Darf der Vater die Braut zum Altar führen?

gestellt von Jennifer am 28. Juni 2015
Vater der Braut

Foto: Getty Images/Michael Blann

Hallo Herr Muchlinsky,

ich habe einige Fragen zur kirchlichen Trauung:
Ich habe schon mehrfach gelesen, dass es nicht im Sinne der ev. Kirche ist, wenn der Vater die Braut zum Altar führt. Mir bedeutet diese Form des Einzugs allerdings sehr viel, da dieses ein Ausdruck meiner tiefen und liebevollen Verbundenheit zu meinen Eltern ist. Die Brautübergabe ist in unseren Augen eine stark emotionale symbolische Handlung, welche zum Ausdruck bringt, dass Familie und Partner noch mehr zusammengeschweißt werden. Kann uns dieser Brauch tatsächlich verwehrt werden?

Auch wichtig ist mir die persönliche und individuelle Auswahl an Liedern, welche nicht unbedingt klassische Lieder aus dem Gesangsbuch mit Orgelbegleitung sind. Hat man dabei in der Regel freie Wahl (z.B. eine Sängerin oder ein Gospelchor, die die ganze Trauung musikalisch begleiten), oder gibt es diesbezüglich Einschränkungen?

Ich freue mich über eine Antwort,
herzlichst Ihre Jennifer

Liebe Jennifer,

 

Ich kann nachvollziehen, was Sie schreiben. Der Brauch, dass die Braut von ihrem Vater in die Kirche geführt wird und am Altar dem Bräutigam übergeben wird, ist emotional ausgesprochen stark aufgeladen. Die Problematik bei dieser Sitte ist, dass sie – wie jede andere symbolische Handlung – eine Menge ausdrückt. Für Sie bedeutet es ein Zusammenwachsen Ihrer beiden Familien, manche Außenstehende (vielleicht auch Ihre zuständige Pfarrerin oder Ihr zuständiger Pfarrer) sehen darin, dass eine Frau von einer Unselbständigkeit in die nächste überführt wird, als würde sie erst dem Vater "gehören" und dann ihrem Ehemann, oder – etwas weniger drastisch ausgedrückt – als würde sie aus der Obhut des Vaters in die ihres Mannes übergeben – als ob Sie nicht auf eigenen Füßen stehen könnten.

Wie gesagt, ich habe durchaus kapiert, dass Sie dieser Handlung eine ganz andere Bedeutung geben. Ich möchte Ihnen nur deutlich machen, was man in dieser Sitte noch entdecken kann, damit Sie etwas Verständnis dafür aufbringen können, falls Ihre Pfarrerin oder Ihr Pfarrer sich weigern sollten, Ihnen diese Art des Einzugs in die Kirche zu gestatten.

Bitte machen Sie sich vor allem dies deutlich: Die kirchliche Trauung ist ein Gottesdienst. Für Gottesdienste gibt es Regeln und feste Abläufe – auch für Traugottesdienste. Und die derzeit gültigen Abläufe sehen diese Art der "Brautübergabe" nicht vor. Das Paar zieht gemeinsam ein und auch wieder aus der Kirche heraus. Der Grund für diese Form ist, dass die evangelische Kirche betonen möchte, dass Sie bereits ein verheiratetes Paar sind, wenn Sie an der Kirche ankommen. Sie "treten gemeinsam vor den Altar". Ihre Ehe wird ja nicht in der Kirche geschlossen, sondern bereits auf dem Standesamt.

 

Nun kommt ein großes ABER. In der Regel wird man Ihnen eine Menge möglich machen, was die Gestaltung Ihres Traugottesdienstes angeht. Die Liederauswahl und auch die Form des Einzuges können Sie in dem Traugespräch, das Sie ja führen werden, offen ansprechen. Gerade was die Liedauswahl angeht, sind die meisten Kirchengemeinden sehr offen für eine vielfältige Gestaltung. Also äußern Sie bitte offen Ihre Wünsche und Vorstellungen im Traugespräch! Sie werden vielleicht überrascht sein, was alles möglich ist. Wenn Ihre Pfarrerin oder Ihr Pfarrer keine Einwände haben, können Sie sich durchaus auch von Ihrem Vater zum Altar führen lassen.

