Glauben ohne Gott?

Gefragt von Dominik
Believe - Glaube ohne Gott

©Ran Berkovich/Unsplash

Hallo Frau Scholl,

ich habe mein Leben lang nicht an Gott geglaubt. Seit Dezember letzten Jahres habe ich aber eine Art Glaube entwickelt. Ich glaube weiterhin nicht an den Gott, wie er in der Bibel steht; dass ein Wesen alles erschaffen hat und über uns richtet. Ich bin immer noch naturwissenschaftlich geprägt und glaube an die Evolution und die Kraft der Natur. Dennoch hat mich eine schwere Krankheit meiner Mutter dazu gebracht, eine Art Glaube zu entwickeln.

Ich weiß immer noch nicht recht, wie ich es für mich definieren soll. Ich spreche jeden Tag ein Gebet und als "Platzhalter", wenn ich es mal so nennen darf, sage ich auch anfangs immer "Lieber Gott...". Ich wünsche mir, dass meine Mutter die Krankheit überwindet und "Gott" zusammen mit meiner Oma und meinem Opa und unseren Schutzengeln auf sie aufpassen.

Wenn ich meine Oma auf dem Friedhof besuche, bin ich ihr immer ganz nah, der Friedhof erdet mich regelrecht. Ich bin gerne dort. Zusammengefasst glaube ich nicht an Gott, habe mit der Bibel nichts zu tun, habe aber nun irgendeine Art Glaube für mich entwickelt. Auch dahingehend, dass ich mir wünsche, dass ich meine Lieben alle nach dem Tod wiedersehe. Ich bin sehr verwirrt, weil die Natur für mich das einzig Wahre ist, ich aber dennoch irgendwie über Geister, Schutzengel und Wiedersehen nach dem Tod nachdenke.

Grüße
Dominik

Lieber Dominik,

herzlichen Dank für Deine Zeilen. Wenn ich sie lese, beeindruckt mich, wie deutlich und verständlich Du schreiben kannst über das, was Dich da bewegt und das, obwohl Du selbst sagst, dass die Zusammenhänge dich verwirren. Ich glaube, dass es Mut braucht, darüber zu sprechen, dass eigene Überzeugungen, die immer tragfähig waren, hier und da im Leben Ergänzungen erfahren oder sich verändern.

Du schreibst, dass die schwere Krankheit Deiner Mutter für Dich ein Impuls war, eine Art Glauben zu entwickeln. Ich selbst erlebe das auch oft so, dass ich in Momenten, die besonders dunkel sind, irgendwie offen werde für Gott. Gerade solche Momente sind es ja, die uns spüren lassen, dass es Unverfügbares im Leben gibt, Dinge, die wir nicht mehr bis ins letzte in der Hand haben wie die Frage nach Gesundheit oder Krankheit. Gott ist auch unverfügbar. Ich glaube deshalb hat er zutiefst etwas mit diesen Grenzsituationen im Leben zu tun und nicht wenige Menschen machen genau in solchen Momenten Erfahrungen mit Gott. Die Psalmen sind voll von Gebeten, in denen Menschen ihr Leid und ihre Ängste artikulieren und daraus erwächst ein tiefes Gottvertrauen.

Neben solchen besonderen Lebenssituationen können es eben auch besondere Orte sein, die uns berühren. Du schreibst, dass Du gern auf dem Friedhof bist und Dich dort Deiner Oma besonders nahe fühlst  Wie schön, dass Du das dort erleben kannst. Für mich sind Friedhöfe auch besondere Orte, wo ich unweigerlich anfange über Fragen im Hinblick auf ein Leben nach dem Tod nachzudenken.

Du schreibst, dass Du regelmäßig betest. Das zu lesen hat mich besonders beeindruckt, denn es scheint mir so, als habe das fast wie von selbst begonnen. Ich glaube, dass Religion genau das ist: ich erlebe etwas, werde berührt und beginne darauf zu antworten, vielleicht manchmal stammelnd und gar nicht mit vielen Worten. Wenn ich selber beschreiben sollte, wie das bei mir ist beim beten, dann finde ich mich eigentlich in Deiner Beschreibung der Anrede Gottes als „Platzhalter“ ganz gut wieder. Wenn ich ‚Gott’ sage,  meine ich damit im Grunde die Fülle teils ganz zerbrechlicher und unbestimmter Erfahrungen, in denen ich in Kontakt gekommen bin mit dem, was mich im Leben trägt.

Diese ganz eigenen Erfahrungen, die Du mit Gott gemacht hast, sind erstmal das wichtigste und nicht, ob Du jeden Satz des christlichen Glaubensbekenntnisses mitsprechen kannst.

Du schreibst, dass Du nicht an den Gott der Bibel glaubst, an ein Wesen, das uns alle erschaffen hat. Du scheinst den Eindruck zu haben, dass diese Texte und ein wissenschaftlicher Blick auf die Entstehung der Welt nicht miteinander kombinierbar sind. Zu Deiner Überraschung kann ich Dir sagen, dass ich als Christin mit Gewinn die Bibel lese und gleichzeitig die Evolutionstheorie für sachgerecht halte.

Die Schöpfungsgeschichte in der Bibel will gar keine historischen Tatsachen abbilden. Es sind Erzählungen, in denen Menschen sich schreibend auf die Suche begeben nach Antworten auf die großen Fragen, wie die, woher die Welt kommt, wie das Böse in die Welt kommt... Falls Du doch nochmal die Bibel lesen solltest, probier doch mal aus, dir dabei vorzustellen, dass da Jemand ebenso wie Du Erfahrungen mit Gott macht und dann nach Bildern sucht, mit denen er anderen davon erzählen kann.

Wie Du all das, was Du erlebst für Dich definieren sollst, fragst Du Dich. Ich frage mich: Musst Du das überhaupt? Ich glaube, dass solche Erfahrungen, wie Du sie machst, viel zu kostbar sind, als dass man sie  nachträglich immer mit irgendwelchen Definitionen belegen sollte. Ich würde Dich eher ermutigen wollen, Deinen Erfahrungen weiterhin so offen und neugierig zu begegnen, wie Du es jetzt tust.

Ich wünsche Dir dabei alles Gute.

Herzlich

Katharina

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