Welche Zukunft hat der Pfarrberuf?

gestellt von Fabrina am 18. August 2018
Pfarrberuf in Zukunft

Foto: epd/Peter Endig

Liebe Pia,
schwindende Gemeindezahlen, Zusammenlegungen der Gemeinden, Landflucht und damit einhergehend überalterte Gemeinden in Dörfern, viele Beerdigungen, Abbau der Küster- und Sekretärstellen, Wandel des Aufgabenbereiches von der Seelsorge zur Organisationsarbeit, marrode Kirchgebäude....
Das sind alles Erscheinungen, mit denen Du Dich in deiner späteren Berufslaufbahn auseinandersetzen wirst, Phänomene, die auch die Kirche verursacht hat, die Du später repräsentieren und in deren Dienst Du stehen wirst, welche Anforderungen an Dich stellen wird, die über das Mögliche hinaus gehen. Geleitet von Menschen, die den kirchlichen Oberbau repräsentieren und das Geld bekommen, das beim Fundament an den Gemeindestellen gespart wird.
Was lässt Dich an Deinem Berufsziel festhalten und welche Perspektive siehst Du für Deinen Beruf in der Zukunft?
Was würdest Du jungen Menschen mit dem Wunsch, in den Pfarrberuf zu gehen, mitgeben wollen und welche Argumente hast Du zweifelnden Studierenden entgegen zu setzen?

Liebe Fabrina,

vielen Dank für Deine Frage, die mich, um ehrlich zu sein, etwas schmunzeln lässt. Sie ist mehr als berechtigt und quasi mein täglich Brot. Denn die Antworten, die ich auf Deine Fragen geben kann, sind nicht in Stein gemeißelt, sondern, sagen wir, sie sind eher dynamisch und verändern sich also auch für mich regelmäßig.

 

Warum ich Pfarrerin werden möchte, dafür gibt es mehrere Gründe. Die Pfarrperson ist Wegbegleiter/in auf dem Lebensweg vieler verschiedener Menschen. Sie erlebt den Beginn des Lebens, erlebt wie Kinder wachsen, wie sie sich die Welt erschließen und welche Fragen sie dabei beschäftigen, sie erlebt wie sich zwei Menschen dazu entschließen das Leben gemeinsam zu verbringen und begleitet auch diesen Prozess, sie begleitet Familien mit großen und kleinen, zahlreichen und weniger zahlreichen Kindern, sie besucht Senioren im besten Alter und hat für sie ein offenes Ohr. Und schließlich ist sie auch am Ende des Lebens Begleiter/in, wenn sich das Leben dem Ende neigt und dem letzten Feind, dem Tod, gegenübersteht. Welcher andere Beruf begleitet Menschen so zahlreich und vielseitig? Welcher andere Beruf ist dabei so sehr am Menschen selbst, in der Praxis also und nicht vor Büchern oder an Computern in der Theorie?

 

Darüber hinaus hat es die Pfarrperson zur Aufgabe Impulse in die Gesellschaft zu geben. Das passiert zum Beispiel im sonntäglichen Gottesdienst. Dort ist zwar oftmals eine nur relativ kleine Gemeinde anwesend, aber trotzdem sind es Menschen, die in die Kirche kommen um zu hören, was der Pfarrer oder die Pfarrerin zu sagen hat, wie eine Brücke geschlagen wird zwischen dem was einmal war und zwischen dem, was heute ist. Das sind Menschen, die sich z.B. für die Bibel interessieren und auch für deren Relevanz in unserer heutigen Welt. Denn die damaligen Menschen hatten ganz ähnliche Probleme zu denen, die wir heute haben. Darüber hinaus geben Pfarrer und Pfarrerinnen Impulse in der Presse, in Social Media, in der Politik, auf meist regionalen öffentlichen Veranstaltungen und vieles, vieles mehr. Sie sind also Personen von öffentlicher Relevanz und erfahren öffentliche Aufmerksamkeit. Das finde ich wichtig. In einer Zeit, in der das Mitläufertum in der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht immer größer zu werden scheint.

 

Es gibt natürlich viele Möglichkeiten sich als Pfarrer/in zu spezialisieren und auf einen Themenbereich zu fokussieren. Zum Beispiel als Seelsorgerin in einer Klinik, im Gefängnis, im psychiatrischen Dienst, im Pflegeheim oder in Schulen, als Lehrer in all den verschiedenen Schularten, die es im föderalen deutschen Bildungssystem gibt, als Pfarrerin im Ausland, als Pfarrer an den Hochschulen oder Universitäten, als Journalistin, als Lektorin für einen Verlag, als Professorin, als Chorleiter, als Kindergärtner, als Referentin in der freien Wirtschaft, und vieles, vieles mehr.

 

Nun zur Frage nach den schwindenden Zahlen: immer noch sind viele Menschen Mitglieder einer christlichen Kirche. Ende 2017 waren es rund 60% der Bevölkerung Deutschlands (hier findest Du Zahlen und Fakten der EKD von 2017). Das heißt zwar nicht automatisch, dass sie sich in einer Gemeinde engagieren oder regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst besuchen, aber das heißt, dass es irgendetwas gibt, ganz egal was, was sie in der Kirche hält. Dazu etwas aus meinen Erfahrungsschatz: ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auf die Aussage „Ich studiere Theologie und werde Pfarrerin“ zwei Arten von Reaktionen gibt. Die eine Reaktion ist: „Wie? Das kann man studieren?“ und die zweite ist: „Mhh, ja, also ich glaube ja schon, dass da irgendetwas wie Gott ist, aber die Institution Kirche, damit kann ich ja gar nichts anfangen.“ Es gibt also schon eine Sehnsucht nach etwas Höherem, nach etwas, was man vielleicht als „Sinn“ bezeichnen kann. Viele Menschen sind ja nicht, sobald sie nicht mehr in den Gottesdienst gehen oder da vielleicht noch nie waren, „unspirituell“ oder unchristlich. Nein, ganz im Gegenteil, die Zahlen der Menschen, die sich als spirituell bezeichnen, wächst. Die Menschen dabei zu begleiten und als Pfarrerin geistliche und spirituelle Angebote zu schaffen, Menschen darauf anzusprechen und ihnen Impulse zu geben, das sehe ich als eine Aufgabe eines Pfarrers oder einer Pfarrerin.

