Konvertieren. "Triviale" Fragen

Frau Gast
© epd-bild / Jens Schulze

Sehr geehrter Herr Muchlinsky,

ich würde gerne von der Römisch-katholischen in die Evangelisch-lutherische Kirche wechseln. In meinem Kopf geistert dieses Thema schon über 10 Jahre herum. Die Tendenz bzw. der Wunsch wird immer stärker. Fakt ist, dass ich mich sehr mit den Unterschieden beschäftigt habe und von mir behaupten kann, dass meine Überzeugungen, soweit ich weiß, viel viel eher denen der evangelischen Kirche entsprechen. Ich besuche mit meinem evangelischen Partner den evangelischen Gottesdienst. Früher sind wir wohnortbedingt so gut wie nur in den katholischen gegangen. Um es kurzzufassen: Ich fühle mich viel eher evangelisch als katholisch - und das schon lange! Ich bin zwar irgendwie Katholik, aber einfach nicht mit vollem Herzen. Die Prinzipien allein durch die Gnade, allein die Schrift etc. und die Mündigkeit, die Bibel selbst auslegen zu dürfen, fehlen mir in der katholischen Kirche. Ich lehne vieles aus der römisch-katholischen Lehre und Tradition für mich persönlich ab.

Dennoch habe ich Angst vor diesem Schritt. Bis auf die letzten Jahre war der katholische Gottesdienstbesuch trotz aller Zweifel irgendwie Heimat für mich. Es sind meiner Meinung nach eher „triviale“ Dinge, die mich ängstigen: Darf ich zu Hause kein Kreuzzeichen mehr machen? Muss ich das Kruzifix abhängen? Muss ich mir den Knicks vor dem Altar abgewöhnen? Muss ich meinen Maria-Glücksbringer weggeben (Fände ich jetzt schon sehr übertrieben…)? Darf ich nie mehr Weihwasser benutzen? Mein Gewissen sagt dazu: Ich kann ruhig diese symbolischen katholischen Gewohnheiten beibehalten.

Manche Fragen sind aber nicht so leicht: Was ist, wenn ich von einem katholischen Kind Patin werden soll? Wie wird es sein, wenn ich mit meiner Verwandtschaft in der katholischen Heimatgemeinde in den Gottesdienst gehe? Klar, an der katholischen Eucharistiefeier darf ich nicht mehr teilnehmen. Diese „trivialen“ Fragen beschäftigten mich. Könnten Sie mir da bitte weiter weiterhelfen?

Liebe Frau Gast,

wenn jemand sich in einer Kirche einmal zu Hause gefühlt hat, ist ein Konfessionswechsel durchaus ein Akt der Migration. Sie überlegen, ob Sie Ihre geistliche Heimat verlassen wollen und fragen sich, was Sie bei Ihrem Umzug alles mitnehmen können. Wie beim Auswandern befürchten Sie, dass einige Ihrer Bräuche in der neuen Heimat vielleicht nicht gern gesehen werden. Darum finde ich Ihre Fragen gar nicht trivial, sondern ausgesprochen bedeutsam für Ihre Überlegungen.

Lassen Sie mich trotzdem mit den Punkten beginnen, die Sie „trivial“ genannt haben: Sich zu bekreuzigen ist auch in evangelischen Kirchen möglich. Luther tat es und empfahl es zum Beispiel in seinem Morgensegen. Da schreibt er: „Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen“ (Hier können Sie den ganzen Morgensegen nachlesen.) Wo wir gerade bei Luther sind: Für ihn war Maria ausgesprochen wichtig. Und sich vor dem Altar zu verbeugen oder einen Knicks zu machen, zeugt von Respekt, und den sollten alle haben, die eine Kirche besuchen. Lassen Sie Ihr Kruzifix hängen! Tauchen Sie Ihren Finger in Weihwasser, wo immer Sie es finden! All das sind keine Hemmnisse für einen Übertritt in die evangelische Kirche. Sie haben geschrieben, dass Ihnen Ihr Gewissen sich da nicht meldet. Ich denke, es bleibt aus guten Gründen still.

Die Frage nach der Patenschaft ist tatsächlich ein wenig komplizierter. Sie haben recht: Wenn Sie in die evangelische Kirche wechseln, können Sie nicht mehr Patin bei einer katholischen Taufe werden. Allerdings könnten Sie als evangelische Christin „Taufzeugin“ werden. Ihre Aufgabe wäre dieselbe, lediglich der Titel ist ein anderer. (Hier finden Sie mehr zu dem Thema.)

Und was den Besuch in Ihrer alten Heimatgemeinde angeht, so kann ich Ihnen natürlich nicht sagen, ob man Sie dort schräg anschaut, wenn Sie einmal konvertiert sind. Ich hoffe allerdings, dass man Sie dort so behandelt, wie auch ich als evangelischer Christ in der katholischen Kirche behandelt werde: Mit großer Gastfreundschaft.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein paar Fragen so beantworten, dass es Ihnen in Ihrer Entscheidung weiterhilft. Wenn Sie mehr über die „technischen“ Einzelheiten eines Übertritts wissen möchten, klicken Sie gern hier.

Herzliche Grüße!

Frank Muchlinsky

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