Als letztes noch ein kleines Aber. Weil die kirchliche Trauung ein Gottesdienst ist, hat das letzte Wort der Pfarrer bzw. die Pfarrerin, die Sie trauen soll. Es ist ihr Amt, Gottesdienste im Sinne der Kirche zu feiern. Das haben sie bei ihrer Amtseinführung gelobt. Sollten Sie also auf jemanden stoßen, der Ihnen nicht alle Gestaltungswünsche erfüllen möchte, liegt es nicht daran, dass er ein Spaßverderber wäre, sondern er oder sie hat echte Bedenken.

Ach, ich mag nicht mit einem "negativen" Ausblick diese Antwort beenden, denn Sie haben ja Schönes vor! Es gilt das große ABER: Es ist viel möglich, und meistens lassen sich Wege finden, dass Sie als Brautpaar einen wunderbaren Gottesdienst mit Ihren Freunden und Verwandten feiern können. Wie gesagt: Sprechen Sie es an!

 

Sehr herzliche Grüße und viel Spaß bei Ihren Vorbereitungen!

Frank Muchlinsky

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Kommentare

Viele wissen gar nicht, was sie mit dieser Geste ausdrücken: eine Übergabe der Braut von einem Machtbereich in den anderen.

Grauslich!

Wer lesen kann ist klar im Vorteil:
In meiner Familie ist von "Machtbereich" nicht im geringsten die Rede, genauso wenig wie in der Beziehung mit meinem Partner!!! Wie schon gesagt, ist es für mich ein Zeichen von tiefster Verbundenheit und Vetrauen seitens meinen Eltern, meinem Partner und mir! Wenn Außenstehende in dieser Geste so absurde, mittelalterliche Zeichen deuten, ist es ihr Problem. Seitens meiner Familie und meinem Freundeskreis herrschen da zum Glück nicht solche althergeholten Ansichten.
Wenn die Kirche auf solchen Wertvorstellungen beharrt, dann ist es nunmal so und wird auch von mir akzeptiert! Bei irgendwelchen anderen Leuten, die überhaupt nix zur Sache tun, frage ich mich, wie diese darüber urteilen können? Hat man nix Besseres zu tun? Oder spiegeln genau diese altmodischen Ansichten die eigenen Lebenserfahrungen wieder? Einfach mal darüber nachdenken :)

t`schuldigung!
ABER symbolisch gesprochen:
"Wir sind gemeinsam auf dem Weg"!
VATER + TOCHTER???

Das kann nur ein Irrtum sein!

ICH HAB ES BEI EINER TRAUUNG ERLEBT DASS SICH BRAUT UND BRÄUTIGAM ENTGEGENGEGANGEN SIND. DAS WAR UNBEWUSST UND NICHT ABGESPROCHEN. ICH FAND DAS RICHTIG NETT. ES WAR WIE EINE BEGEGNUNG AUF AUGENHÖHE UND EIN GEMEINSAMES WEITERGEHEN...

Als meine Frau und ich letztes Jahr in Pretoria die Eheschliessung unserer Tochter feierten, haben wir im Traugespraech diese Frage aufgebracht, denn die hiesige Ordnung (ACSA) sieht eine solche "Uebergabe" vor.
Wir haben es dann - mit allseitiger Zustimmung - folgendermassen geloest:

==================
Priest:
I am now supposed to ask: ”Who gives this woman to be married to this man?” I have got a few problems with that. For one thing, it would be for the father of the bride to respond “I do” – so I would be talking to myself! But then, why should one not ask her mother? And while we are at it, why don’t we ask “who gives this man to be married”? If we hear this question, as it was originally meant, it sounds awful, like the handing over of property, maybe a piece of cattle, a relic of patriarchal times! But that is not what we mean.
Both J. and E. have been very capable of living their own lives, making their own decisions for a couple of years now. So it is not for us, to “give”, but rather to confirm this, release and to bless! So, may I ask F., C. and H. to join me?
(all four parents to stand and face the congregation)
H: J. and E., you are responsible for your own lives – and for each other. Go, and live courageously!
All: Go, and live courageously!
C: J. and E., as parents, friends, partners or mentors we will always be there for you – but only, where and when you ask us to. We make our commitment, not to interfere with your life and your choices. We release you!
All: We release you!
F: J. and E., as parents we are emotionally connected to you: we love you, and always will! But we are proud to see you growing up and so we let you go!
All: We let you go!
L: J. and E., you have chosen a life together in marriage. May you find deep satisfaction, joy and experience God’s continual blessing. For now, you have our blessing!
All: You have our blessing!

