Darf man sich von verschiedenen Religionen angesprochen fühlen?

Meryem
Jesus-Statue
©Getty Images/iStockphoto/barbaraaaa

Hallo,

ich bin fast 20 Jahre alt und gehöre dem Islam an. Ich glaube an meine Religion und praktiziere sie auch. Trotzdem beschäftigt mich seit meinem 13. Lebensjahr das Christentum.

Ich habe mehrmals von Maria und Jesus geträumt, teilweise als Statuen. In diesen Träumen habe ich mich ihnen auf eine besondere Weise verbunden gefühlt. Es gab auch Träume, in denen ich zum Christentum konvertieren wollte.

Außerdem habe ich manchmal in der Bibel gelesen und einige Verse haben mich sehr berührt. Gleichzeitig glaube ich weiterhin an den Islam. Dadurch fühle ich mich oft verwirrt, weil mich beide Religionen auf unterschiedliche Weise ansprechen.

Ich weiß nicht, wie ich mit diesen Gedanken umgehen soll und habe niemanden, mit dem ich offen darüber sprechen kann. Können Sie mir helfen oder mir einen Rat geben, wie ich mit diesen Gefühlen und Fragen umgehen kann?

Vielen Dank.

Liebe Meryem,

es freut mich zu hören, wie aufrichtig du dich mit deinem Glauben auseinandersetzt. Dass du seit deinem 13. Lebensjahr von Maria und Jesus träumst und dich mit dem Christentum beschäftigst, zeigt, wie offen du für spirituelle Fragen bist. Dass es ausgerechnet Maria ist, hat vielleicht auch mit deinem eigenen Namen zu tun. Mirjam, Marian, Meryem – dreimal der gleiche Name. Gleichzeitig macht es mich traurig, wenn ich lese, dass es dich verwirrt und in Gewissensnöte bringt, wenn du dich für das Christentum und die Bibel interessierst. 

Zu deinen Träumen kann ich nur so viel sagen: Mit ist aufgefallen, dass du Jesus und Maria im Traum manchmal als Statuen begegnest. Da scheint dir dein Unterbewusstsein deutlich machen zu wollen, dass eine allzu große Verehrung dieser beiden nach islamischem Verständnis eher einem Götzendienst gleichkäme. Aber ich bin kein Psychologe. Ich musste nur daran denken, dass im Qur‘an Ibrahim (Abraham) die Statuen seines Vaters zerschlägt. 

Du schreibst, dass du deinen eigenen Glauben praktizierst, und anscheinend lebst du gern in ihm. Das sollte genügen, dass du ohne schlechtes Gewissen auch in anderen Religionen Wahrheiten entdecken kannst. Ich kann dir natürlich als Pfarrer und Christ keine „Erlaubnis“ erteilen, aber ich würde dir gern sagen, dass ich deine Haltung für eine sehr gute und richtige halte, denn ich bin der Überzeugung: Wer den eigenen Glauben schätzt, und selbstbewusst mit ihm lebt, kann sich anderen Glaubensrichtungen gegenüber öffnen, kann neugierig sein und anerkennen, was die haben. 

Das ist wie mit anderen Meinungen auch: Wer von etwas zutiefst überzeugt ist, braucht nicht zu versuchen, andere mit allen Mitteln zu überzeugen. Stattdessen kann man sich anhören, was andere denken, empfinden, meinen. Einiges davon leuchtet vielleicht ein, anderes nicht. Aber man hört einander zu und bleibt neugierig. Das ist eine der wichtigsten Tugenden unserer Zeit, finde ich – auch ganz unabhängig von irgendeinem Glauben oder einer Religion.

Man muss nicht die Religion wechseln, nur weil man Schönes in einer anderen Religion findet. Ja, es kann dazu kommen, aber das ist nicht zwangsläufig so. Vielleicht findest du ja eine interreligiöse Gesprächsgruppe irgendwo in deiner Nähe. Du wärst da sicherlich eine Bereicherung und vielleicht haben die anderen dort auch die eine oder andere Antwort für dich.

Alles Gute!

Frank Muchlinsky 

Fragen zum Thema

Lieber Joshua, das 2. Gebot (nach lutherischer und nach katholischer Zählung – für Juden…
Lieber "Hinweisender",offensichtlich hat Sie die Aussage des Papstes zu den anderen…
Lieber Herr Roggemann, nun liegt Ihre Frage schon eine Weile unbeantwortet in meinem…