Missbrauch, Gewalt an Kindern

Gefragt von Rüdiger Cullmann

Sehr geehrte Frau Barke, ich wende mich an Sie weil ich bis heute nicht verstehen kann, warum sexueller Missbrauch und Gewalt an Kindern die im Namen der beiden Kirchen begangen wurden / werden nicht mit aller Härte bestraft werden kann. Kurz zu meiner Person: Ich wurde am 25.12.1959 in Düsseldorf geboren. Als 6Jähriger wurde ich zum ersten mal in einem Kinderheim abgegeben. Nach einiger Zeit holte mich mein Erzeuger mit seiner neuen Frau zurück, kam dann aber als 8jähriger wieder ins Heim. Das, was ich noch weiß: dass es mir gegenüber sexuellen und vor allen Dingen körperliche Gewalt gegeben hat. Irgendwann im Jahr 1971 kam ich zu einer Familie die mich aufnahm. Leider hatte das Jugendamt einer Adoption damals nicht zugestimmt. so durfte ich nur an den Wochenenden und Ferien zu ihnen. Aber das war mir und der Familie egal. Bis heute lebe ich mit diesen lieben Menschen als wenn ich ihr eigenes Familienmitglied bin. Bis hierher alles gut, ich bin verheiratet, habe 2 Erwachsene Jungen und bin stolzer Opa von 2 Enkeln.
Jetzt kommt aber, warum auch immer, öfters die Frage an mich seitens meiner eigenen Familie wie es denn damals in den Kinderheimen war. Es war ein Kinderheim welches von der Evangelischen Kirche und staatlich war. Fragen die ich, wenn ich es vertreten kann ehrlich beantworte, löst Entsetzen und Wut gegenüber den damals Verantwortlichen aus. Vielleicht kann man sich vorstellen das es nicht einfach ist alles zu beantworten. Teils aus Scham, teils deswegen um keine Seelischen Verletzungen zu verursachen. Übrigens trifft das auch gegenüber meiner Frau zu. Ich schreibe Ihnen diese Zeilen um mir auch mal "Luft"; zu machen. Ich will keine Entschädigung in irgendeiner Form, darum geht es absolut nicht. Worum es mir geht ist, dass ich nicht verstehen kann, warum die Kirchen eine solche Macht haben Gewalt in jeglicher Form nach ihrem eigenen Regeln bearbeiten / verurteilen kann wie es ihnen beliebt. Die Kirche muss Missbrauchsfälle nicht an den Staat melden, das alleine ist ja schon schockierend genug. Nun möchte ich mich noch bedanken, dass ich die Möglichkeit habe mal mit jemanden in Kontakt zu treten der meine Lage hoffentlich versteht. Ich will niemanden, der mir jemals was angetan hat, in irgendeiner Art und Weise Nahe treten. Denn die, die Gewalt an Kindern verübt haben und heute noch tun, sind krank und müssen damit leben. Ich bin einfach im Internet auf Sie aufmerksam geworden und nun haben Sie mich am Hals :) Hochachtungsvoll und mit freundlichen Grüßen
Rüdiger Cullmann

Sehr geehrter Herr Cullmann,

es bewegt mich sehr, was Sie erzählen. Es macht mich traurig. Es macht mich wütend. Sie schildern Ihre Erlebnisse und ich versuche es mir ansatzweise vorzustellen, wie sehr Sie solche äußeren und inneren Verletzungen als Kind getroffen haben und wie Sie damit ins eigene Leben entlassen worden sind. Ich schäme mich zutiefst, dass eine christliche Einrichtung und Menschen, die sich als Christen empfinden, so gehandelt haben. Dass nichts die Leiter:innen und Mitarbeiter:innen daran gehindert hat, diese Destruktivität auszuleben – diese sich selbst nicht und niemand sonst.

Es ist gut, dass Sie davon jemandem aus der Kirche berichten und dass Sie sich hier an uns gewendet haben. Ich hoffe, dass Ihnen das etwas Luft zum Atmen Luft schenkt und dass Ihre Seele einmal etwas Raum dafür bekommt – guten Raum.

Ich bin Pfarrerin geworden, um mit Menschen gemeinsamen nach guten Wegen des Lebens zu suchen. Gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen war und ist es mir wichtig zu vermitteln, wie es in einem Lied heißt: „Gott gab uns Atem, damit wir leben, er gab uns Augen, dass wir uns sehen“. Darum entsetzt es mich zutiefst, dass Sie Menschen erleben mussten, die Sie derart unter Druck gesetzt habe, die Sie nicht als schutzbedürftiges Kind gesehen haben, die Sie nicht als Mensch mit Würde behandelt haben – kurz: die ihre Macht und Verantwortung missbraucht haben. Es hätte eigentlich eine Macht zu Ihren Gunsten sein soll, eine Macht zum Guten.

Sie fragen zu Recht nach dem Verhalten dazu Kirchen heute: Ich kann Ihnen für die evangelische Kirche antworten. Sie kritisieren ein zu schwaches Strafmaß – um darauf eingehen zu können, wäre es hilfreich, was Sie da konkret vor Augen haben. Das aber gilt in jedem Fall: Bei evangelischen kirchlichen und diakonischen Trägern haben Sie jederzeit das Recht, eine Anzeige zu erstatten, es wird hier sogar empfohlen. Das heißt, neben dem Disziplinarverfahren wird ein Strafverfahren eingeleitet, sobald Anzeige erstattet wird.

Die Kirchen und die Diakonie haben Anlaufstellen für Opfer von Missbrauch und Gewalt eingerichtet, die Ihnen zuhören und die mit Ihnen gemeinsam sichten können, was Ihnen helfen kann. Bei den seelsorglichen und verschwiegenen Gesprächen bestimmen allein Sie, was Sie erzählen, und was nicht. Viele Betroffene kennen, was Sie beschreiben: Scham und die Sorge, das Gegenüber zu belasten. In den vertraulichen Gesprächen, in denen nichts nach außen gegeben wird, was Sie nicht wollen, bestimmen Sie erst einmal für sich, worauf Sie schauen möchten, und worauf nicht. Sie erhalten dort (auch auf deren Internetseiten) Informationen zu unabhängigen Beratungsstellen. 

Ich verlinke Ihnen beispielhaft zwei solcher Anlaufstellen: Norddeutschland: Nordkirche / Süddeutschland: Evangelische Landeskirche in Württember.

Heute haben die die evangelischen Kirchen und Diakonie Leitfäden und Handlungsverpflichtungen für die Gemeinden und Einrichtungen für Prävention und Intervention erarbeitet. Verschiedene Kommissionen sind zudem in der Aufarbeitung lange zurückliegender Fälle tätig – in dem Wissen, wie wichtig es für die Betroffenen ist, dass sich die Einrichtungen ihrer Verantwortung stellen.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen hilfreiche Antworten geben -  Seien Sie behütet bei allen Schritten Ihres Lebens und seien Sie begleitet von Menschen, die Ihnen Gutes wollen

Ihre Pfarrerin Pamela Barke

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