Darf ich als Mann liebevolle Gefühle für einen anderen Mann haben?

gestellt von David am 15. Juli 2020
Homosexuelle Liebe und Glaube sind vereinbar

©Getty Images/iStockphoto/Finn Hafemann

Ich bin Christ und gehöre einer ev. luth. Brüdergemeinde an. Ich bin christlich erzogen worden und habe mich zu meinem 18. Lebensjahr für Jesus entschieden. Er kam in mein Leben. Seit dem bete ich mindestens zweimal am Tag zum Herrn und lese täglich in der Bibel.
Ich habe mit 19 Jahren aber gemerkt, dass ich mich zu Männern hingezogen fühle.
Allerdings haben wir uns beide sehr lieb. Und haben aber kein sexuelles Interesse an uns, oder Handlungen vor.
Zu meiner Frage: Wie kann ich dies mit dem Glauben vereinbaren? Begehe ich damit Sünde? Weil wir ja schließlich nicht "Mann mit Mann" Schande treiben, nach Römer 1,27, bzw. David und Jonathan -da gibt es ja auch Gedanken dazu. Dass sie sich mehr geliebt haben als eine Frau.
Ich habe von Jesus und der Bibel noch keine eindeutige Antwort zu diesem Thema bekommen.
Vielen Dank schon mal im Voraus.

Lieber David,

vielen Dank für Ihre Offenheit und Ihre persönliche Frage. Ich nehme darin wahr, dass Ihr Glaube eine wichtige Rolle in Ihrem Leben spielt und das Gebet und das Lesen in der Bibel für Sie fest dazugehören. Zugleich scheinen Sie aber einen Konflikt zu verspüren, weil Sie im Römerbrief in Kapitel 1,26-27 gelesen haben, dass homosexueller Geschlechtsverkehr als „Schande“ bezeichnet wird, Sie selbst aber liebevolle Gefühle für einen männlichen Freund empfinden. Nun fragen Sie sich, ob Ihre Gefühle und Ihr Leben in einem Widerspruch zu Ihrer religiösen Haltung stehen. Tatsächlich gibt es in der Bibel, sowohl im Alten, als auch im Neuen Testament einige Stellen, in denen gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen kritisch beurteilt werden, zum Beispiel auch im 3. Buch Mose 20,13. Dort wird aber unter Anderem auch das Essen von Meeresfrüchten oder blutigem Fleisch als Greueltat bezeichnet. Die biblischen Texte sind ja in einer antiken Gesellschaft entstanden, in der manche Verhältnisse ganz anders waren, als wir das heute kennen. Deshalb beziehen sich einige Texte eben auch auf Situationen, die mit unserer nicht zu vergleichen sind, weshalb wir auch nicht alles, was wir in der Bibel lesen, direkt auf unser Leben anwenden können und müssen. Dass Paulus im Römerbrief mit gleichgeschlechtlicher Intimität so hart ins Gericht geht, hat vielleicht mit seinen Erfahrungen in der antiken Stadtgesellschaft, in der er sich befand, zu tun. Er deutet seine Beobachtungen als Ausdruck verirrter Begierden, die unter Kontrolle gebracht werden sollen. Im Hintergrund steht der Schutz des sozialen Miteinanders, in dem zur damaligen Zeit Ehe und Familie so etwas wie die Lebensversicherung der Menschen darstellten. Dabei bezieht Paulus sich aber sicher nicht auf gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen, die von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung getragen sind.

Mit der Bibel ist es ja so eine Sache: Wenn wir sie verstehen wollen, müssen wir sie auslegen. Dafür hat Martin Luther eine Art Formel entwickelt: Besonders wichtig an der heiligen Schrift ist „was Christum treibet“. Nicht alle Texte der Bibel waren aus Luthers Sicht also vom selben Verbindlichkeitsrang, sondern vor Allem diejenigen, in denen sich die Kernbotschaft des Christentums besonders deutlich zeigt. In Matthäus 22 wird Jesus gefragt, welches das höchste Gebot ist, und er antwortet: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Dieses Liebesgebot verstehe ich als einen Hinweis auch dafür, wie wir aus christlicher Sicht unsere Beziehungen zu anderen Menschen gestalten können. Nämlich so, dass wir die Freiheit und Würde unseres Mitmenschen achten – das gilt auch für intime Beziehungen.

Sie haben außerdem auf die Geschichte von David und Jonathan hingewiesen. In der Tat wird hier eine liebevolle Beziehung zwischen zwei Männern in einem sehr positiven Sinne geschildert – ob diese Beziehung auch eine körperliche Dimension hatte, erfahren wir nicht, und welche Art von Liebe zwischen den beiden gemeint ist, auch nicht. Das bleibt unserer Phantasie überlassen.

Sie sehen also: In der Bibel ist von vielen unterschiedlichen Beziehungen die Rede, sie ist aber sicher kein Beziehungsratgeber.

Dass Sie und Ihr Freund sich sehr lieb haben, ist wunderbar. Ich wünsche Ihnen guten Mut dabei, herauszufinden, wie Sie Ihre Beziehung weiter gestalten wollen. Ihr Glaube muss Ihnen dabei nicht im Wege stehen – im Gegenteil. Paulus schreibt ja an anderer Stelle: Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit! Und wo könnte dieser gute Geist der Freiheit mehr spürbar werden, als in einer aufrichtigen und fröhlichen Liebe?

Mit herzlichen Grüßen, Ihre Anna Scholz

P.S. Auf Youtube gibt es den Channel „Anders Amen“. Da finden Sie noch viele weitere Anregungen, die Ihnen vielleicht weiterhelfen! 

Außerdem möchte ich Sie noch herzlich auf das Angebot von www.zwischenraum.net aufmerksam machen. Dort setzen sich engagierte Christinnen und Christen mit Fragen rund um Glaube,  Liebe und Sexualität auseinander. Vielleicht ist das eine hilfreiche Anlaufstelle für Sie, die Sie weiterbringt!

 

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