Trage ich Schuld am Suizid meines Ehemanns?

Anonym
traurige Frau
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Bitte helft mir. Und schreiben Sie meinen Namen nicht rein. Ich bin schuld am Suizid meines Mannes. Wir hatten die letzten Jahre eine ungute Ehe. Ich beklagte immer, mein Mann hätte kein Verantwortungsgefühl unseren beiden Kindern gegenüber. Ich war von Beginn an mit der Verantwortung für die beiden alleine und total überfordert. Ich komme aus einem unguten Elternhaus und habe dementsprechend viele Probleme und Verhaltensweisen, die ich nicht ändern konnte. Ich habe mir aber immer wieder Hilfe geholt, aber leider war das nicht so fruchtbar.
 

Ich habe Wut gegenüber meinem Mann entwickelt, weil er auch oft nicht da war. Er hat tags und oft bis spät am Abend gearbeitet, obwohl er das finanziell nicht hätte machen müssen. Ich war oft wütend und gemein und habe ihn so auch von mir weggetrieben. Unsere Jungs waren von Anfang an sehr anstrengend … Schreikinder, Schulprobleme etc. Ich habe alles alleine gemacht und fühlte mich hilflos und unverstanden.
Am Ende der Beziehung habe ich meinen Mann betrogen. Ich habe das alles nicht mehr ausgehalten. Mein Mann hat sich suizidiert. Ich bin schuld und weiß nicht weiter. Bitte helfen Sie mir.

Lieber trauernder anonymer Mensch, 

Ihre Frage hat unser Frage-Team erreicht. Wir sind getroffen von Ihrer Frage. Ihnen und Ihrer Familie spreche ich meine aufrichtige Anteilnahme aus und bekunde Ihnen mein Beileid. Sie stehen vor der Frage, die viele Trauernde mit Ihnen teilen. Wie gehe ich mit dem Sterben und dem Tod eines nahen Menschen um? Die Antwort fällt mir grundsätzlich schwer. Aber ich will es mit zwei Antworten versuchen. 

Es gibt Zeiten, in denen der eigene Glaube und die persönlichen Grundüberzeugungen keine Antwort auf das Leben anbieten. Man muss dann warten, geduldig sein, Gefühle - auch die Schuldgefühle - aushalten, um dann Schritt für Schritt Perspektiven entwickeln zu können. Das sind Zeiten voll von schwerer Klage, Selbstanklage und Hoffnung auf einen Wendepunkt zum Besseren. Das weiß schon die Bibel: "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit." (aus Prediger 3

Das ist dann auch meine erste Antwort an Sie: Sie hatten gute Jahre in Ihrer Ehe, Sie sind Eltern geworden, da schimmert in Ihrer Beschreibung etwas auf, das gut klingt. Vielleicht entdecken Sie, dass in der Trauer und inmitten der Schuldgefühle, die Sie erleben, auch gute Zeiten gewesen sind. Und: Sie haben Zeiten des Streites und Zeiten der Annäherung erlebt. Die Antwort auf Ihre Bitte um Vergebung braucht - gerade in Zeiten der Trauer - Ihre große Geduld. Die wird gerade strapaziert. Gott wird Sie mit Ihrer Schuld nicht fallen lassen. Also: Welche Erinnerungen, Gefühle und welche Liebe wird nun bleiben? Sie leben in einer Kirchengemeinde, ich denke, dass ein Beichtgespräch mit Ihrer Pastorin oder ihrem Pastor gut wäre. Ein Wort der Vergebung ist möglich. Heute überschattet das Ende alles, der Tod eines nahen Menschen ist mächtig. Doch das ist nicht das letzte Wort. Auch unsere Schuldgefühle werden nicht das letzte Gefühl für einen Menschen sein. Nach der Plage, die wir alle im Leben ertragen, wartet eine erfüllte Zeit. So sagt es die Bibel: "Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt." (Prediger 3,10-11)

Suizid ist für alle Trauernden schlimm und wirkt wie ein Bleigewicht. Aber: Es war Ihr Mann, er hat alleine entschieden, er ist der Täter. Das ist grausam, aber wahr: Täter und Opfer sind dieselbe Person. 

Ich kenne Sie nicht, ich antworte Ihnen öffentlich, darum bitte ich Sie und alle Mitlesenden: Wenn Ihnen Ihr Leben nur noch eine Last ist, dann suchen Sie bitte Hilfe. Bei Suizidgedanken bitte ich Sie, die Telefonseelsorge anzurufen: 0800 1110111.  Die Menschen der Telefonseelsorge sind an sieben Tagen 24 Stunden lang zu erreichen. So ein Gespräch glättet in schweren Momenten manchen seelischen Sturm. Und: Bitte suchen Sie sich Hilfe, eine Pastorin, einen Pastor, die nächste Beratungsstelle, Therapeutinnen und Therapeuten können zuhören und im Gespräch gemeinsam mit Ihnen eine Perspektive entwickeln. Ich kann nur schreiben, was die Bibel sagt: "Gott wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen." (Micha 7,19

Sie haben Kinder. Es bleibt Ihnen sehr viel aus Ihrer Ehe, nicht nur Verantwortung. Sie haben - falls Ihre Kinder schon erwachsen sind - in ihnen zwei Gesprächspartner. Sie können gemeinsam Erinnerungen pflegen und wertvolle Dinge entdecken, die Sie alle über den Tod hinaus verbinden. Bitte tun Sie das gemeinsam. 

Nun habe ich zwei Antworten versucht und kann Ihnen Ihre Schuldgefühle nicht nehmen, aber vielleicht gewinnen Sie Zeit und Geduld und Ihnen wird Hilfe zuwachsen. Gott segne Sie und schenke Ihnen Menschen, die hören, verstehen und Worte der Vergebung für Sie finden. 

Gott befohlen, Ihr Henning Kiene 

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