==================
Also ein Freisetzen, loslassen (sehr wichtig!) und segnen seitens der Eltern von Braut UND Braeutigam.
Wurde positiv aufgenommen!

Wenn die Ansicht, vom einen "Machtbereich" in den anderen "Machtbereich" die Braut zu übergeben, als mittelalterliches Zeichen gedeutet wird, stelle ich mir ernsthaft die Frage, warum will das Ehepaar eigentlich in de Kirche heiraten? In der Kirche heiraten ist doch auch mittelalterlich.
Das Argument, dass die Brautleute bereits verheiratet sind, also in der heutigen Zeit gleichberechtigt und sozusagen auch auf gleicher Augenhöhe vor den mittelalterlichen Altar treten, dann ist das doch eine wesentlich kraftvollere Symbolik, als wenn die Braut vom Vater an den Bräutigam übergeben wird.
Übrigens, es gibt da noch eine Sichtweise: Den Kitsch gibt es in Amerika leider auch. Und Amerika ist bei allen unbegrenzten Möglichkeiten doch sehr konservativ.

Sehen wir es mal andersrum. Der Staat raubt wiedereinmal die kirchlichen Rechte (je nach konfessioneller Ansicht sogar ein Sakrament). Damit geht der Staat entschieden zu weit. Es ist Kirchen untersagt eine Ehe zu schließen im primären Sinne. Nach der zivilrechtlichen Eheschließung dürfen Sie dann einen sekundären Gottesdienst zur Eheschließung durchführen.
Dadurch heimst sich der Staat eine Art "ius primae noctis" ein, der Kirche bleibt nicht viel über. Die geraubte "Jungfräulichkeit der Eheschließung", dass ist mittelalterlich.
Meiner Ansicht nach sollte ein rein kirchlicher Gottesdienst zur Eheschließung genügen. Der Staat bekommt schon genügend Geld von mir und baut damit nur Scheiße.
Leider wird dies in einem (Un-)Rechtsstaat wie Deutschland nicht möglich sein.

Lieber Herr Javert,

Ihre Empörung in allen Ehren, aber unser Staat ist erstens kein Unrechtsstaat, und zweitens verhält es sich genau umgekehrt: Die Kirche hat sich mit der Eheschließung eine vordem weltliche Zeremonie angeeignet. Ich zitiere hier aus einem außerordentlich lesenswerten Artikel zur Kulturgeschichte der Ehe, der bei evangelisch.de bereits veröffentlich ist:

"Im 12. Jahrhundert fing man dann an, in das häusliche Hochzeitszeremoniell einen kirchlichen Trauritus zu integrieren. Aber dieser fand entweder im Haus der Brautleute selbst oder vor - und nicht in - der Kirche statt. Erst im 13. Jahrhundert wird dann der Kirchenraum zum Ort der Verheiratung. Das heißt aber noch nicht, dass damit die private Eheschließung durch die kirchliche vollständig abgelöst wurde. Vielmehr besuchte man nach vollzogener Hochzeitsnacht einen Gottesdienst, die Brautmesse. Diese hatte jedoch ursprünglich keine konstitutive, ehebegründende Funktion." (G. Lämmermann, Eine kurze Kulturgeschichte der Ehe, evangelisch.de, 2.7,2013)

Mit freundlichen Grüßen

Frank Muchlinsky

Streng genommen ist diese Unsitte eher in Südeuropa verbreitet, dass der Vater die Tochter an den Bräutigam „übergibt", eine Art Symbol für einen Besitzerwechsel: Der Vater übergibt sein Eigentum, die Tochter, dem neuen Eigentümer, dem Bräutigam.
Das widerspricht dem heutigen Denken!

