Deutsche Bibelübersetzungen für konservative oder liberale ChristInnen?

Kenneth
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Mich würde interessieren, ob es - ähnlich wie bei den englischsprachigen Bibelübersetzungen (z. B. NRSV Bible) - auch deutschsprachige Bibeln gibt, welche eher von konservativen ChristInnen gelesen und verwendet werden, und solche, welche eher liberale ChristInnen lesen?

Lieber Kenneth,

es gibt ja eine große Anzahl von Bibelübersetzungen, und jede von ihnen hat sicherlich eine bestimmte Gruppe, die am liebsten auf genau diese zurückgreift. Allerdings stellt sich natürlich die Frage: Was ist denn ein konservativer Christ? Beziehungsweise, was erwartet eine konservative Christin von ihrer Bibelübersetzung?

Konservativ hat das lateinische Wort "conservare" in sich, und das bedeutet zunächst einmal nichts anderes als bewahren. Wenn man unter konservativ also jemanden versteht der gerne etwas bewahren möchte, muss man als nächstes fragen, was es ist, dass er oder sie bewahren möchte. Möchte ein konservativer Christ vor allem die Lutherübersetzung bewahren? Dann ist die 2017er Lutherbibel ausgesprochen geeignet. Oder heißt "bewahren" in dem Fall, dass man am liebsten eine Übersetzung hätte, die möglichst nah am hebräischen und griechischen Urtext ist? Dann wären die Zürcher Bibel oder die Elberfelder Übersetzung konservativ zu nennen. Am konservativsten wäre es für katholische Christinnen und Christen, sich an die Lateinische Übersetzung zu halten, weil die sozusagen die gültige ist, an der sich die anderen Übersetzungen zu messen haben. Auch die Neue Welt Übersetzung, die Bibel der Zeugen Jehovas, ist in diesem Sinne ausgesprochen konservativ, denn sie versucht – von einigen gravierenden theologischen Entscheidungen abgesehen – möglichst genau am Urtext zu sein.

Wenn Sie unter einem konservativen Christen verstehen, dass er die Bibel wörtlich nimmt, dann wird die Wahl der Bibel dieser Person wohl vor alle damit zu tun haben, in welchem Zusammenhang sie ihren Glauben lebt und nicht damit, wie nah sie am Urtext ist. In diesem Sinne konservative Mitglieder einer Freikirche werden die Bibel nehmen, die dort üblicherweise benutzt wird, Lutheraner die Lutherbibel und Reformierte die Zürcher. Allerdings ist der Rückschluss nicht zulässig: Wer die Lutherbibel bevorzugt, hat dafür mehrere Gründe. Ob er oder sie deswegen konservativ ist, lässt sich daraus nicht ableiten. Ich selbst mag die Lutherbibel auch sehr gern, bin aber weit davon entfernt, die Bibel für das eindeutige Wort Gottes zu halten. Ich mag den Klang, und in dieser Hinsicht bin ich wohl konservativ, weil ich mir diesen Klang bewahre, der ja mittlerweile bald 500 Jahre alt ist.

Sie sprechen auch von liberalen Christinnen und Christen. Im Wort "liberal" steckt "Freiheit". Liberale Christinnen wären also wörtlich diejenigen, die sich Freiheiten nehmen. Im Bezug auf die Bibelübersetzungen könnte man also liberal nennen, was sich die meisten Freiheit in der Übersetzung nimmt. Die Gute Nachricht Übersetzung ist in diesem Sinne liberal, denn sie will verständlich sein und nimmt sich die Freiheit, nicht alles wörtlich zu übersetzen, sondern eher erzählerisch zu werden. Besonders liberal in diesem Sinn ist die Volxbibel, bei der Leserinnen und Leser über eine Wiki selbst Vorschläge zur Übersetzung machen können.

Wenn sie liberal vor allem als Gegenteil von konservativ verstehen in dem Sinne, dass man die Bibel eben nicht als eindeutiges Wort Gottes versteht, ist unbedingt die Bibel in gerechter Sprache zu nennen, die aus theologischen Gründen massiv in den Text eingreift, um eine Übersetzung zu bekommen, die frei ist von Ungerechtigkeiten. Sie ist in diesem Sinne extrem liberal, und durch ihre Formulierungen ist sie ein Dorn im Auge vieler Menschen, die sich Gott zum Beispiel unter keinen Umständen als weiblich vorstellen möchten. Wieder gilt: Der Umkehrschluss ist nicht zulässig. Wer die Bibel in gerechter Sprache nicht mag, muss deswegen nicht konservativ sein. Allerdings können Sie im diesem Fall davon ausgehen, dass wer die Bibel in gerechter Sprache mag, tatsächlich in diesem Sinne liberal ist.

Der wirklich freie Geist aber sollte sich nicht auf eine einzige Bibelübersetzung festlegen, denn alle enthalten ihre Wahrheiten und Einsichten. Bibelübersetzungen sind schließlich bereits Interpretationen der Bibel, und je mehr Interpretationen man sich anschaut, desto mehr Einsichten wird man selbst in die Bibel erlangen. Darum schaue ich derzeit mindestens in zwei Bibeln und meistens ist eine davon die recht neue Basisbibel. Sie ist von der Deutschen Bibelgesellschaft herausgegeben. Man wollte eine zusätzliche Übersetzung zur Lutherbibel haben und zwar eine, die möglichst verständlich zu lesen ist. Dabei bleibt sie immer sehr nah am Urtext. Sehr empfehlenswert! Sehr hilfreich ist auch der bibleserver, weil man hier so viele Übersetzungen miteinander vergleichen kann.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen und grüße herzlich!

Frank Muchlinsky

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