 

Kirche, wie wir sie aus dem Mittelalter kennen und wie sie vielleicht in einigen Köpfen noch fest verankert ist, verändert sich. Dass das etwas länger dauert, als bei einem kleinen Berliner Start-Up, das ist ganz logisch und zeugt von der Größe und Präsenz der Kirche in vielen Lebensbereichen. Ja, die Gemeinden werden kleiner, von der Anzahl der aktiven Mitglieder, aber vielleicht ist das ja gar nicht schlimm. Erinnerst Du dich an Gruppenarbeiten in der Schule? Es gibt die Fleißigen, die zielstrebig und sicher die Aufgabe bearbeiten und eigentlich gar keine Gruppe dazu brauchen. Sie wissen worum es geht, kennen sich aus und sind überzeugt von dem, was sie tun. Dann gibt es die Trittbrettfahrer, die Meister im sozialen Faulenzen sind und sich einfach treiben lassen ohne etwas zu tun. Dazwischen gibt es dann noch die, die schon gern etwas beisteuern würden, die aber nicht recht wissen wie und was sie beisteuern können. Wenn sich jetzt die Faulenzer dazu entscheiden, der Gruppenarbeit völlig fern zu bleiben, dann ist das, inhaltlich betrachtet, keine Verschlechterung für die Gruppe. Vielleicht entscheiden sich von den Unsicheren noch einige dafür die Gruppe ebenfalls zu verlassen, dann bleiben aber immer noch die Fleißigen und die anderen Unsicheren. So wird der Kreis zahlenmäßig zwar kleiner, aber inhaltlich verliert er zumindest relativ wenig. Die Gruppe nimmt natürlich jederzeit wieder auf, wer die Gruppe verlassen hat. Jeder ist willkommen. Kannst Du der Metapher folgen? So lässt es sich nämlich auch auf den gemeindlichen Raum übertragen. Die Gemeinden werden kleiner, aber dadurch auch konzentrierter. Die Menschen, die sich einbringen möchten, haben die Chance dazu. Auch jeder, der nur mitlaufen möchte kann das tun, wenn er sich bewusst dafür ausspricht. Wem das alles nicht zusagt, der kann die Kirche und die Gemeinde problemlos verlassen ohne Konsequenzen.

 

 

Ich möchte gern noch auf den Teil der Frage eingehen, wo es um die sich verändernde Arbeit weg von der Seelsorge hin zur „Organisationsarbeit“, wie Du es beschrieben hast, geht. Das stimmt, ein Pfarrer oder eine Pfarrerin hat viel Büroarbeit zu erledigen. Damit wird deutlich, dass es sich bei der Kirche um ein großes Unternehmen handelt. Jede Pfarrperson ist eine Führungskraft, die einem Betrieb, der Gemeinde, vorsteht. Ich behaupte, dass das Ziel des Unternehmens dabei nicht die Gewinnmaximierung oder der Profit ist. Trotzdem gibt es einen riesigen Papieraufwand, der zu erledigen ist – Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Das kann ich nicht leugnen, möchte es aber auch nicht schlecht reden. Denn man ist sich dessen bewusst, wenn man sich für das Pfarramt entscheidet. Umso spannender ist es, sich z.B. in der Gemeinde ehrenamtlich oder hauptamtlich, je nach Kapazität, kompetente Unterstützung zu suchen, die solche teilweise sehr schwierigen Entscheidungen mitträgt.  

Abschließend zu den Zweifeln junger Menschen. Diese kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber das Theologiestudium hat einen Joker gegenüber anderen Studiengängen: es dauert sehr lang. 12 Semester Regelstudienzeit, das ist eine sehr lange Zeit. Und in dieser Zeit setzt man sich intensiv mit vielen existentiellen Fragen auseinander. Eine davon ist wohl auch die, was man mit dem eigenen Leben anfängt und was man daraus macht. Ob man nun Pfarrer oder Lehrerin oder Führungskraft in einem Unternehmen, vielleicht auch Erzieher oder Organistin werden möchte, darüber wird man sich im Theologiestudium bewusst. Ich würde sagen, dass ein Theologiestudium nie verschwendete Zeit ist, denn Theologen finden sich in vielen verschiedenen Berufsfeldern. Man muss ja nicht automatisch Pfarrerin oder Pfarrer werden, wenn man Theologie studiert hat. Das ist nur eine Option. Im Zweifel würde ich mich auch weiterhin für die Theologie entscheiden – im Bewusstsein eines der ältesten Fächer zu studieren, die es gibt und im Bewusstsein darüber, dass ich Gedanken- und Argumentationswege nachvollziehe, die andere Menschen vor mir, genauso durchdacht haben, weil sie für die Menschheit (immer noch) nicht umfassend geklärt sind.

 

Ich hoffe ich konnte deine Fragen beantworten und dir ein paar neue Ideen auf den Weg geben. Die Theologie ist nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der vielfältigsten Wissenschaften – es lohnt sich!

Pia Heu

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