Worin unterscheiden sich das katholische und das evangelische Amtsverständnis?

gestellt von Tim am 12. Dezember 2017

Guten Tag,
ich bin römisch-katholisch und studiere derzeit katholische Religionspädagogik. Meine Frage bezieht sich auf das unterschiedliche Amtsverständnis der katholischen und evangelischen Konfession. Könnten Sie mir bitte begründen, wieso die evangelische Kirche den Pfarrberuf als Predigerberuf sieht, und inwiefern die Evangelische Kirche (der Evangelische Geistliche) dann doch eine Mittlerrolle zwischen Gott und Mensch, etwa beim Segnen, einnimmt?

Zudem würde ich gerne mehr über die Mitwirkung am Heil erfahren. So weit ich weiß, lehnt Martin Luther diese Vorstellung ab, aber inwiefern sind Gebote wie das Doppelgebot für uns dann noch heilsrelevant zu befolgen?

Vielen herzlichen Dank im Voraus.

 

Lieber Tim,

am Amtsverständis wird der Unterschied zwischen katholischer und evangelischer Konfession besonders augenfällig. Martin Luthers legte seine Haltung zum geistlichen in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ von 1520 vor. Gegen den geweihten Priesterstand führt er das Priestertum aller Gläubigen ins Feld: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei!“ Soweit der erste große Wurf: Es bedarf also keiner Weihe, keines Sakraments, welches den Priester aus der Gemeinschaft der Glaubenden heraushebt. Von dieser Absage ist  auch die Rolle betroffen, die der Pfarrer oder die Pfarrerin gegenüber der Gemeinde einnehmen. Davon ist auch das Verständnis der Kirche als Heilsanstalt betroffen, denn weder Menschen noch die Institution Kirche können Heil gewähren und darüber verfügen - das obliegt Gott allein.

Eine andere wichtige Mittlerposition, die bisher die kirchlichen Amtsträger einnahmen entriß Luther der kirchlichen Obrigkeit und gab sie unbekümmert in die Hände aller Gläubigen: Die Vermittlung der Bibel. Nach Luther ist die Heilige Schrift für jeden Christen verständlich, denn sie sei klar in ihren Aussagen und alleinige Autorität, die in Glaubensfragen zu hören ist- alle anderen Papst- Bischöfe- Priester haben ihr Urteil genauso an der Schrift zu messen wie jeder getaufte Christ. Deine Frage nach der Mittlerrolle des Geistlichen zielt ins Zentrum des protestantischen Amtsverständnisses: denn der Pfarrer und die Pfarrerin sind keine Vermittler in Heilsbelangen, sie haben keine herausgehobene, geweihte Gottesbeziehung, die sie von anderen getauften Christen unterschiede. In der Confessio Augustana, dem zentralen Bekenntnistext der Reformation ist die bleibende Bedeutung des Predigtamtes nach evangelischem Verständnis festgehalten. Es sind zwei Aufgaben die dem Pfarrer oder der Pfarrerin übertragen sind: die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente. Durch sie kann der Glaube gestärkt und gewirkt werden, sozusagen als Orte oder Ereignisse, an denen und durch welche der Heilige Geist seine Wirkung entfaltet – aber eben „wo und wann er will“! Auch in der Segenshandlung besitzt der Pfarrer, der den Segen spendet keine Verfügungsgewalt, diese liegt allein bei Gott. Jeder Christ und jede Christin kann segnen, dazu bedarf es keines Amtes. Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer den Segen laut aus- und zusprechen, tun sie dies im Vertrauen darauf, dass Gottes Segen für die Menschen schon gilt. Welche Fähigkeiten muss ein Pfarrer, eine Pfarrerin also mitbringen um diesen Aufgaben nachzukommen? Sie bedürfen einer entsprechenden Ausbildung, d.h. eines Theologiestudiums und der praktischen Ausbildung innerhalb einer Kirchengemeinde. Um die Verkündigungsaufgabe gut wahrnehmen zu könne, ist das Verständnis der Heiligen Schrift entscheidend- um sie im Urtext lesen und auslegen zu können, schwitzen Studierende der Evangelischen Theologie zu Beginn ihres Studiums über den Griechisch- und Hebräischbüchern. Theologinnen und Theologen werden auf ihr Amt besonders vorbereitet, doch daraus leitet sich keine herausgehobene Stellung innerhalb der Gemeinde ab, sie versehen ihre Studien als Beauftragte- als solche führen sie auch ihr Amt in der Kirchengemeinde. Haben die Pfarramtsanwärter_Innen diesen Weg absolviert, werden sie von ihrer Landeskirche ordiniert, in ihr Amt berufen. Im Ordinationsgottesdienst verpflichten sie sich öffentlich, ihr Amt in der Gemeinde als Diener des göttlichen Wortes zu versehen.Diese Amtsverpflichtung besteht ein Leben lang, sie umfasst u.a. auch die Wahrung des Beichtgeheimnisses.

