Warum streitet sich das Christentum über alles?

Peter von Bergen
zwei Menschen diskutieren mit ihren Händen über einer Bibel und einem Kreuz
© nuttapong punna/iStockphoto/Getty Images

Ich bin seit ca. 2 Jahren Christ. Ein Religionswissenschaftler würde mich wohl als evangelikal bezeichnen, obwohl ich noch keine Gemeinde gefunden habe. Meine Frage ist, wie man mit den zahllosen theologischen Streitfragen unter Christen umgehen kann. Die Entrückung, das Abendmahl, die Sabath-Frage (Samstag oder Sonntag), die Kindertaufe, Definition der Trinität, Werk/Glaubensgerechtigkeit, Frauen als Pastoren, die Vermischung von extrem konservativer Politik (z.B. Trumpismus) mit dem Glauben. Eschatologie, ewige Hölle, Universalismus oder Annihilismus... Die Liste ist fast endlos. Selbst gebildete Theologen werden sich über diese Fragen nicht einig.

Und alle haben mehr oder weniger gute Argumente. Es gibt endlos viele Denominationen. Wie soll ich als Nicht-Theologe über diese Fragen entscheiden? Und kommen Sie mir nicht mit der Bibel :-) ALLE behaupten, ihre persönliche Sicht sei biblisch. Gott gibt mir im Gebet leider auch keine Einsicht darüber. Rückzug auf den Glaubenskern und Ignorieren von allem Anderen funktioniert auch nicht wirklich. Denn es gibt praktisch kein Dogma, das nicht umstritten ist. Und ganz ehrlich: Als jemand, der sozusagen "von außen" ins Christentum gekommen ist, kommen mir viele Christen lieblos, gesetzlich, manchmal schlicht dumm und vor allem narzisstisch vor. Ugh. So hart, so etwas auszusprechen. Wie geht man mit diesem Thema um? Das löst wirklich Zweifel in mir aus.

Lieber Herr von Bergen,

herzlich willkommen im Club! Ja, es zeichnet das Christentum aus, dass es miteinander immer ringt um die richtige Sichtweise des Glaubens und der einzelnen Aspekte. Das liegt daran, dass es im Christentum zunächst nicht darum geht, Gott durch gute Taten zu gefallen, sondern durch den eigenen Glauben. Und wer „richtig“ glaubt, wird dann das Richtige tun.

Das Christentum ist 2000 Jahre alt und hat von Anfang an darum gerungen, was diese große Heilstat Gottes in Jesus Christus genau bedeutet und welche Konsequenzen sich daraus ziehen lassen. Gerade die Tatsache, dass man sich dabei immer auch auf die Bibel berufen hat, hat diese Auseinandersetzungen angefeuert, denn die Bibel ist ein Text und Texte sind niemals eindeutig. Das rabbinische Judentum hat das erkannt und daraus sozusagen eine schöne Kunst gemacht: Die Bibel muss und will immer wieder neu ausgelegt werden. Dabei kann man sich durchaus auf eine bestimmte Auslegung einigen, aber darum gilt sie nicht unbedingt und absolut. Das Christentum hat sich aber durch einen Konsensglauben definiert. Das bedeutete von Anfang an, dass es einen Mainstream gab und immer wieder Abspaltungen. Warum heißt denn die katholische Kirche katholisch? Weil sie sich als die eine „allumfassende“ Kirche definiert. Warum heißt die orthodoxe Kirche orthodox? Weil sie sich sicher ist, den einzig „richtigen Glauben“ zu vertreten.

Dabei gibt es durchaus auch Glaubenssätze, auf die sich die verschiedenen Kirchen und Konfessionen geeinigt haben. Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel gilt in allen Kirchen der ganzen Welt. Freilich, wie man dieses nun wieder auslegt und wie man dem entsprechend handelt, wird überall wiederum diskutiert und anders entschieden. Das hängt von der jeweiligen Glaubensgemeinschaft ab und ist meiner Meinung nach auch kein Beinbruch. Dogmen töten, Diskussion macht lebendig. Die Kirche wäre längst nicht mehr am Leben, wenn sie die Auslegung ihrer Texte und ihrer Glaubensgrundlagen nicht so eifrig betrieben hätte. Das mögen einige „Zeitgeist“ nennen, aber dieser Vorwurf kommt in der Regel von Menschen, die dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts verhaftet sind. Es gab niemals eine Zeit, in der das Evangelium nicht der eigenen Zeit entsprechend gelesen wurde.

Beim Stichwort Glaubensgemeinschaft fällt mir auf: Sie schreiben, dass Sie seit zwei Jahren Christ sind, aber bislang keiner Gemeinde angehören. Das ist eigentlich nicht möglich, denn Christ wird man durch die Taufe, und durch die Taufe wird man grundsätzlich Teil einer bestimmten Kirche und Kirchengemeinde. Die wiederum hat sich auf eine bestimmte Art und Weise geeinigt, wie man gemeinsam Gottesdienst feiert. Natürlich bleibt der Glaube aller Glieder individuell, aber man hat sich doch verständigt. Ich würde Ihnen darum vorschlagen: Wenn Sie sich in Ihrer „eigentlichen“ Gemeinde nicht wohlfühlen, suchen Sie sich eine, in der es Ihnen besser geht. Vielleicht eine, in der die Leute so liebevoll miteinander umgehen, wie Sie sich das von Ihren Geschwistern wünschen. Wie gesagt: Wir streiten viel, aber wir trennen uns nicht nur seit 2000 Jahren; wir suchen auch immer wieder Wege aufeinander zu. Wohin wir niemals kommen werden, ist eine Kirche, in der alle dasselbe glauben und tun. Ich finde, das ist ein Glück. Ich sage: Dann haben wir etwas, worauf wir uns freuen können, wenn Christus zurückkommt und Gott sein Reich vollendet. Ich weiß, dass viele Leute das anders sehen. Mit einigen von ihnen feiere ich öfters Abendmahl. Was dabei passiert, sehe ich wieder anders als andere. Trotzdem machen wir es gemeinsam. So ist es in unserem Club.

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

Fragen zum Thema

Lieber Michael, Niemand weiß, was nach dem Tod passiert. Trotzdem bekennen Christ*innen…
Liebe Tina, die Frage, „wie Gott so Schlimmes auf der Welt zulassen kann“, lässt sich…
Liebe Mona,  ich erinnere mich noch gut an meine eigene Geschichte mit dem…