Wann, lieber Gott, bist du eigentlich lieb?

gestellt von Wolfgang am 29. Mai 2013

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

 

Täglich sterben Männer, Frauen und Kinder bei einem schweren Verkehrsunfall, häuslichen Unfällen, an Krankheiten, an Misshandlungen.

Täglich gehen etliche Partnerschaften in die Brüche.

Täglich wird betrogen, belogen. Es ist egal, ob es durch die Banken geschieht oder durch andere dubiose Geschäftemacher.

In einem Jahr nehmen sich Menschen aus unterschiedlichsten Gründen das Leben.

Täglich sterben Menschen bei Auseinandersetzungen im Krieg oder Banden.

Täglich müssen hunderte von Kindern elend verhungern.

In der Vergangenheit wurden Menschen bei der Inquisition, der Hexenverfolgung und der Judenverfolgung hingerichtet und vorher bestialisch gefoltert.

Nicht mal vor Misshandlungen und Vergewaltigungen waren Kinder geschützt.

 

Da hat ein Gott tatenlos seit 2000 Jahren zugesehen, kein Mitleid, kein Gebot des Einhaltens, kein persönliches Erscheinen.

 

Immer wenn die Menschen einen Gott brauchten war er nie da. Ich habe große Zweifel an dessen Existenz.

 

Also, die Frage an den Experten:

 

Wann, lieber Gott, bist du eigentlich lieb?

Lieber Wolfgang,

 

ich kann verstehen, dass Sie angesichts all der schlimmen Dinge, die Sie aufzählen, ins Grübeln kommen. Ich begrüße es sogar ausdrücklich! Es wäre ja auch im wahrsten Sinne zynisch, über das viele Leid in unserer Welt, nicht immer wieder innezuhalten und zu fragen: Warum nur muss das so sein?

Was Sie da aufzählen, lässt mich ebenso zweifeln, wir Sie. Allerdings zweifle ich deswegen nicht an Gott, sondern vielmehr an den Menschen. Wie kann es sein, dass wir so miteinander umgehen, dass wir andere Menschen ausbeuten, verhungern lassen, dass wir so rücksichtslos sind, dass wir andere Menschen verfolgen, sie töten, sei es im Straßenverkehr oder durch Kriege?

 

Sie schreiben, dass Gott seit zweitausend Jahren nicht mehr "persönlich erschienen" ist. Da stimme ich Ihnen zu. Doch haben wir sehr wohl Gottes vollkomme klare Anweisungen, dass wir sehr wohl gut miteinander umgehen sollen. Das Zeugnis des christlichen Glaubens, die Bibel, ist voll mit ganz klaren "Geboten des Einhaltens", wie Sie sie einfordern. Gott hat sich eingemischt. Er hat sich, so bekennt das Christentum, so sehr eingemischt, dass er selbst Mensch wurde und all das Schlimme erlitten hat, was Menschen erleiden. Mehr Mitleid (im Wortsinn) geht gar nicht.

Aber der christliche Glaube vertritt nicht die Ansicht, Gott müsse das immer wieder tun. Unser Gott hat den Menschen geschaffen und ihm die Freiheit gegeben. Diese Freiheit nützt der Mensch nicht nur zum Guten, aber das bedeutet nicht, dass Gott uns die Freiheit wieder nehmen würde.

 

Bitte fragen Sie sich einmal, was die Konsequenz wäre, wenn Gott tatsächlich so wäre, wie Sie ihn fordern. Wir müssten in ständiger Angst und Unfreiheit leben. Soll ein Hersteller eines Autos, das so schnell fährt, dass es einen anderen Menschen tötet, tot umfallen? Soll es der rücksichtslose Fahrer? Sollen Partnerschaften nicht mehr "in die Brüche gehen" können, weil Gott es einfach nicht mehr zulässt?