 

Nun zu deiner zweiten Frage: das Zusammenwirken von Gott und Mensch im Heil. Damit ist nun ungefähr alles berührt: Himmel und Erde, Gott und Mensch, Freiheit und Abhängigkeit, Errettung und Verdammung – eine spannende Frage! Zur Frage nach der menschlichen Möglichkeit am Heil mitzuwirken, hat Martin Luther sich ausführlich in seinem Schlagabtausch mit dem humanistischen Gelehrten Erasmus von Rotterdam zu Wort gemeldet. In seiner Schrift „De libero arbitrio“ vom freien Willen hält Erasmus ein Hintertürchen für das Mitwirken des Menschen offen: so sei, was der Mensch zu seinem Heil beizutragen vermöge, wie ein Tropfen im Ozean der Gnade Gottes – verschwindend gering, aber eben nicht nichts. Eine Haltung, die mir persönlich nicht unsympathisch ist, da sie den Menschen auf seine Verantwortung vor Gott anspricht und die persönliche Entscheidung im Glauben Ernst nimmt. Luther verfasst als Erwiderung seine gepfefferte Schrift „De servo arbitrio“, vom geknechteten Willen. Zu seinem Heil könne der Mensch aus freien Stücken rein gar nichts ausrichten, Luther vertritt eine durchweg negative Einschätzung der menschlichen Freiheit. Wohlgemerkt, hier geht es nicht um denjenigen freien Willen mit dem ich mich morgens zwischen rot-geringelten und blaukarierten Sockenpaaren entscheide. Schon die Hinwendung eines Menschen zu Gott, also der Beginn des Glaubens, bedürfe der Gnade Gottes, so Luther. Das ist ein harter Brocken – denn das widerspricht unserer Erfahrung, dass wir uns in Glaubensfragen doch als Herr im eigenen Haus betrachten. Es ist m.E. eine der spannendsten Schriften des Reformators, denn so radikal wie er sich hier zeigt, will er nun überhaupt nicht in unser Welt- und Menschenbild passen. Ganz praktisch stelle ich mir zum Beispiel die Frage, wie ich als Pfarrerin einen Menschen auf seinen Glauben hin ansprechen kann, wenn ich ihm gleichzeitig jegliche autonome Entscheidung absprechen muss? Doch Luthers negatives Urteil darüber, was ein Mensch zu seinem Heil beitragen könne, gründet in seiner Vorstellung von Gott als allwissendem und allmächtigem Schöpfer. Luther will an der Unveränderlichkeit des göttlichen Willens und Wissens festhalten – er beschreibt einen Gott, auf den man sein Vertrauen setzen kann  mit dessen Beständigkeit man  rechnen kann. Aus diesem Vertrauen gewinnt Luther die Überzeugung, dass das Heilswerk, das Christus für uns erworben hat zum Heil der Menschen ausreicht. Dass Gott selbst also der entscheidende und der ausreichende Grund für die Erlösung des Menschen ist und es eben keines Zutuns des Menschen bedarf. Das ist nun zugleich die schwerste und die leichteste Aufgabe des christlichen Glaubens: sich ganz darauf zu verlassen, dass diese Heilstat Gottes in Jesus Christus uns gilt und für unser Heil genüge tut. Schwer, weil wir uns immer wieder damit konfrontiert sehen, selbst eigentlich nichts ausrichten zu können und leicht, weil wir es mit einer großen Gelassenheit als  für uns getan betrachten können.

Soviel zu einer Frage, die Bibliotheken füllt…ich hoffe ich konnte Dir etwas weiterhelfen!

Liebe Grüße,

Maike Weiß

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