Unterwandern die Charismatiker die traditionellen Kirchen?

Gefragt von Sabine
Freikirchen

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Hallo! In wie weit hat die charismatische Lehre Einfluss auf ev.-luth. Gemeinden? Ich halte nicht viel von dieser Bewegung und habe große Angst das früher oder später selbst traditionellere Gemeinden unterwandert werden.
Danke

Liebe Sabine,

die Charismatische Bewegung ist, wie Sie vielleicht wissen, schon lange auch in den deutschen Landeskirchen tätig. Bereits in den 1960er Jahren gründete sich die sogenannte „Geistliche Gemeindeerneuerung“ (GGE), deren Ziel es ist, in den Kirchen den heiligen Geist erfahrbarer zu machen. Dabei stehen die sogenannten Geistgaben oder Charismen im Vordergrund. Vor allem Prophetie, Zungenreden und Heilung werden in entsprechenden Gottesdiensten zelebriert.

Haus- und Gebetskreise sind ebenso wichtig wie Anbetungsgottesdienste. Diakonisches handeln wird immer auch als evangelisierendes handeln verstanden. Der einzelne Christ soll erneuert werden und der Heilige Geist ihn und die Gemeinde erneuern. Dieses Streben nach dem „Erfülltwerden mit Heiligem Geist“ macht deutlich, wo die charismatische Bewegung ihre Ursprünge hat, nämlich in der Pfingstbewegung vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Pfingstgemeinden sind nun freilich Freikirchen, haben also keinen direkten Einfluss auf die Landeskirchen. Die GGE will aber innerhalb der verfassten Kirche in diesem Sinne „pfingstlerisch“ wirken. Ihr Einfluss ist allerdings in Deutschland insgesamt eher schwach. Hier uns da gibt es Gemeinden, in denen sich der „charismatische“ Ansatz durchsetzt, doch ist dies häufig nicht von langer Dauer. Sie müssen bedenken, dass es immer Kirchenvorstände bzw. Kirchengemeinderäte gibt, die solch deutlichen Veränderungen im Gemeindeleben zustimmen müssen. Und wenn die Gemeinde selbst mit solchen Veränderungen nicht zufrieden ist, werden diese Kirchenvorsteher beider nächsten Wahl eben nicht wiedergewählt.

Die Einflüsse der GGE sind in den einzelnen Gemeinden verschieden stark. Ebenso sind ihre Ziele unterschiedlich drastisch. Darum kommt es seit den 1980er Jahren zu dem Phänomen, dass sich eher radikale Vertreter der GGE dazu entschließen, die landeskirchlichen Gemeinden zu verlassen und eigene Gemeinden zu gründen. Damit rücken sie wieder näher an die Pfingstgemeinden heran.

Wenn Sie Angst vor einer „Unterwanderung“ Ihrer eigenen Gemeinde haben, kann ich Ihnen nur raten, dass Sie genau hinschauen, was sich tut, und dass Sie entsprechend handeln, wenn Ihnen etwas zu weit geht. Dafür sind unsere Kirchen schließlich demokratisch verfasst, dass wir uns einmischen können.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch die Lektüre des kleinen Lexikoneintrags der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ zur Charismatischen Bewegung empfehlen. Hier wird knapp, anschaulich und ausgewogen über diese Bewegung informiert.

Ich grüße herzlich!

Frank Muchlinsky

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