Johannes 5,4: Warum heilt Jesus nicht alle?

Gefragt von Pia Hauck

Guten Tag. Ich bin dabei, das erste Mal die Bibel zu lesen, also Anfänger. Nun kann ich nicht verstehen warum in Joh. 5,4 steht, dass nur EIN Mensch, nämlich der erste, der das Wasser berührt, von den Vielen geheilt wird. Das erscheint mir ungerecht den Anderen gegenüber. Unser Gott ist aber nicht ungerecht. Wie soll ich das also verstehen? Vielen, lieben Dank für Ihre Antwort und schöne Grüße, Pia Hauck

Liebe Pia,

wie schön, dass Du nun in der Bibel liest. Und wunderbar, dass du im Johannesevangelium angekommen bist – diesem so poetischen und ganz von der Botschaft Jesu Christi durchfluteten Evangelium. Aber gerade das Johannesevangelium mit seinem starken Glaubensbotschaften gibt uns als Leser:innen manches Mal viel zu fragen und zu ertragen.

Johannes berichtet in dieser Geschichte ja von dem Teich Bethesda in Jerusalem an einem der Stadttore, dem Schaftor, dessen Wasser man heilende Kräfte zusprach, wenn es sich bewegte. In fünf Hallen warteten darum viele Menschen auf Genesung: „Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte“. Und Jesus hört, dass da ein Mann ist, der seit 38 Jahren krank ist. Zu ihm geht er. Der Mann erzählt, dass er keine Kraft hat, selbst zum Wasser zu gehen.

Einerseits kann man vielleicht verstehen, dass Jesus gerade auf ihn zugeht, mit seiner langen Leidensgeschichte. Kaum auszudenken, was es damals bedeutete, krank zu sein - und dann auch noch so lange! Die Bibel beschreibt nicht, welche Krankheit er hat. Aber für alle kranken und behinderten Menschen damals galt: Es gab kaum eine medizinische Versorgung. Auch die pflegerischen Mittel waren begrenzt. Krankheit und Behinderung war zudem immer mit Armut verbunden; und damit, nicht zur Gesellschaft dazugehören und verachtet zu sein, da Krankheit als Gottesstrafe gesehen wurde.

Andererseits: bestimmt hatten auch andere der dort Wartenden solche tragischen Lebensgeschichten. Und Jesus heilt  nur diesen einen Mann. Ich kann Deine Frage sehr gut verstehen: warum heilt Gott nicht alle dort?

Und doch ist das ein wiederkehrender Gedanke in der Bibel: Gott wählt Menschen aus. Das ist vielleicht eine Widerspiegelung der Erfahrung, die Menschen machen: warum geht es manchen Menschen gut, und manchen nicht? Es muss eine göttliche Entscheidung dahinter stehen. Ich finde, das ist eine der schwierigsten Fragen im Glauben: wenn es doch einen Gott gibt, warum gibt es dann Leid? Wenn er es nicht sogar bewusst will, warum lässt er es dann zu?  Oder zeigt die Abwesenheit von Vollkommenheit, dass es keinen Gott gibt? Oder, dass er zu schwach ist?

An diesen Fragen werden auch gerne gläubige Menschen von außen gemessen: „Wenn du an Gott glaubst, warum geht es dir dann schlecht?“ „Wenn es Gott gibt, warum gibt es dann noch Krieg…“ und so weiter. Sogar Jesus ist so provoziert worden, als er am Kreuz war: „Wenn Du Gottes Sohn bist, dann steig doch herunter von deinem Kreuz.“ (Matthäus 27,40)

Glauben heißt auch, vertrauen, inmitten all dieser Fragen dass Gott um das Leben eines jeden weiß, davon bin ich überzeugt. Und dass er auch und sogar gerade in schweren Zeit da ist. Manchmal nimmt er das Leid, manchmal auch nicht, diese Erfahrung haben schon viele Menschen machen müssen.  Dennoch leben wir Menschen in der Verheißung des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung des Johannes 21,4: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Mit herzlichen Grüßen

Deine Pfarrerin Pamela Barke

 

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