Wie ist Homosexualität zu bewerten?

Gefragt von Felix

Heutzutage wird Homosexualität oft geduldet. Auch in den Kirchen. Das ist sehr schade denn in der Bibel steht es genau anders herum. (Röm. 1,27) Ich persönlich absolut gegen Homosexualität, da sie gegen Gottes Gedanken verstößt und ihm selber ein Greul ist. Was denken Sie also über die Homosexualität?

Lieber Felix,

über Fragen rund um das Thema sexueller Orientierung haben wir auf evangelisch.de schon häufiger und aus vielen verschiedenen Perspektiven gehandelt. Hier ist beispielsweise eine Sammlung von Links auf entsprechende Seiten: http://www.evangelisch.de/search/site/homosexualit%25C3%25A4t. Texte der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema sind hier gesammelt: http://www.ekd.de/homosexualitaet/index.html. Eine eindeutige Haltung der Kirchen zum Thema Homosexualität gibt es derzeit nicht, s. dazu hier: http://fragen.evangelisch.de/frage/1867/evangelische-kirche-und-homosexualit%C3%A4t.

Dies liegt unter anderem darin begründet, dass die unterschiedlichen hermeneutischen Zugangsweisen zur Bibel, also die jeweilige Art und Weise, wie und vor welchem Hintergrund ich die biblischen Texte verstehen kann und will,  nicht gegeneinander aufzuwiegen sind.

So kann ich Ihre wörtliche Lesart von Röm 1,27 nicht entkräften, würde selbst diese Textstelle aber immer in ihrem historischen Argumentationszusammenhang verstehen wollen, in dem Paulus die Homosexualität als ein Beispiel (neben anderen) aus seinem gesellschaftlichen Umfeld heranzieht. Und natürlich könnte ich Sie zu ganz anderen Stellen der Bibel befragen, wie Sie selbst es damit halten, Fleisch und Milch beispielsweise nicht zusammen zuzubereiten und Anderes, was im Kontext einer mediterran-antiken Kultur überlebenswichtigen Sinn machte, in unserem Leben in Mitteleuropa aber überhaupt keine Funktion hat. Was ich damit sagen will, ist, dass eine biblisch-theologische Argumentation in der Frage der Bewertung von Homosexualität nicht hilft, um einander widerstreitende Positionen konstruktiv ins Gespräch zu bringen. Ich sage das auch deshalb so deutlich, weil in den vergangenen Jahren unendlich viel Energie in diese Streitgespräche geflossen ist.

Und natürlich befinde ich mich nun in dem Dilemma, entweder Ihrer Kritik an der „Duldung“ von Homosexualität „auch in den Kirchen“ zu unterliegen, oder von Ihnen in einer vermeintlichen Minderheitsposition solidarisiert zu werden. Trotzdem möchte ich Ihnen gern antworten.

Mir selbst leuchtet es von meinem Gottesbild, wie es sich mir in der Auslegung der biblischen Schriften erschlossen hat, nicht ein, weshalb die sexuelle Orientierung eines Menschen ein Kriterium sein sollte, das in Gottes Augen gilt. Gilt es nicht vielmehr, ein Leben zu führen, das Anderen dienlich ist, dem nächsten zugewandt, in Beziehungen verbindlich und verantwortungsvoll? Solcherlei ist dann auch ethisch und moralisch bewertbar, weil es sich um Dinge handelt, bei denen wir tagtäglich vor Entscheidungen gestellt sind. Zu einer bestimmten sexuellen Orientierung kann sich kein Mensch entscheiden. Deshalb darf sie auch keiner ethischen Bewertung unterliegen.

Schließlich möchte ich Ihnen gern noch zum Stichwort der „Duldung“ schreiben. Die evangelischen Kirchen in Deutschland haben in den letzten Jahren sehr um einen Konsens in der Streitfrage, ob homosexuelle Paare in einem öffentlichen Gottesdienst gesegnet werden dürfen und ob Pfarrpersonen eine homosexuelle Partnerschaft in einem evangelischen Pfarrhaus leben dürfen, gerungen. Kirchen, die sich dafür entschieden haben, homosexuelle und heterosexuelle Paare gleichzustellen, haben in ihren verbindlichen Gottesdienstordnungen einen Gewissensvorbehalt verankert. Keine Pfarrperson darf demnach dazu gezwungen werden, ein homosexuelles Paar in der Öffentlichkeit zu segnen, wenn sich ihr die Wahrheit des Evangeliums anders erschlossen hat. Umgekehrt muss sie aber tolerieren, dass ein Kollege oder eine Kollegin diesen Gottesdienst dann feiert. Ich wünschte mir, es könnte dieses Modell gegenseitiger Achtung und gegenseitigen Respekts sein, dass es Ihnen leichter macht, möglicherweise einer Kirche anzugehören, die in einer ethischen Frage anders entscheidet als Sie persönlich es derzeit tun.

Herzliche Grüße

Friederike Erichsen-Wendt, Pfrin.

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