...in England durfte sich Prinz William noch nicht einmal umdrehen, um seiner Braut beim Einzug in der Kirche zuzusehen!

Wie sieht das nun in Deutschland aus?
Einzug der Braut nach kirchlicher Tradition nur und ausschließlich mit Bräutigam - alles andere macht keinen Sinn.

Hallo zusammen,
kaum jemand denkt an den armen Bräutigam, der da vorne mehr oder weniger betreten und beguckt alleine steht und wartet. Vielleicht könnte man die negative Deutung der.Brautübergabe mindern und die familiäre Verbundenheit unterstreichen, wenn die Mutter des Bräutigams neben ihrem Sohn steht. Mitunter gibt es ja auch starke Bindungen zwischen Söhnen und Müttern, die bei einer Hochzeit deutlich, aber auch etwas gelöst werden dürfen. Manchen Müttern kann so auch verdeutlicht werden, dass sie nun etwas in den Hintergrund treten sollten, wenn sie ihren Sohn in die Hände seiner Frau geben. :-)

Diesen Kommentar könnte man doch in den Hochzeits-Knigge aufnehmen!

In vielen Kirchen gibt es zwei Eingänge. Wenn Brautpaare partout nicht gemeinsam den Weg zum Altar beschreiten wollen, besteht die Möglichkeit, dass die Eltern der Braut ihre Tochter durch einen Eingang begleiten und die Eltern des Brätigams mit demselben den anderen nehmen. Mitten im Kirchenschiff trifft sich dann das Paar und geht gemeinsam weiter. Die Eltern begrüßen einander und suchen ebenfalls ihre Plätze auf. Dadurch wird symbolisiert, dass die Eltern ihre Kinder begleitet haben und sie nun als Ehepaar gemeinsam ihren Weg gehen.

Der Brautvater bringt die Braut vor zum Altar, und dann werden aber bitte auch vorne in aller Öffentlichkeit die Teppiche, Schafe und Rinder ausgetauscht, die zu einer Hochzeit dieser Art nun einmal dazugehören.

Ich finde, man muss nicht jeden Wunsch von Brautleuten gleich ernst nehmen. Woher kommt denn ein Gefühl wie "Mir bedeutet diese Form des Einzugs allerdings sehr viel"? Garantiert nicht von irgendeiner wirklichen Kenntnis von Liturgien oder Feiern, oder auch nur einem kurzen Bedenken des Selbstverständnisses als moderne Frau, sondern natürlich aus Fernsehserien und Hollywood-Filmen.

Was wollen viele Brautpaare? Den einzig möglichen Wunschtermin im Frühsommer, irgendeine Musik, die gefälligst nichts mit Kirche oder Gottesdienst zu tun haben darf, sondern gefühlig "unser Lied" oder so etwas ausdrücken soll, irgendeinen Ritus, den man aus Filmen kennt, möglichst kurze Worte des Pfarrers, viele Fotomöglichkeiten, und dann noch eine große Party. Spätestens nach der ersten Taufe treten sie dann eh aus der Kirche aus. Dann sollen sie es doch gleich ganz in irgendeiner Event-Halle feiern und Pfarrern, Organisten und Mesnern nicht die wenigen schönen Samstage im Jahr verderben.

Hm, das sehe ich schon ein wenig anders. Die Brautzuführung mag in Deutschland keine Tradition haben, aber den Wunsch danach gleich mit orientalischen Sitten (Schafe, Teppiche) in Verbindung zu bringen, ist auch nicht angemessen. Die Sitte ist auch nicht von Hollywood erfunden worden, sondern ist eine Tradition, die man unter anderem im angloamerikanischen Raum findet. Ich selbst mag es auch nicht, wenn ich als Pfarrer das Gefühl bekomme, lediglich ein Dienstleister für eine aufwändige Party zu sein. Andererseits möchte ich die Chance nutzen, die sich ergibt, wenn Paare um den Segen Gottes für ihre Ehe bitten. Natürlich spreche ich mit den Brautleuten darüber, worum es ihnen wirklich geht, aber dieses Gespräch käme ja gar nicht zustande, wenn ich ihnen gleich sage, sie mögen sich doch an jemand anderes wenden.

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