde). Viele Grüße, Werner

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