Warum Kirchenmitglied bleiben?

Jürgen Reitz
Älterer Mann ließt in der Kirche in der Bibel
© curated lifestyle/Unsplash

Ich war nach der Konfirmation 10 Jahre als Gottesdiensthelfer tätig. Dann kamen gut 25 Jahre - beruflich bedingt - Reisen durch Deutschland dazu. Mit 52 bekamen meine Frau und ich noch Zwillinge. Da ich in der Wirtschaftskrise 2003 keine Aufträge als Manager auf Zeit bekam, übernahm ich die Funktion des Hausmannes. Bis dahin war mein Glaube noch gefestigt. 

Ich habe dann drei Ausbildungen zum ehrenamtlichen Seelsorger gemacht, jeweils 1,5 Jahre lang. Einmal am Düsseldorfer Flughafen, als Telefonseelsorger und als Notfallseelsorger. Im Laufe dieser Zeit kamen noch persönliche Probleme und auch einige Auseinandersetzung mit der Kirche und dem Gemeindepfarrer dazu.

Ich habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, aus dieser nicht reformwilligen Kirche auszutreten. Meine Frage ist daher: Wie kommt man wieder zum gefestigten Glauben zurück und was gibt es für Gründe, in der evangelischen Kirche zu bleiben? Trotz aller Probleme.

Lieber Herr Reitz,

vielen Dank für Ihre Frage und den Einblick in Ihre Biografie. Ich bin beeindruckt, wie sehr Sie mit viel Zeit, Kraft und Expertise christliches Leben mitgestaltet haben!

Sie schildern Auseinandersetzungen mit Kirche und Gemeindepfarrer, die Sie am Glauben zweifeln lassen. Nach meiner Erfahrung offenbart sich durch intensive Mitarbeit die Innensicht von Kirche. Damit geht einher, dass auch Dinge in den Fokus geraten, die nicht gut laufen. Ein Kirchenaustritt wäre eine Möglichkeit, diesen Ärger auszudrücken. 

Welche Gründe gibt es, trotzdem in der Evangelischen Kirche zu bleiben? Grundlegend ist für mich der biblische Gedanke der „Ekklesia“, der Versammlung der Anhängerinnen und Anhänger der Lehre Jesu. Die Apostelgeschichte berichtet davon, wie von Beginn an christliche Gemeinschaft organisiert wurde: Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet (Apg 2, 42-47). Die Evangelische Kirche ermöglicht diese Gemeinschaft und organisiert evangelisches Leben, wozu wir als Einzelperson nicht in der Lage wären. Was konkret "evangelisches Leben organisieren" bedeutet, finden Sie hier in der Liste mit 12 Gründen, Mitglied in der Evangelische Kirche zu sein. Einen 13. Grund möchte ich hinzufügen: Menschen wie Sie mit Ihrem ehrenamtlichen Engagement sind ebenfalls ein guter Grund, trotz Kritik an der Organisation Kirche am Ball zu bleiben! 

Wir Christinnen und Christen brauchen einander – gerade in Zeiten des Zweifelns. Auch Streit über den richtigen Weg gehörte von Beginn an dazu. Ich denke: Gerade dann, wenn es nicht gut läuft, braucht die Evangelische Kirche Menschen wie Sie. Durch konstruktive Kritik an der Institution können Missstände benannt werden und Veränderungen in Gang kommen. 

Ich hoffe sehr, dass Sie nach dieser intensiven Phase, in der Sie sich mit den erkannten Problemen auseinandergesetzt haben, die starke Seite der evangelischen Kirche wiederentdecken. Und vor allem: Dass Sie dabei Ihren Glauben und das Vertrauen in Gottes Gemeinschaft wieder spüren werden.

Herzliche Grüße 

Ihre Helena Malsy

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