Gott zeigt seine Liebe zu uns, indem er uns das Leben und die Freiheit schenkt. Er zeigt uns seine Liebe, indem er uns auffordert, unser Leben verantwortungsvoll zu gestalten, nicht indem er das für uns tut.

 

Ich grüße Sie herzlich.

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Ich habe mal einen klugen Satz gehört. Ich frage mich, was wäre alles passiert wenn er nicht da gewesen wäre ????????????

Gott ist "Die Liebe" sagt die Bibel.
Deshalb kann er gar nicht lieb sein.

Wer jemanden lieb nennt, unterstellt Unterwürfigkeit um des lieben Friedens willen. Vom Gott der Bibel heißt es, er sei ein "eifernder Gott", ein eifersüchtiger Gott, ein leidenschaftlicher Gott.

Gott ist aber kein "lieber Gott".

Sehr geehrter Herr Wolfgang, Sie werfen die sogenannte Theodizee-Frage auf. Meiner Kenntnis nach gibt es seitens der Religion bisher darauf noch keine befriedigende Antwort – trotz vieler Antworten. Deshalb nenne ich die Theodizee-Frage die Atombombe des Atheismus.

Ich komme damit gut klar, weil ich für mich eine befriedigende Antwort fand. Da sie jedoch zur Kirchenlehre quer liegt und ich hier nicht nur immer provozieren will, stelle ich sie jetzt nicht dar. Doch um nicht vollständig zu kneifen, sage ich wenigstens ein Wort – aus dem Sie sich vielleicht alles zusammenreimen können: Pantheismus.

Es ist tatsächlich so, wie es Herr Muchlinsky es an einer Stelle darstellt - das der reale Gott, wegen der menschlichen Freiheit, nicht an allem „schuld ist“ (Schuld gibt es nicht, doch das wäre eine andere Zuschrift). Leider bringt die Bibel Gott immer wieder als „Macher“ ins Spiel, wo Er sich in Wirklichkeit raushält. Gott bestimmt zB nicht unsere Lebensumstände, unsere Gesundheit und nicht das Lebensende. Das macht eigenverantwortlich unsere Seele durch ihren Lebensplan. Also nicht Gott hat hier auf Erden etwas mit uns vor (was wir angeblich mühsam erraten sollen und dabei doch scheitern - weil Gott nichts will), sondern unsere ewige Seele mit uns - um zu reifen, zu wachsen, ihre Evolution zu betreiben. Dazu reicht natürlich nicht eine einzige Bio-Phase. Vor allem, wenn man als Fötus abgetrieben wird.

Stellen Sie sich Gott als Kita-Leiter (mit etlichen Mitarbeiter*innen) vor, der einen sicheren Spielplatz (die Schöpfung) für uns (Menschen)Kinder geschaffen hat. Er erfreut sich an unserem Spiel, bestimmt jedoch nicht, WAS GESPIELT WIRD – Fangen, Batman, Kuchenbacken oder Murmeln. Bei Problemen können wir jederzeit zum Kita-Leiter gehen, und uns trösten lassen, oder erst mal eine Zeit im Haus bleiben.

Das steht alles so nicht in der Bibel. Doch bedenken Sie, sie wurde in der Bronzezeit in einer ganz andere Klimazone geschrieben. Und Gott war da noch ein kleiner Nomaden-Clangott mit viel Götterkonkurrenz (siehe Intro zu den 10 Geboten). Volksgott und Weltgott wurde Er erst viel später (Karriere). Das in der Bibel kaum noch irgendwas stimmt (vieles ist frei erfunden, zB: Sündenfall, Sprachverwirrung, Sintflut, Abraham, Exodus uam), liegt in der Natur dieser Umstände. Und das lange überzogene Verfalldatum, ist ein Grund dafür, das viele die Kirchen verlassen. Die Kirchen müssen nun entscheiden: Festhalten und untergehen, oder verändern und eine Chance haben. Ich bin für Zweites. Doch ziemlich allein damit. Ist aber nicht schlimm. Das hat nicht Gott zu verantworten.

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