Innige Beziehung zur Mutter - ist das eine Seelenverwandtschaft?

stefan

Hallo Liebes Evangelisch Fragen Team, 

ich habe eine für mich sehr wichtige Frage über die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir. Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis zueinander gehabt, meine Mutter ist vor 2 Jahren verstorben. Uns haben andere Leute gesagt wie eng unsere Beziehung war, wir hatten gegenseitig das emotionales Zuhause im anderen gefunden. Wir selber nannten es Seelenverwandtschaft. Gibt es Seelenverwandtschaft wirklich? Ich habe das Buch "Meine Mutter Monika" bekommen, das erzählt die Geschichte von der heiligen Monika und ihrem Sohn den heiligen Augustinus und das heißt es auch: "eine Mutter und ich waren ein Herz und eine Seele." So schreibt Augustinus. Heute wird auch das ein Herz und eine Seele sein als Seelenverwandtschaft beschrieben. Bin ich zudem jetzt unchristlich weil ich das so sehe?

Lieber Stafan,

vielen Dank für Ihre Frage, die ich in drei - je abgeschlossenen - Absätzen beantworten möchte. 

Zunächst: "Du sollst Vater und Mutter ehren", heißt es im vierten der zehn biblischen Gebote und Martin Luther erläutert das Gebot so: Man soll seine Eltern "in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben." Das, was Sie schreiben, zeigt, dass Sie Ihre Mutter ehren und umgekehrt Ihre Mutter Ihnen auch mit einer solchen ehrenden Haltung begegnet ist. Ist das unchristlich? Nein, im Gegenteil, wer einen Menschen "ehren" kann, verfeinert auch die persönliche Fähigkeit, den christlichen Glauben zu praktizieren. 

Zweite Antwort: Der Begriff "ein Herz und eine Seele sein" ist tatsächlich der Bibel entnommen.  Die Gemeinde, von der in der Apostelgeschichte berichtet wird,  "war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam." (Apostelgeschichte 4,32) Dass in dieser Gemeinde auch Familien, Eltern, Kinder, Ehepaare auch die weitere Verwandtschaft zusammenlebten ist unbestritten. Also verbindet der christliche Glaube Menschen - auch Familien zu - "einem Herzen und einer Seele". Ist das unchristlich? Nein, es ist biblisch. 

Meine dritte Antwort: Das Wort Seelenverwandtschaft klingt etwas altmodisch, aber es bezeichnet eine große Ähnlichkeit zwischen Menschen, die in der Art, etwas zu empfinden, Vertrauen füreinander entwickeln und sich von diesem Vertrauen gegenseitig getragen wissen. Es geht um eine Nähe und ein Empfinden, das sich schwer in Worte fassen lässt. Auch solches Empfinden ist christlich, auch ein Apostel beschreibt solche Vertrautheit: "Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens." (Epheser 4,3) Solche Verwandtschaft gibt es. Lassen Sie sich von kritischen Nachfragen nicht irritieren.  

Der Kirchenvater Augustinus hat solche Nähe offenbar mit seiner Mutter Monika erlebt. Die Mutter soll ihre Söhne auf dem Sterbebett gebeten haben: "Begrabt meinen Leib, wo es auch sei, und macht euch keine Gedanken darum. Nur um eins bitte ich euch, gedenkt meiner, wo immer ihr euch aufhalten mögt, am Altar des Herrn." Auch viele Jahre nach dem Tod meiner eigenen Eltern schließe ich meinen Vater und meine Mitte immer wieder in meine Dankgebete ein. Eine gute, ehrliche, tragfähige Familie zu haben entlastet die Seele, sorgt für ein gutes Gefühl und stärkt das Vertrauen, das man häufig in andere Menschen setzen muss. Heute - nach vielen Jahren in der Seelsorge - weiß ich, tiefe Seelenverwandtschaften sind wirklich sehr selten und darum kostbar.  

Ich hoffe seht, dass ich Ihre Frage beantworten konnte.  Im Zweifelsfall spitzen Sie Ihre Frage bitte noch einmal zu und wir, das Team von fragen.evangelisch.de bemühen uns um eine noch eindeutigere Antwort.

Herzlich grüße ich Sie, Ihr Henning Kiene 

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